29.09.2016

INTERVIEW Nur die Liebe fehlt: Das Tabuthema postpartale Depression

Langsam bekennen sich sogar vereinzelt Prominente zu einer postpartalen Depression.

Foto: istock/g-stockstudio

Langsam bekennen sich sogar vereinzelt Prominente zu einer postpartalen Depression.

Wenn das Mutterglück sich nicht einstellt: Auf der Frankfurter Buchmesse stellt Petra Wiegers heute ihr Buch über postpartale Depression vor...

bildderfrau.de: Würden Sie sich bitte kurz unseren Leser/innen vorstellen und uns erzählen, was Sie hauptberuflich machen?

Petra Wiegers: Ich arbeite als Journalistin für den Bayerischen Rundfunk und für ARTE und lebe in München. Meine Tätigkeitsfelder sind vielfältig. Zum einen arbeite ich redaktionell für die Magazinsendung „quer“ im BR, als Autorin drehe ich Dokumentarfilme und für ARTE bin ich vor allem als Kulturberichterstatterin tätig. Außerdem bin ich Mutter von zwei Kindern. Vielleicht ist das für die Entstehung dieses Buches nicht ganz unwichtig ;-).

In Ihrem neuen Buch „Nur die Liebe fehlt“ behandeln Sie ein Thema, das vor einigen Jahren noch tabuisiert war: postpartale Depression, eine Empfindungslosigkeit der Mutter gegenüber ihrem Kind nach der Geburt. Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Buch gekommen?

Zum ersten Mal bin ich 2008 mit dem Thema in Berührung gekommen. Ich habe für ARTE über den Film „Das Fremde in mir“ von Emily Atef berichtet. Darin ging es um eine Frau, die ihr Wunschkind nicht lieben kann. Das ersehnte Glück will sich einfach nicht einstellen. Das hat mich schon sehr bewegt.

2009 bin ich selbst Mutter geworden. Mir ging es zwar nicht so wie den Müttern in meinem Buch, aber ich musste auch feststellen, dass nicht alles so rosarot ist, wie man es sich vorstellt. Wenn das Mutterglück nicht permanent aus dir herausstrahlt, stößt du schon oft auf Unverständnis und Befremdung.

Im Übrigen auch bei vielen anderen Müttern, die mit ihrer Mutterschaft scheinbar in höhere Sphären aufsteigen und sich im permanenten Wettbewerb befinden. Nur wenige Mütter haben auch mal offen erzählt, dass es anstrengend ist und auch viel Einsamkeit und Grautöne im Spiel sind.

Das ist zwar noch keine postpartale Depression, aber auch eine Abweichung von der der rosaroten Mutterwelt gewesen. Später dann habe ich angefangen, den Dokumentarfilm „Mein fremdes Kind“ zu drehen, der dann 2014 in der ARD und im BR lief. Ich habe dafür drei Frauen über einem Zeitraum von einem Jahr begleitet und versucht zu zeigen, wie grausam diese Krankheit zuschlagen kann, dass es aber auch unterschiedliche Wege heraus gibt.

Wodurch zeichnet sich postpartale Depression im Detail aus? Was sind die Symptome und welche Methoden werden in der Regel angewandt, um dem entgegenzusteuern?

Die postpartale Depression ist, wie auch jede andere Depression, eine Energiemangelerkrankung - lapidar gesagt. Die Symptome sind Niedergeschlagenheit, Trauer, Verzweiflung, Antriebslosigkeit. In einer Depression kann man nicht lieben. Nicht sich selbst, nicht seinen Partner und auch nicht seine Kinder. Das ist das Problem.

Die postpartale Depression ist besonders dramatisch, weil dieses kleine, süße, hilflose Wesen natürlich die Liebe und die Zuwendung der Mutter braucht. Aber die kann sie ihm nicht geben. Die Therapie besteht erst einmal darin, die Mutter zu stärken und die Depression zu behandeln, vielleicht auch mit medikamentöser Unterstützung. Und dann natürlich parallel die Bindung zum Kind aufzubauen.

Obwohl 10 bis 20 Prozent aller Mütter nach der Geburt in eine schwere Krise stürzen, ist dieses Phänomen nicht so weit bekannt in der Beschäftigung mit dem Thema Schwangerschaft. Wie erklären Sie sich das?

In den letzten 15-20 Jahren ist die Beschäftigung mit dem Thema Depression wesentlich besser geworden. Die Depression in Zusammenhang mit der Geburt eines Babies allerdings wird erst so langsam ein wenig bekannter. Langsam bekennen sich sogar vereinzelt Prominente zu einer postpartalen Depression.

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Und das mangelnde Wissen über diese Krankheit und die damit verbundene Verurteilung der Frauen ist sicher auch ein Grund, dass sich Frauen nicht trauen offen darüber zu reden. Natürlich ist ein Baby etwas wundervolles, ganz großartiges!!! Aber es ist eben nicht alles rosarot, wenn ein Baby da ist.

Warum, denken Sie, herrscht noch ein so großes Mysterium um die Mutterschaft und warum haben die Menschen ein so großes Problem damit, wenn eine Mutter nicht der recht anspruchsvollen, gesellschaftlichen Erwartungshaltung gerecht wird?

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Schön sein, erfolgreich, leistungsstark – eine liebevolle Mutter und perfekte Partnerin. Das sollten wir möglichst alles hinkriegen um in der A-Liga mitzuspielen. Das Kinderkriegen gehört zum Bild der perfekten Frau. Und wir alle haben im Kopf, dass eine Mutter ihr Kind bedingungslos liebt. Aber oft stellt sich eine Mutterliebe erst später ein. Das empfinden wir dann als unnatürlich.

Sie haben sich dem Thema bereits mit dem Dokumentarfilm „Mein fremdes Kind – Wenn Müttern die Liebe fehlt“ gewidmet, der in der ARD und den dritten Programmen ausgestrahlt wurde. Welche Schnittmengen gibt es zwischen dem Film und Ihrem Buch?

Ich habe seit 2012 an dem Thema intensiv recherchiert, habe mich mit sehr vielen Frauen, Ärzten, Therapeuten und Angehörigen unterhalten. Für den Film war es mir sehr wichtig, dass die Frauen, die auftreten offen reden. Ich wollte niemanden verfremden. Damit hätte ich ein schlechtes Gefühl gehabt, denn die Frauen müssen sich ja nicht verstecken, sie sind nicht schuldig oder haben etwas falsch gemacht. Natürlich wollten die meisten Frauen nicht offen reden.

Darum habe ich sehr viele Geschichten gesammelt, die aber in dem Film nicht vorkamen. Mir sind all diese dramatischen, traurigen aber auch hoffnungsvollen Geschichten auch später nicht mehr aus dem Kopf gegangen. So habe ich aus einem Berg Recherche vier Frauencharaktere destilliert. Diese Frauen gibt es nicht, aber die Geschichten ähneln schon sehr den wahren Geschichten.

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Nach welchen Kriterien haben Sie die von Ihnen porträtierten Frauen ausgewählt?

Mir war wichtig zu zeigen, dass die Krankheit jeden treffen kann: Die Karrierefrau, die Hausfrau, die Akademikerin und Frauen aus sogenannten bildungsfernen Schichten. Du kannst schon zwei Kinder haben und dennoch beim dritten Kind erkranken, kannst es in der Schwangerschaft schon bekommen oder erst wenn das Kind schon ein halbes Jahr alt ist. Die vier Frauen im Buch spiegeln genau diese Unterschiedlichkeit wider.

Welche der Geschichten hat sie am meisten überrascht, welche am tiefsten berührt?

Ich kann mich an ein erstes Treffen mit einer Frau in der Klinik sehr gut erinnern. Ich war sehr nervös. Ich wusste, diese Frau hat gerade einen Suizidversuch hinter sich und ist jetzt hier in der Psychiatrie, getrennt von ihrem Kind. Ich hatte schon große Skrupel mit ihr zu reden und sie nach ihren Gefühlen und inneren Kämpfen zu fragen.

Aber sie war sofort sehr offen. Sie hat mir dann erzählt, dass sie so verzweifelt war, dass sie ihr eigenes Leben auslöschen wollte, damit es ihrem Kind besser geht. Sie selbst könne ihm keine gute Mutter sein. Das hat mich sehr mitgenommen.

Was sollten Familie und Freunde als Erstes tun, wenn eine junge Mutter Symptome von postpartaler Depression aufweist?

Wichtig ist, dass sich die Frauen sofort Hilfe holen. Zum einen Entlastung mit dem Baby aber zum anderen auch medizinische Hilfe. Je früher die Krankheit behandelt wird desto schneller ist sie in den Griff zu bekommen. Und die Heilungschancen bei der PPD sind dann wirklich gut.

Freunde und Familie sollten die Betroffene so gut es geht entlasten und das Thema offen ansprechen. Dann sollte möglichst direkt der Kontakt zu Anlaufstellen wie „Schatten und Licht“ gesucht werden. Auch für Angehörige ist das sehr hilfreich.

Wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen, an wen richtet sich das Buch?

Das Buch ist zum einen für Frauen und junge Paare, die einen Kinderwunsch haben, für Frauen, die schwanger sind, oder eben Frauen, die schon an einer PPD erkrankt sind. Aber zum anderen natürlich auch für Menschen, die in ihrem Umfeld jemanden kennen, der erkrankt ist oder bei dem man das Gefühl hat, er könnte erkrankt sein.

Mein größter Wunsch wäre natürlich, dass es alle lesen. Denn je mehr Menschen sich dem Thema öffnen, desto schneller ist diese Krankheit kein Tabu mehr.

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Wir danken für das Interview, Frau Wiegers.

Hier können Sie schon einmal in das Buch "reinhören":

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