22.09.2016

FRAUEN IM FILM 24 WOCHEN: „Zahl der Schwangerschaftsspätabbrüche steigt an“

Astrid (Julia Jentsch) steht vor einer schwerwiegenden Entscheidung in 24 WOCHEN.

Foto: Friede Clausz, Neue Visionen Filmverleih

Astrid (Julia Jentsch) steht vor einer schwerwiegenden Entscheidung in 24 WOCHEN.

Seit dem 22.09. läuft das Drama 24 WOCHEN über einen Schwangerschaftsspätabbruch im Kino. Wir haben Regisseurin Anne Zohra Berrached interviewt.

bildderfrau.de: Frau Berrached, „24 Wochen“ ist Ihr zweiter Spielfilm. Er dreht sich wie Ihr erster Film „Zwei Mütter“ – über ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch – um eine Schwangerschaft. Was fasziniert Sie an dem Thema?

Anne Zohra Berrached: Die Auswahl meiner Themen passiert eher aus dem Bauch heraus, eigentlich ein ganz egoistischer Prozess. Ich denke mir, „Was kickt dich selbst, mit welchem Thema willst du dich die nächsten 3 Jahre lang beschäftigen“, denn so lange (oder länger) dauert es einen guten Film zu machen.

Mich fasziniert, wenn Menschen in eine Situation geraten, die größer und mächtiger ist, als sie. Wenn es um das Thema Kinderbekommen geht, sind wir wieder ganz auf das ursprünglich Menschliche zurückgeworfen.

Wie kamen Sie auf die Idee zu „24 Wochen“? Wie konnten Sie Ihre Mitstreiter für ein so schwieriges Thema begeistern?

Angefangen hat es mit einem Zeitungsartikel, den mir ein guter Freund geschickt hat. Darin war beschrieben, dass eine Frau ihr Kind spätabtreiben wollte und als es auf der Welt war, hat es dann doch noch gelebt. Das war der Fall Tim, der damals für viel Aufsehen gesorgt hat.

Ich wusste mehr oder weniger sofort, dass ich einen Film zu diesem Thema machen wollte, denn bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass man in Deutschland nach der 12. Woche noch legal abtreiben kann. Das Thema hat mich in seinen Bann gezogen. Und so ging es auch meinen kreativen Mitstreitern.

Das Thema spricht für sich. Die, die mutige Filme machen wollen, folgten mir. Die, die Angst haben, wären sowieso nicht die richtigen Mitstreiter für 24 WOCHEN.

In Deutschland ist es möglich, ein Kind mit Gendefekt bis kurz vor der Geburt abzutreiben. Nach der 12. Woche tun das über 90 Prozent der Frauen mit Kindern, die eine Fehlbildung haben. Ist diese Zahl neben der neueren technischen Möglichkeit eines solchen Eingriffs auch auf unsere veränderte Gesellschaft zurückzuführen, in der sich Eltern aufgrund einem Mangel an Zeit, Geld oder Aufmerksamkeit gegen ein behindertes Kind entscheiden?

Ja. Denn sobald das Kind eine Krankheit oder Anomalität aufweist, müssen sich die Eltern damit auseinandersetzen, ob sich die Mutter psychisch oder physisch in der Lage sieht (so sagt es das Gesetz) das Kind zu bekommen. Letztendlich müssen sie eine Entscheidung treffen – für oder gegen ihr eigenes Baby.

Durch die immer feineren Diagnosemöglichkeiten sind immer mehr Eltern immer öfter in dieser Situation. Die Anzahl der Spätabbrüche steigt seit Jahren an und wir müssen uns fragen, warum so viele Familien das Gefühl haben, ein Leben mit einem behinderten Kind nicht bewältigen zu können.

Spielt Ihr Abschluss als Diplom-Sozialpädagogin mit Schwerpunkt Psychologie bei der Wahl Ihrer Stoffe eine tragende Rolle?

Sicher. Alles was ich gemacht und erlebt habe, beeinflusst meine Arbeit als Regisseurin. Mein Charakter, meine Art, mein Denken fließt in meine Filme ein.

Während des Studiums in Ludwigsburg haben wir manchmal Übungen gemacht, bei der jeder Regiestudent dieselbe Szene mit denselben Schauspielern inszenieren sollte. Es kamen völlig unterschiedliche Szenen dabei raus. Meistens kann man sogar den Charakter des Regisseurs in der Art der Spielweise der Schauspieler wiederfinden.

„24 Wochen“ hat seit seiner Premiere im Wettbewerb der Berlinale dieses Jahr für viel Gesprächstoff gesorgt – und wird dies vermutlich noch mehr nach seinem Kinostart. War der Film von Ihnen von vorneherein als Thesenfilm angelegt, der für Diskussion sorgen sollte?

24 WOCHEN erzählt von einer Stand Up Comedian (Julia Jentsch) und ihrem Mann (Bjarne Mädel), die bei einer vorgeburtlichen Untersuchung erfahren, dass mit ihrem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Viele Paare sind genau in dieser Situation und trotzdem spricht man in der Gesellschaft nicht viel über Komplikationen während der Schwangerschaft.

Die Schwangerschaft wird wie ein Sonder-Stadium der Frau betrachtet, in der sie bestens überwacht neues Leben zur Welt bringt. Da darf nichts schief gehen und wenn, dann macht man das mit sich selbst aus. Ich habe den Film gemacht, um dem Thema mehr Aufmerksamkeit und eine Plattform zu verschaffen und das geht nicht ohne Diskussionen.

Sie haben Ihren Film als Collage bezeichnet, als das Ergebnis Ihrer Recherchen zum Thema Spätschwangerschaftsabbruch, den Statistiken, Fakten, Mythen und Wirklichkeiten rund um das Thema, aber auch als eine Mischung aus Realität und Fiktion in ihrer Zusammenführung ausgebildeter Schauspieler und Ärzten als Laiendarstellern. Was fasziniert Sie am Dokumentarischen als stilistisches Element des Spielfilms?

Es ist die Realität, die mich interessiert. Wenn sich etwas echt anfühlt, dann mag ich es. Wenn in einem guten Dokumentarfilm dem Hauptprotagonisten etwas passiert, er durch das Erlebte Glück oder Leid erfährt, berührt es mich mehr als wenn ein Schauspieler Glück oder Leid spielt. Geht Ihnen das nicht auch so?

Und diese Authentizität haben wir mit den Laiendarstellern in den Film geholt. Aber auch in meiner Arbeit mit den Schauspielern interessierten mich bei 24 WOCHEN immer die „echten“ Momente. Momente, die nicht im Drehbuch standen, wo etwas im Darsteller passiert, wo er elektrisiert ist, wo es sich wie Magie anfühlt.

Die von Julia Jentsch gespielte Hauptfigur Ihres Films ist eine moderne Frau mit einem erfüllten Leben, mit Familie, Karriere und großem Freundeskreis. Ihr Beruf – als Standup-Komikerin – macht sie außergewöhnlich, weil sie stärker in der Öffentlichkeit steht, aber ihr Privatleben ist vom Terminkalender-Stress gezeichnet, der heute die gebildete Mittelschicht Deutschlands bestimmt. Wie wichtig war es Ihnen, Ihre Protagonistin so stark wie möglich im Hier und Jetzt zu verorten?

Viel wichtiger als sie im Hier und Jetzt zu verorten, war mir ein Paar zu zeichnen, dass theoretisch das Kind bekommen könnte. Den beiden geht es gut, sie haben ein schönes Leben, sind ein starkes Team, lieben sich, aber wie so viele Frauen bekommt Astrid (Julia Jentsch) Zweifel, als sie erfährt, dass ihr Kind das Downsyndrom hat.

!!!SPOILER - Hier wird das Ende des Films vorweggenommen!!!

Theoretisch ist alles da, um das behinderte Kind zu bekommen und trotzdem, wie so viele Frauen, kann sie es in letzter Konsequenz nicht. Mir ging es darum zu zeigen, wie es dazu kommen kann, trotz ihren denkbar guten Voraussetzungen.

!!!SPOILER!!!

Welche Rolle spielt in Ihrem Film Wasser als inhaltliches und gestalterisches Element, von den in dieser Qualität im Kino einmaligen Aufnahmen des Babys im Fruchtwasser bis hin zu den meditativen Sequenzen beim Schwangerschaftssport im Schwimmbad?

Was Sie „meditativ“ nennen, entsteht im Wesentlichen durch die Zeitlupen. Wir verlangsamen das Bild, weil sich die Dinge für Julia Jentsch und Bjarne Mädel in unserem Film überschlagen. Die Zeit rennt ihnen davon.

Der Zuschauer soll so nah wie möglich an die Beziehung zwischen Astrid und ihrem ungeborenen Kind heran kommen. Mutter und Ungeborenes haben immer wieder Momente in denen sie nur miteinander sind. Die Bilder verdeutlichen, wie stark eine Mutter Bewegungen ihres Kindes im Mutterleib spürt.

Diese Aufnahmen von echten ungeborenen Kindern im Bauch ihrer Mutter sind in Zusammenarbeit mit Prof. Kohl vom Uniklinikum Gießen entstanden und stützen meinen Ansatz auf ganz besondere Art und Weise. Die Sequenzen kommen ganz ohne Computertechnik oder sonstige Effekte aus, d.h. genauso wie es auf der Leinwand ist, sieht es im Bauch einer Schwangeren aus. Vor 24 WOCHEN gab es so etwas noch nicht im Kino.

Der Film entwickelt im Laufe der Handlung eine beklemmende Klaustrophik in Thema und filmischer Gestaltung, besonders in den Momenten, in denen uns Astrid Lorenz (Julia Jentsch) direkt durchs Bild anschaut, als würde sie uns die Frage stellen, wie wir in dieser Situation agieren würden. Hatten Sie keine Angst mit diesen Brüchen der Fiktion Zuschauer vor den Kopf zu stoßen oder aus der Handlung und Identifikation mit der Hauptfigur zu werfen?

Genau darum ging es. Julia Jentsch schaut den Zuschauer in seinem Kinosessel an und fragt ihn: „Was würdest du tun, wie würdest du dich entscheiden?“ Ziel war, den Zuschauer aus seiner Komfortzone holen, ihn mitarbeiten zu lassen, ihn zum Nachdenken anzuregen. Das macht mir Spaß.

24 WOCHEN berührt die Zuschauer. Fast alle Leute kommen aus dem Kino und sagen, dass sie lange nicht mehr so mit einer Hauptfigur mitgefiebert haben. Sie bedanken sich bei mir für dieses Kinoerlebnis. Mir hat vor kurzem eine Frau gesagt, das ist ein Film, den man mit nach Hause nimmt und nie wieder vergisst.

Im Zentrum des Films steht das Recht auf Abtreibung, die Selbstbestimmung der Frau über den eigenen Körper. An einer Stelle wirft Astrids Ehemann ihr vor, ihre Karriere über das Kind zu stellen. Wie würden Sie die Reaktion von Zuschauern bewerten, die in Astrid Lorenz eine Dämonisierung der modernen, „egoistischen“ Karrierefrau sehen würden?

Egal ob karrierefixiert oder nicht, 90% der Frauen entscheiden sich gegen ein Kind mit Downsyndrom nach dem 3. Schwangerschaftsmonat. All diese Frauen als einzig und allein karrieregeil abzutun? Da macht man es sich etwas leicht.

All diese Frauen wollen eigentlich ihre Babys bekommen. Sie fühlen sich aber nicht in der Lage dazu. Warum haben so viele Frauen das Gefühl ein behindertes Kind nicht bekommen zu können? Darüber müssen wir uns Gedanken machen. Statt mit dem Zeigefinger auf sie zu zeigen.

Können wir einen dritten Film zum Abschluss Ihrer begonnenen „Schwangerschaftstrilogie“ erwarten?

Mit 24 WOCHEN ist mir und den hervorragenden Schauspielern ein Film gelungen, der unter die Haut geht, den man so schnell nicht wieder vergisst. Das werde ich wieder machen: Einen Film, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht, ein Erlebnis im Kino eben.

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Vielen Dank für Das Interview, Frau Berrached.

24 WOCHEN läuft ab heute in den deutschen Kinos.

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