10.08.2016 - 10:47

INTERVIEW Neuer Kommunikationsansatz für Menschen mit Sprachstörung

Neues Hilfsmittel für sprachgestörte Menschen: Kommunikation durch Bilder auf dem Tablet.

Foto: FH Münster/Moritz Schäfer

Neues Hilfsmittel für sprachgestörte Menschen: Kommunikation durch Bilder auf dem Tablet.

Sprachgestörte nutzen oft Talker, um sich mitzuteilen. Zwei Masterabsolventen der FH Münster haben eine bessere, bildbasierte Lösung entwickelt.

bildderfrau.de: Würden Sie sich bitte kurz unseren Leserinnen vorstellen und uns erzählen, was Sie beruflich machen?

Andrej Focht und Fabian Ludwig: Wir sind Andrej Focht (26) und Fabian Ludwig (30) aus Münster. Wir haben soeben gemeinsam den Masterstudiengang „Information und Kommunikation“ an der FH Münster absolviert. Auch neben dem Studium arbeiten wir im Team als Kommunikations- und Mediendesigner für größere und kleinere Kunden.

Was hat Sie zu einem Designstudium an der FH Münster inspiriert?

Das Designstudium an der FH Münster ist schwerpunktübergreifend ausgerichtet. An vielen anderen Fachhochschulen müssen sich die Studienbewerber schon vorab entscheiden ob sie bspw. Produktdesign oder Kommunikationsdesign studieren wollen. Der Studiengang an der FH Münster begreift Design mehr als medienunabhängige Disziplin.

Wodurch zeichnet sich der Studiengang „Information und Kommunikation“ aus? Welche Erkenntnisziele verfolgt das Fach?

Der Masterstudiengang ist das, was der jeweilige Studierende daraus macht. Spezialisten können ihre Expertise vertiefen, Allrounder können ihr Blickfeld erweitern und schauen in welchem Kontext die Methoden des Designs noch genutzt werden kann. Letzteres hat unser Interesse geweckt, indem wir schauen wollten, inwieweit Design dabei helfen kann menschliche Probleme zu lösen.

Was ist das Thema Ihrer Masterarbeit und wie kamen Sie auf die Idee?

Wir haben uns im Zuge unserer Masterarbeit mit Sprachstörungen und bisherigen Hilfsmitteln beschäftigt. Ein Freund von Andrej, welcher als Heilerziehungspfleger arbeitet, sprach ihn an, da viele seiner Patienten mit aktuellen Lösungen – sogenannten „Talkern“ – nicht zurechtkommen. Nach eineinhalb Jahren Arbeit haben wir auf der Abschlussausstellung unsere Entwicklung eines bildbasierten Kommunikationssystems für Sprachgestörte vorgestellt.

Worin unterscheidet sich Ihr System zur Unterstützung von Menschen mit Sprachstörung von bisherigen Geräten wie den „Talkern“?

Mit bisherigen Talkern können lautsprachliche Sätze mithilfe von Symbolen konstruiert werden. Der Benutzer nutzt für einen Satz Symbole anstelle von Wörtern. Bei schweren Sprachstörungen fehlen jedoch u.A. die benötigten Kenntnisse über den sprachlichen Satzbau.

Mit unserem Lösungsansatz konstruiert der Benutzer visuelle Szenen von Situationen die er/sie erreichen möchte. Die visuelle Vorlage dafür hat jeder Mensch bereits im Kopf, da wir uns vor jeder Handlung als erstes bildlich vorstellen, welche Situation wir erreichen wollen. Das Tablet interpretiert die konstruierte Szene und gibt den passenden lautsprachlichen Satz aus.

Wie funktioniert Ihr System und wie kann ein sprachgestörter Mensch dadurch kommunizieren?

Das Ziel des Systems ist die Rekonstruktion der sogenannten „mentalen Vorstellungsbilder”. Diese Vorstellungsbilder bestehen aus verschiedenen Bildteilen. Der wichtigste Teil des Bildes ist das Objekt mit welchen interagiert werden soll. Ich wähle auf dem Tablet somit das Objekt. In einem nächsten Schritt wähle ich aus verschiedenen Aktionen die mit dem gewählten Objekt ausgeführt werden können. Auf diese Weise bieten wir immer wieder neue Varianten einer Szene an und können selbst komplexe Bedürfnisse äußern.

Im aktuellen Entwicklungsstand sollten Betroffene mit komplettem Sprachverlust Bedürfnisse äußern können. In Zukunft soll es auch möglich sein Erzählungen zu tätigen und Fragen zu stellen.

Was meinen Sie, werden unsere Medien immer visueller oder passen Sie sich vielmehr unserer primär visuellen Orientierung an?

In einer immer schneller werdenden Gesellschaft ist die Nutzung von Bildern sehr naheliegend. Die Arbeit mit Bildern ist intuitiver als z.B. die Arbeit mit Texten. Komplexe Themen können auch textlich oft nur komplex wiedergegeben werden, wobei bildliche Visualisierungen die Möglichkeit bieten, komplexe Themen schnell und simpel erfahrbar zu machen.

Dabei sind nun andere Kompetenzen gefragt. Ein Bild kann im Gegensatz zu einem Text mehrdeutig sein und bedarf deshalb professioneller Einschätzung, um die gewünschte Botschaft zu vermitteln.

Wird Design unterschätzt als Ideengeber für die Technologie-Branche?

Ja, aber in unseren Augen geht die korrekte Einordnung von Design bereits in die richtige Richtung. Jede Branche sieht die Welt aus ihrem eigenen Blickwinkel. Als Experten für die Schnittstelle von Mensch und Maschine/Medium erfahren Designer oft schneller wo es Optimierungspotential gibt.

Vor allem können Designer in interdisziplinären Teams auch in der Technologie-Branche bei Innovationen mitwirken. Wie bereits erwähnt kann Design komplexe Sachverhalte auf das Wesentliche reduzieren. So können bspw. potentielle Schwachstellen aktueller oder neuer Ansätze schneller erkannt werden.

Was ist nun der nächste Schritt für Ihre Arbeit? Die Entwicklung eines Prototypen?

Genau, als nächstes wollen wir einen ersten Prototypen erstellen und diesen mit einer ersten sprachgestörten Frau testen. Wenn wir diesen soweit optimiert haben, dass er bei ihr funktioniert wollen wir die Zielgruppe erweitern und somit nach und nach verschiedene Krankheitsbilder bedienen können. Um dies tun zu können werden wir uns nun auf die Suche nach potentiellen Projektpartnern und/oder Investoren machen.

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Wir danken fürs Gespräch und wünschen viel Erfolg für die Zukunft!

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