29.09.2016

Truvada Bald in Deutschland erlaubt: Diese Pille schützt vor HIV

Das HIV-Arzneimittel Truvada hat im August die europäische Zulassung zur PräExpositionsProphylaxe (PrEP) von HIV erhalten.

Foto: iStock/Marc Bruxelle

Das HIV-Arzneimittel Truvada hat im August die europäische Zulassung zur PräExpositionsProphylaxe (PrEP) von HIV erhalten.

Truvada schützt vor HIV. Die Pille soll schon bald in Deutschland zugelassen werden. Ein Experte beantwortet die wichtigsten Fragen.

Diese blauen Pillen macht weltweit vielen Menschen Hoffnung: Das Medikament Truvada soll vor HIV schützen und es soll schon bald in Deutschland zugelassen sein. Chancen, Risiken und Kosten – ein Experte beantwortet die wichtigsten Fragen zu Truvada.

Truvada wurde ursprünglich für die Behandlung von HIV-Infizierten entwickelt. Seit mehreren Jahren wird es zudem als Schutz vor HIV eingesetzt. Wird Truvada vorbeugend eingenommen, dann bezeichnen Mediziner diese Form der Therapie als PrEP. Diese Abkürzung steht für PräExpositionsProphylaxe und heißt übersetzt etwa "Vor-Risiko-Vorsorge". Bei einer PrEP nehmen HIV-negative Menschen ein HIV-Medikament vorbeugend ein, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen.

Patienten müssen täglich eine Truvada-Tablette einnehmen. Sie soll auch bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit einem HIV-Infizierten vor der eigenen Ansteckung mit dem AIDS-Virus schützen. Bei regelmäßiger Einnahme soll der Schutz bei fast 100 Prozent liegen.

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Seit August in 28 europäischen Ländern zugelassen

Truvada ist das erste Medikament dieser Art, das in Europa zugelassen wurde. In Deutschland muss noch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn grünes Licht geben. Danach soll Truvada nur für bestimmte Risikogruppen und auf Rezept erhältlich sein. Das Präparat ist nicht billig. Pro Monat kostet die Behandlung mit Truvada rund 850 Euro, das sind um die 10.000 Euro im Jahr. Nach derzeitigem Stand werden die Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen. Ob das langfristig so bleibt, ist noch nicht abzusehen.

Eine niederländische Studie, erschienen im Fachmagazin Lancet Infectious Diseases, könnte ein Argument sein, dass die Kassen die Kosten zukünftig doch erstatten. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass mit Truvada die Zahl der Neuansteckungen und damit die der Aids-Erkrankungen gesenkt werden können.

Bei Dr. Heiko Jessen, einem Facharzt für Allgemeinmedizin und Infektiologie aus Berlin ist Truvada unter bestimmten Voraussetzungen jetzt schon erhältlich. Wir haben mit ihm über die Chancen und Risiken einer PreP-Behandlung gesprochen.

Was für eine Bedeutung hat die Zulassung des PrEP-Präparates in Europa?

Dr. Jessen: "Die Zulassung von PrEP in Europa hat eine Riesen-Bedeutung. Dadurch könnte die HIV-Epidemie eingedämmt werden. Sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt die Einnahme für Menschen, die sich anders nicht genügend vor HIV schützen können. PrEP eignet sich in Europa vor allem für Männer, die Sex mit Männern haben, Sex-Worker/innen und Menschen, die viel Sex mit unterschiedlichen Partnern haben. Wir brauchen zusätzliche Safer-Sex-Optionen. Es geht um sexuelle Gesundheit, nicht um Moral."

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Nutzen auch Frauen PrEP?

"In den USA sind die Medikamente bereits seit 2012 als PrEP zugelassen. Anfangs waren es 50 Prozent Frauen, die Truvada genommen haben. Mittlerweile ist die Bilanz bei 60 Prozent Männer, 40 Prozent Frauen. In Deutschland ist das Medikament unter Frauen bisher noch eher unbekannt. Deshalb nutzen es hierzulande bisher nur Männer."

Es gibt doch Kondome. Warum ist PrEP dennoch wichtig?

"Es gibt viele Männer, die keine Kondome nutzen können. Rund ein Drittel der Männer hat ein Problem mit Kondomen. Sie können z. B. keine Erektion mit dem Gummi bekommen. Für diese Leute sind alternative Präventionsmethoden wichtig, damit sie dennoch geschützten Sex haben können. Durch die Zulassung von PrEP haben sie nun neue Möglichkeiten."

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Wie sicher ist der Einsatz von PrEP?

"Die Sicherheit, sich nicht mit HIV zu infizieren, ist höher als beim Einsatz eines Kondoms. Sie liegt bei PrEP bei nahezu 100 Prozent. Außerdem haben die Pillen sehr selten Nebenwirkungen. Manchmal treten Probleme an den Nieren oder den Knochen auf. Bei regelmäßiger Einnahme werden die Patienten allerdings alle drei Monate durchgescheckt, so können Nebenwirkungen schnell erkannt und die Medikation eventuell angepasst werden kann."

Ist es ein Nachteil, dass Prep nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten schützen kann?

"Auch das Kondom schützt nicht sicher vor anderen sexuell übertragenen Infektionen. Die Übertragung einiger Geschlechtskrankheiten ist gelegentlich sogar mit einem Finger möglich. Deshalb sehe ich hier keine großen Nachteile für PrEP."

Werden Menschen durch PrEP unvorsichtiger?

"Menschen die PrEP nehmen sind nicht risikobereiter. Sie sind verantwortungsvoller und wollen trotzdem genießen."

Wie gehen unsere europäischen Nachbarn mit dem Einsatz von PrEP um?

"In England ist es erlaubt, dass Medikamente importiert werden. Dort können Interessierte Truvada aus Indien bestellen. Das kostet 40-50 Euro pro Monat. In Deutschland ist der Medikamenten-Export verboten. Durch diese starken Preisunterschiede kann sich schnell ein Schwarzmarkt für Truvada aufbauen. In Frankreich wird Truvada sogar von den Krankenkassen bezahlt. "

Übrigens: Das Patent von Truvada läuft 2017 aus, danach wird es deutlich kostengünstigere Generika auf dem Markt geben. Eine Modellrechnung aus den Niederlanden hat aber gezeigt, dass sich das Präparat sogar bei dem aktuell hohen Preis rechnerisch lohnen würde. Demnach kostet ein in guter Gesundheit verbrachtes Lebensjahr mit der täglichen Einnahme von Truvada 11.000 Euro. Das Fazit der Forscher: Ein Medikament sei bis zu einem Gegenwert von 20.000 Euro pro gesundem Lebensjahr als kosteneffektiv zu bewerten.

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