12.08.2016

GESUND MIT ACHILLES Komm mit! - Ein Leben ohne Zucker: Halbzeitbericht

Melonen können Ihr Freund und Helfer sein, wenn Sie versuchen auf industriellen Zucker zu verzichten.

Foto: istock/MilosStankovic

Melonen können Ihr Freund und Helfer sein, wenn Sie versuchen auf industriellen Zucker zu verzichten.

Ellen-Jane Austin ist abstinente Zucker-Süchtige. Einen Monat möchte sie keinen Industriezucker zu sich nehmen. Hier ihr Halbzeitbericht.

Tag 1 – Schlechte Planung rächt sich

Memo an mich: Wenn ich mal wieder einen Monat ohne Zucker leben will, sollte ich mir als Starttermin nicht den Tag aussuchen, an dem ich ab 4 Uhr morgens sechs Stunden im Zug sitze. Natürlich ohne vorgepacktes Essen. Dem Bäcker traue ich nicht, meistens ist Zucker in den Backwaren, sogar in der Brezel – also gibt es nur einen großen Latte Macchiato. Macht auch satt. Leider nicht sehr lange.

In Berlin angekommen, esse ich in einem Restaurant, das nur frische Zutaten verwendet. Ich bin so hungrig, dass ich keinen Nerv habe, zu fragen, ob sie Zucker in das Essen tun. Wird schon passen. Hoffe ich.

  • Laune: nicht gut – ich bin genervt, frustriert und will einfach nur ins Bett (mit einer heißen Schokolade)

  • Körper: müde


Tag 2 – Der Zuckermarkt

Damit ich nicht wieder in eine Situation nahe dem Kreislauf/Nerven-Kollaps gerate, marschiere ich mit drei Jutebeuteln bewaffnet zum nächsten Supermarkt.

Skandal: Man sollte den Supermarkt in Zuckermarkt umbenennen. Ich schaffe es gerade mal einen Beutel zu füllen – primär mit Gemüse und Käse. In fast allen verarbeiteten Lebensmitteln findet sich auch Zucker. Manchmal fies getarnt als Dextrose, Glukosesirup etc. Sogar Brot, Salami, Kochschinken und einige Frischkäsesorten sind nicht frei vom weißen Süß.

  • Laune: fahrig

  • Körper: leichte Kopfschmerzen


Tag 3 – Entzugsleiden

Tagsüber geht es mir eigentlich gut. Der Kopf schmerzt noch ein wenig und die Konzentration könnte besser sein, aber ich denke nicht unentwegt an Schokolade. Anders ist die Situation am Abend: ICH WILL JETZT SOFORT ZUCKER!!!!!

Ich tigere durch die Wohnung und frage mich, ob ich nicht doch einen klitzekleinen Keks essen darf. Oder einen Löffel Erdnussbutter (ja, auch da ist Zucker drin) oder einfach den Finger in die Zuckerpackung stecken ...

Ich öffne die Vorratsschublade – und schmeiße sie ganz schnell wieder zu. Ich renne wie vom Pferd getreten ins Schlafzimmer. So süchtig bin ich nach Zucker, dass ich keine drei Tage durchhalte? Ich stehe den Abend durch – aber nicht ohne ordentliche Stinkelaune.

  • Laune: gereizt

  • Körper: leichte Kopfschmerzen, müde


Tag 4 bis Tag 6 – Meine neuen besten Freunde: Kirschen, Datteln und Melonen

Nachdem ich drei Tage lang meine Kollegen angepampt und mit meiner dünnen Haut die Nerven meines Liebsten strapaziert habe, kehrt langsam die Normalität zurück. Ich denke noch regelmäßig an Kuchen, Kekse und Gummitierchen, aber ich leide nicht mehr darunter. Es ist eher interessant zu beobachten, was mein Hirn da treibt.

Außerdem habe ich festgestellt: Kirschen, Datteln und Melonen sind auch wirklich lecker und ziemlich süß.

  • Laune: heiter bis wolkig

  • Körper: nichts Außergewöhnliches zu verzeichnen


Tag 7 – Höflichkeit oder Disziplin?

Der Liebste und ich sind eingeladen: Zum Baby-Gucken. Drei Monate alt ist der knuffige Knödel. Ich bin so abgelenkt von seiner Putzigkeit, dass ich den süßen Duft von frisch gebackenem Kuchen kaum wahrnehme.

Die Knödel-Mutter ist Engländerin (wie ich) und hat eine Bakewell Tart gemacht. Das ist quasi die Schwarzwälder Kirschtorte Englands. Außer, dass sie keine Torte ist und auch nicht mit Schokolade gemacht wird – eigentlich ist sie total anders, aber sie ist eine der ikonischen Backwaren der Insel. Und ich habe sie seit Jahren nicht gegessen.

Ich sitze mit meinem englischen Schwarztee vor meinem Stück Kuchen und will einfach nicht sagen, dass ich gerade keinen Zucker esse. Das wäre unhöflich. Also esse ich mein Stück. Es ist köstlich und furchtbar süß.

  • Laune: gut, bis auf das schlechte Gewissen

  • Körper: bin nach dem Kuchen unruhig


Tag 8 – Auswirkung der Sünde

Ich hatte Angst, dass ich nach dem Kuchen vom Vortag wieder schreckliche Laune und Kopfschmerzen bekomme. Aber alles ist super – nein, besser sogar. Ich habe nicht mal das Bedürfnis nach Obst oder Trockenfrüchten. Das war ein Süß-Overkill.

  • Laune: bestens – so weit ich weiß, habe ich niemanden angepflaumt und wollte auch nichts kaputt machen

  • Körper: alles gut, ihm scheint nichts zu fehlen


Tag 9 bis 14 – Energieschub

Es hatte sich schon die letzten Tage angedeutet und jetzt ist es unübersehbar: Ich habe viel mehr Energie als sonst. Ich hibbel hin und her und muss mich ständig bewegen. Im Meeting kann ich nicht sitzen bleiben und laufe ständig durch den Raum. Ich glaube meine Kollegen sind etwas genervt von meiner Unruhe – aber besser als angemault zu werden, oder?

Da meine Konzentration etwas unter meinem Zappel-Philipp-Syndrom leidet, habe ich beschlossen Sport zu treiben. Inzwischen war ich drei Mal laufen und zwei Mal beim Yoga. Herrlich!

  • Laune: bestens, vor allem seit dem ich wieder laufe

  • Körper: immer fitter


Tag 15 – Halbzeit: schönes Gefühl

Denke ich noch an Zucker? Klar. Verrückterweise primär an Croissants. Selbst in denen ohne Schokolade ist Zucker. So ein Kaffee ohne Croissant ist zwar auch nett, aber es fehlt etwas – mir zumindest.

Einen wirklichen Süß-Heißhunger habe ich nur noch ganz selten. Dann versuche ich ihn zu verdrängen und wenn es ganz schlimm wird, rühre ich Joghurt mit Kakao-Pulver und Agavendicksaft zusammen. Sehr leckere Pampe. Noch besser ist zuckerfreies Schokoeis, aber die braucht drei Stunden Vorlaufzeit – die habe ich nicht immer.

Das gesteigerte Energielevel hat sich nicht verabschiedet. Das Loch zwischen 15 und 17 Uhr, in dem ich sonst müde, kraftlos und gereizt war, ist weg. Meine Hibbelei hat sich auch gegeben, seit ich wieder mehr Sport mache und jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fahre.

Angeblich bin ich auch weniger „hangry“ (hungry-angry (hungrig-wütend)) – sagt zumindest mein Kollege.

Aktuell bin ich sehr glücklich ohne Zucker – mal sehen wie es weiter geht.

  • Laune: ganz wunderbar

  • Körper: wach

Lied der Woche: Paolo Nutini - Candy

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