23.09.2016

INTERVIEW Der Straßensammler: Auf Weltreise mit einem Autisten

Peter Schmidt schwebt über China.

Foto: Peter Schmidt

Peter Schmidt schwebt über China.

Peter Schmidt ist ein hochfunktionaler Autist. Hochbegabt, aber scheu. Und doch liebt er das Reisen. Wir wollten wissen, wie das zusammenpasst.

bildderfrau.de: Würden Sie sich bitte kurz unseren Leser/innen vorstellen und uns erzählen, was Sie hauptberuflich machen?

Peter Schmidt: Ich bin zurzeit 50 Jahre alt. Verheiratet. Vater zweier mittlerweile erwachsener Kinder, die studieren. Dr. rer. nat., Diplom-Geophysiker, habe einige Jahre als Wissenschaftler gearbeitet, dann Wechsel in die Software-Abteilung eines großen Pharma-Konzerns, dort beschäftigt seit 1999 in verschiedenen Funktionen, Programmierer, Projektmanager, Systemmanager, internationaler Koordinator in Software-Fragen.

In Ihrem neuen Buch „Der Straßensammler. Die unglaublichen Erlebnisse eines autistischen Weltreisenden“ schildern Sie ihre persönlichen Reiseerlebnisse mit Ihrer Familie. Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Buch?

Wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen, heißt es. Und ich habe viele Reisen getan. Und oft zu speziellen Zielen und unter speziellen Bedingungen. Ich bekam vielfach das Feedback, ich könne erzählen und schreiben. Und ich habe ja eine Menge Dinge zu erzählen, die ich so erlebt habe. Vor allem Dinge, die nicht jeder so erlebt. Und auch nicht erleben kann.

Es war wiederholt bei Vorträgen, die ich schon seit Jahren über mein Leben mit Autismus mache, die Nachfrage nach so einem Buch geäußert worden. „Sie müssten darüber auch mal ein Buch schreiben!“ Denn es hieß öfter, ein Autist und Reisen, wie soll das denn zusammenpassen.

Wer Autist ist, kann doch eigentlich gar nicht reisen wollen, und wer reist, kann eigentlich kein Autist sein. Nun, wer dieses Buch liest, wird erkennen, dass das eben doch gehen kann. Unter bestimmten Bedingungen!

Im Alter von 41 Jahren erfuhren Sie, - in Ihren eigenen Worten – dass Sie ein „hochfunktionaler Autist“ mit einem „ausgeprägten Asperger-Syndrom“ sind. Was bedeutet das genau und wie äußert sich der Autismus bei Ihnen?

Das bedeutet, dass ich große Probleme habe, mit den Menschen jenseits der Sachebene klarzukommen. Zum einen erkenne ich in einer Kommunikation die Beziehungsebene nicht, merke also nicht was emotional gerade bei jemand anderem abgeht, und zum anderen habe ich bestimmte Abläufe und Ordnungen, die unbedingt eingehalten werden müssen, um gut zu funktionieren.

Da heißt es dann schnell „Warum muss es immer nach deiner Nase gehen“ und „Merkst du denn gar nicht was hier gerade abgeht“. Diese beiden Dinge allein machen mich im Wortsinne aus der Sicht anderer ja bereits zum Autisten. Überdies kann ich mich auch nicht in das Gefühlsleben normaler Menschen hineinversetzen. Die anderen aber auch nicht in mein Gefühlsleben.

Wenn Sätze fallen wie „Stell dich nicht so an!“ dann heißt das eigentlich nur, dass man meinen Schmerz, den ich gerade erleide, genauso auch nicht nachfühlen kann, wie ich nicht mitfühlen kann was in anderen passiert. Um das zu können, muss ich eine ähnliche Situation vorher selbst erlebt haben.

Sie sind mathematisch und naturwissenschaftlich hochbegabt, stoßen aber bei der menschlichen Kommunikation an die Grenzen der Logik. Wie erklären Sie sich das?

Menschen handeln aus meiner Sicht undurchschaubar chaotisch. Und aus Sicht der Menschen handeln Autisten undurchschaubar chaotisch. Beides bedeutet, dass man einander nicht nachvollziehen kann. Das macht auch Angst. Auf beiden Seiten. Man gilt als unberechenbar. Und alle Menschen sind für mich unberechenbar. Nicht überschaubar logisch. Denn anstatt zunächst die nackten Fakten zu sehen, stellen die meisten Menschen ihre Gefühle in den Vordergrund ihres Handelns.

So manche Geschehnisse sind für mich rational berechenbar und vorhersehbar, aber die andere durch ihre emotionale Brille einfach nicht sehen können oder wollen. Oft stellt sich nämlich in der Zukunft heraus, dass ich mit etlichen Vorhersagen, was denn eine bestimmte Handlung für Konsequenzen haben wird, Recht behalte.

Und es ist halt immer besonders schmerzhaft für mich, wenn man sieht, was passieren wird, aber in einer Gruppe nichts ausrichten kann, wenn die Mehrheit gegen einen Vorschlag ist und damit zum Beispiel ein Projekt ins Verderben führt.

Wie lässt sich das medial vermittelte Bild von Autisten als Routinemenschen, die Überraschungen hassen, mit Ihrem offensichtlichen Reisefieber vereinbaren?

Bei mir kommt es an dieser Stelle zu existentiell konkurrierenden Zielen und Interessen. Mein ausgeprägtes Bedürfnis nach Beständigkeit, Routine und Ordnung steht im krassen Widerspruch zu meiner Sehnsucht, die Welt auf Straßen jenseits der heimischen Morgenröte zu entdecken. Die Lösung: Das Entdecken der Welt hat genau nach Plan zu erfolgen.

Damit das gelingt, habe ich meine geplante Flexibilität erfunden. Durch Lebenserfahrungen lernte ich immer mehr Was-passiert-wenn-Sachen, die mir nun helfen, wie ein Schachspieler mögliche Züge anderer oder das Geschehen vorauszudenken und wie ich darauf reagieren würde, also Pläne A,B,C,D, E und F, und einen worst case plan zu machen, wie ich mit welcher Situation umgehen werde. Und nur wenn der letzte Ausweg-Plan auch nicht zieht, also eine unkalkulierte Situation eintritt, dann geht bei mir nichts mehr.

Dann muss ich mich erst erden. In Ruhe gelassen werden. Bis ich wieder funktioniere. Ich bin schon mal 24 Stunden einfach stehen geblieben. Hier benötige ich dann eine hohe Flexibilität anderer, die die meistens auch nicht bieten können. Deswegen bin ich kein Gruppenreisetyp. Denn man kann es natürlich kaum verlangen, dass eine ganze Gruppe sich immer nur nach mir und meinen Bedürfnissen richtet.

Kompromisse sind jedes Mal für mich so schmerzvoll, dass ich das nur ertragen kann, wenn ich keine andere Möglichkeit sehe, meine Ziele zu erreichen, als mich der Fremdbestimmung auszuliefern. Andere Autisten würden daher gar nicht reisen. Warum sollen sie sich den Schmerz antun? Ich habe die Sehnsucht, die Welt kennen zu lernen. Deswegen tue ich das. Wie Sport. Man muss auch mal was aushalten können, wenn man was erreichen will.

Ihre Reiselust hat etwas Obsessives an sich (das „Sammeln“ von Straßen, die Erforschung derselben), gemischt mit der Angst vor dem Unbekannten. Macht dieser Widerspruch den Reiz Ihrer Abenteuer aus?

Ja, genau! Das Ding ist der Kick! Es ist wie Sport. Anstrengend, aber wenn man dann die Medaille in der Hand hält, wenn man das Rennen gewonnen hat, dann kann man davon ein Leben lang zehren. Es hat mir im Leben schon oft viel Freude bereitet, wenn die Menschen mir gesagt haben: "Das hätten wir ihnen aufgrund ihrer Persönlichkeit nie zugetraut. Da hätte ich ja gerne mal Mäuschen gespielt, wie Sie das hingekriegt haben.“

Was finden Leser/innen in Ihrem Buch, was sie in keinem anderen Reisebericht finden würden?

Ungewöhnliche, inspirierende Arten und Weisen, die große weite Welt zu erleben. Erlebnisse, die wenn ich die erzähle, schnell ins Reich der Märchen verwiesen werden, wo ich dann sagen muss, diese Geschichten sind echt zu passiert. Weil ein ungewöhnlicher Mensch ungewöhnliche Reiseziele entdeckt oder gewöhnliche Reiseziele ganz anders wahrnimmt.

Meine ganz spezielle Art, die Welt zu sehen, macht den Reiz aus. Wie ein Maler, der seine Sicht der Welt zu Papier oder Leinwand bringt. Spannende, lustige, bizarre und ernste Begegnungen im achterbahnartigen Wechsel. Ungewohnte Perspektiven, die Welt zu sehen, zu verstehen und zu erleben. Dinge zu verstehen.

Wie es mir zum Beispiel gelingt, trotz kommunikativer Defizite meine Pläne durchzuziehen, wie meine Detailsicht hilft, auf Safaris Tiere zu finden. Überhaupt ungewohnte Ziele und Strecken zu planen und die dann zu bereisen, allen Unkenrufen zum Trotz. Sie lernen die gefährlichste Straße der Welt kennen, viele Kuriositäten, wie zum Beispiel dass dort Linksverkehr herrscht obwohl ansonsten im ganzen Land Rechtsverkehr gilt. Und Sie fragen sich, wie jetzt, was soll das denn – um dann zu erkennen, gar nicht so dumm, diese Ausnahmeregel…

Sie können sich erlesen, dass es mir egal ist, was Mitreisende über mich denken, weil ich das sowieso nicht mitbekommen kann, dass das auch große Vorteile hat, dass man sich nicht fragt, wie wirkt denn das, sondern man einfach handeln kann und dabei zu verblüffenden Erlebnissen und Erfolgen kommen kann, die anderen verschlossen bleiben, die sich durch den Einfluss anderer in die Irre führen lassen anstatt ihre Bedürfnisse zu stillen.

Man erfährt ganz nebenbei meine (autistische) Wahrnehmung der Welt, wie ich (als Autist) auf alltägliche Dinge reagiere, zum Beispiel, dass es für mich unaushaltbar ist, wenn es zu einem bereits gekauften und bezahlten Menu auf einmal keine Cola gibt, ich dann auch nicht bereit bin, das bereits servierte Menu zu essen und mein Geld zurückfordere.

Oder was in meiner Panik alles passieren kann, wenn man den Plan nicht einhält, weil andere irgendwelche Fehler gemacht haben, die man hätte vermeiden können, wenn man so wie ich die Details mal genauer angeschaut hätte als nur das große Ganze zu sehen.

Welche Missverständnisse und Vorurteile kursieren über Autisten in der Gesellschaft. Welchen sind Sie selbst begegnet auf Ihren Reisen?

Autisten haben doch keine Gefühle. DAS Vorurteil. Autisten haben jedoch alle Gefühle, die es gibt. Allerdings werden sie anders getriggert. Ein Autist fühlt immer in Bezug auf sich selbst. Wenn jemand anders z. B. traurig über eine totgefahrene Katze ist, und diese Katze keinen Bezug zum Autisten hat, wird er dafür nichts empfinden.

Dennoch kennt ein Autist das Gefühl der Trauer, das andere empfinden. Nur es wird ausgelöst durch etwas, was den Autisten betreffen muss. Er könnte zum Beispiel traurig sein, wenn etwas nicht klappt, wie es sollte, oder wenn etwas kaputt geht, was ihm etwas bedeutet. und last but not least, Autisten müssten wie Rain Man sein, der Klassiker. OK, Rain Main ist Autist, weil er alle Kriterien eines Autisten erfüllt, aber er steht eben auch für einige Dinge, die nicht unbedingt autistisch sind.

Sie haben sich bereits in drei früheren Büchern persönlich mit dem Thema Autismus auseinandergesetzt. In „Ein Kaktus zum Valentinstag“ ging es um die Liebe eines Autisten, in „Der Junge vom Saturn“ setzten Sie sich mit Ihrer Schulzeit auseinander und in „Kein Anschluss unter diesem Kollegen“ mit Ihrem Berufsalltag. Warum ist Ihnen diese schriftstellerische Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig und an welchen weiteren Büchern zum Thema arbeiten Sie?

Die schriftstellerische Auseinandersetzung war am Anfang eine Art von Therapie. Damit habe ich ein bislang unverstandenes Leben von der Pike an aufgearbeitet. Zunächst um mich selber zu verstehen. Um reflektieren zu können. Und weil das auch auf eine Nachfrage von Außen stieß, entschied ich mich nach einer mehrjährigen Bedenkzeit zu einem öffentlichen Outing in Buchform.

Das habe ich bis heute nicht bereut. Ein Mensch, der selbst Schwierigkeiten hat, mit Menschen zu kommunizieren auf der Beziehungsebene, hat einen Weg gefunden, seine Message unter Menschen zu bringen. Denn wer meine Bücher aufmerksam liest, findet darin sehr viele selbst erfundene Weisheiten. Vorgehensweisen, die mich im Leben weiter gebracht haben.

Tipps, die mir niemand geben konnte, die ich mir selbst erarbeiten musste. Muster, die nun weitergegeben werden können. Ich setzte Spuren, aus denen nun Wege werden können. Mein Motto: Wer neue Wege finden will, muss ohne Wegweiser auskommen!

>> Asperger – diese Anzeichen verraten das Syndrom

Welche Reaktionen haben Sie bislang von anderen autistischen Menschen auf Ihre Bücher erhalten?

Im Laufe der Zeit erreichten mich Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Mails. Und unzählige positive Feedbacks auf Vorträgen und in sozialen Netzwerken. Selbst ganz klassische Fanpost, wie sie Sänger bekommen, hat mich erreicht. Darüber habe ich mich immer sehr gefreut. Würde ich alle eMails ausdrucken, die ich erhielt, würde das wohl einige dicke Ordner füllen.

Es gab auch skeptische Stimmen, aber die waren im Vergleich zu den Mut machenden Weiter-So-Stimmen nur vereinzelt. Und zudem wohl nicht selten von Menschen, die mich als störenden, zu hohen Baum in ihrem neidischen Wind sehen.

Welche Fehler sollten Menschen vermeiden im Umgang mit Autisten?

Vorurteile anwenden. Denken alle Autisten sind wie Rain Man. Oder Autisten haben doch gar keine Gefühle. Sie sollten vor allem wissen, dass ein Autist alle Gefühle hat die es gibt, sie aber anders getriggert werden. Menschen können also nicht von sich auf andere schließen. Sätze wie „Wie würdest du in so einer Situation fühlen“, „Stell dich nicht so an“, helfen nicht einen einzigen Meter weiter, im Gegenteil.

Alle Autisten verbindet zwar ein gleiches Verhaltensmuster, aber dennoch sind Autisten sehr verschieden. Sowohl ich als auch Rain Man sind Autisten, sind im autistischen Spektrum. Aber dennoch zwei völlig verschiedene Menschen. Was uns verbindet sind Muster im Kommunikationsverhalten, auf der Beziehungsebene. Die nicht vorhandene zwischenmenschliche Interaktion auf der Beziehungsebene zum Beispiel. Oder die Rituale. Oder dass die Dinge teilweise wörtlich genommen werden. Mit entsprechenden Folgen im Alltag als Real-Life-Comedy. Sie sollten ihnen mehr zutrauen. Hinter der komischen Fassade steckt oft mehr als man vermuten und denken könnte.

Wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen? An wen richtet es sich?

Jeder, der Fernweh und Lust auf ungewöhnliche, unterhaltsame Sichtweisen auf die Welt hat. Jeder, der an der Welt interessiert ist, jeder, der am Reisen interessiert ist, jeder der sich für fremde Länder interessiert und dabei gerne mal andere, für ihn selbst ungewohnte Perspektiven einnehmen will. Jeder, der gern von der Ferne träumt und meint, das wäre ja doch nichts für ihn, könnte durch dieses Buch erkennen, dass alles möglich ist, wenn man denn nur wirklich will. Und last but not least, natürlich jeder, der daran interessiert ist, wie denn das zusammen passen soll, dass ein Autist Reisen mögen kann.

Welche Straße war für Sie bisher die schönste in Ihrem Leben?

Die Route, die sowohl durch die spektakulären, roten Canyonlandschaften als auch durch die großartigen Kakteenwüsten durch den Südwesten der USA führt. Wenn man so will, der Teilabschnitt der Traumstraße der Welt, der durch die Canyons und Kakteenwälder Utahs und Arizonas führt. Der US-Highway 89a und seine entsprechenden Verlängerungen nach Norden und Süden durch Utah und Arizona.

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Vielen Dank für das hochinteressante Interview, Herr Schmidt!

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