05.08.2016

NEUE HOFFNUNG Unerfüllter Kinderwunsch: Hilft Gebärmuttertransplantation?

Einfach schwanger werden, um sich den Traum von einem Baby zu erfüllen, kann leider nicht jede Frau. Doch es gibt neue Mittel und Wege.

Foto: iStock/vgajic

Einfach schwanger werden, um sich den Traum von einem Baby zu erfüllen, kann leider nicht jede Frau. Doch es gibt neue Mittel und Wege.

Mit Hilfe eines neuen Verfahrens könnte der Baby-Traum tausender Frauen in Deutschland endlich in Erfüllung gehen: Eine Gebärmuttertransplantation!

Frauen, die sich Kinder wünschen, aber aufgrund ihrer Veranlagung oder einer schlimmen Krankheit wie Krebs keinen Nachwuchs bekommen können, sind psychisch oft schwer belastet. Vor allem, weil Leihmutterschaft in Deutschland nicht erlaubt ist. Natürlich besteht die Möglichkeit, ein Kind zu adoptieren, doch wer gerne seine eigenen Gene weitergeben würde, steht in Deutschland im Regen. Zumindest bis jetzt. Denn mit Hilfe eines neuen Verfahrens könnte der Baby-Traum tausender Frauen in Deutschland endlich in Erfüllung gehen. Der Schlüssel: Eine Gebärmuttertransplantation!

Der schwedische Mediziner Mats Brännström hat dies bereits erfolgreich durchgeführt. 2014 wurden die ersten Babys geboren, deren Mütter einen Uterus operativ transplantiert bekamen. Fünf Kinder kamen so bereits mithilfe von Spenderorganen zur Welt. Ein Erfolg, an den Prof. Dr. Beckmann vom Uni-Klinikum Erlangen in Deutschland anknüpfen will. Seit zwei Jahren beschäftigen er und sein Team sich mit dem Verfahren der Uterus-Transplantation. 2017 soll es endlich losgehen. Welche Risiken der Eingriff birgt, wie teuer er ist und vor allem wie die Chancen auf ein gesundes Kind stehen, verrät er im Interview mit bildderfraude.

bildderfrau.de: Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit der Transplantation eines Uterus zu befassen?

Prof. Dr. Beckmann: Wir sind auf die Transplantation des Uterus gekommen, nachdem wir uns schon seit zehn Jahren mit der Transplantation von Eierstockgewebe zur Wiederherstellung der Fertilität nach onkologischer Erkrankung (Krebs) beschäftigt haben. Wir waren die erste Gruppe, die transplantiert hat, so dass in meinem Hause jetzt das erste IVF-Baby (künstliche Befruchtung), das erste Baby nach Kryokonservierung von Eizellen und die ersten Babys nach Transplantation von Eierstockgewebe in Deutschland (Geburt erstes Baby Dresden, Transplantation Erlangen, Geburt zweites Baby Erlangen, Transplantation Erlangen) erfolgt sind.

Somit war es naheliegend, dass wir uns mit dem Thema Uterus auch beschäftigen. Dieses haben wir in Tierversuchen schon seit längerer Zeit gemacht, um die Funktionalität zu charakterisieren. Eine Transplantation, um schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen, war aber nicht in unserem Fokus, weil es technisch ausgesprochen anspruchsvoll war. Mittlerweile scheint es jedoch auch technisch möglich zu sein, weshalb wir uns seit zwei Jahren mit diesem Thema beschäftigen.

Wie viele Frauen und vor allem wer genau ist von dem Problem betroffen? Wem kann geholfen werden?

In Deutschland gibt es ungefähr 5000 Frauen mit einer Fehlbildung der Gebärmutter, das heißt die Gebärmutter ist nicht in korrekter Weise angelegt. Deshalb können diese Frauen anlagebedingt und andere Frauen erkrankungsbedingt (z.B. nach einer Krebserkrankung der Gebärmutter, nach einer Krebserkrankung der Blase und des Darmes wobei die Gebärmutter in der Strahlentherapie mit im Bestrahlungsfeld liegt, nach einer Infektion oder einem Unfall mit notfallmäßiger Entfernung der Gebärmutter) keine Kinder bekommen.

Wer darf spenden? Welche Kriterien gibt es für Spenderin und Empfängerin?

Die Art der Spende hängt eigentlich von der Gesetzgebung und den Genehmigungsverfahren ab. Das Standard-Genehmigungsverfahren in Deutschland ist Organspende, das heißt von Frauen, die aufgrund eines Unfalles und ihrer Bereitschaft, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen, ihre Organe spenden. Eine andere Möglichkeit ist die Lebendspende, die hier in diesem Falle eigentlich favorisiert wird. Dadurch ist eine bessere Planbarkeit gegeben und sowohl die Entnahme, als auch die Transplantation können zeitnah erfolgen.

Darüber hinaus ist die Alterswahl für die Spenderin auch gut definierbar. Wir haben einen regen Zulauf von zwei bis drei Frauen pro Woche, die ihre Gebärmutter gerne spenden würden. Erst kürzlich hatte ich sogar eine Transgender-Patientin, die sich zu einem Mann hat umoperieren lassen und mit ihrer Gebärmutter und ihren Eierstöcken etwas Sinnvolles tun wollte, anstatt sie einfach entfernen und entsorgen zu lassen. So etwas ist natürlich großartig und äußerst hilfreich!

Welche Risiken birgt der Eingriff? Welche Risiken hat das Baby?

Die Risiken des Eingriffs sind hauptsächlich die Abstoßungen. Operativ ist es natürlich auch so, dass die normalen Komplikationen (Thrombose, Embolie, Infektion, Blutung) auftreten können. Darüber hinaus können natürlich Verletzungen an Blutgefäßen dazukommen, da die Gebärmutter an die Blutgefäße und das Scheidenende angeschlossen wird.

Grundsätzlich sollte aber klar sein, dass selbst die Abstoßung der Gebärmutter keine Risiken birgt, da sie nicht lebensnotwendig ist, wie beispielsweise die Leber oder das Herz. Wenn der Körper sie also abstößt, dann ist das zwar ärgerlich, aber nicht lebensbedrohlich.

Die Risiken für das Baby sind momentan die Frühgeburtlichkeit. Aus noch unbekannten Gründen beträgt die Schwangerschaft bei einer transplantierten Gebärmutter nicht die normalen 40 Schwangerschaftswochen, so dass sich Eltern auf eine Frühgeburt und die damit verbundenen, möglichen Risiken einstellen müssen oder sollten. Behinderungen des Kindes betreffen, wenn überhaupt, die Frühgeburtlichkeit, nicht aber die Transplantation an sich.

Angeblich kostet der Eingriff ca. 100.000 Euro. Wie soll sich das ein normalverdienendes Paar leisten können? Wird das evtl. noch günstiger?

Der Preis für den Eingriff ist derzeit unklar. Eine Gebärmutterentfernung liegt normalerweise deutlich unter 10.000 Euro. Was genau die Transplantation kostet, das heißt der operative Eingriff, die Versorgung mit Immunsuppressiva (zur Unterdrückung des Immunsystems, um eine Abstoßung zu verhindern) etc. ist derzeit nicht klar. Der Preis ist auch davon abhängig, wie die Erstattung ist.

Sollte es in Zukunft eine Regelleistung der Krankenkassen sein, erfolgt eventuell eine Erstattung. Das ist aber noch zu diskutieren. Ich persönlich bin jedoch klar für eine Erstattung. Die neue Hüfte einer 80-Jährigen Frau wird schließlich auch erstattet, warum also nicht auch die Gebärmuttertransplantation einer 25-Jährigen bei unerfülltem Kinderwunsch?! Eine ganz klare Gesellschafts-Frage, bei der sich jeder fragen sollte, wo die Prioritäten liegen.

Wie lange ist die transplantierte Gebärmutter haltbar/nutzbar?

Ich würde sagen, nach einer erfolgreichen Schwangerschaft sollte die Gebärmutter wieder entfernt werden. Einen Versuch, ein zweites Mal mit der gleichen Gebärmutter schwanger zu werden, kann Frau natürlich trotzdem wagen, ist aber bisher nicht versucht worden.

Wie stehen sie zur Leihmutterschaft?

Ein Thema, dass ich ganz klar befürworte. Ich sehe jeden Tag Frauen, die sich an der Grenze zur Illegalität befinden. Frauen, die fünfstellige Summen ausgeben, um außerhalb von Deutschland über eine Leihmutter an ein Baby zu kommen. Die Preise sind horrend. In Tschechien kostet eine Leihmutter 30.000 Euro. In der Ukraine 20.000 und in den USA 60.000 Euro. Warum sollten wir Frauen in Deutschland nicht die gleichen Möglichkeiten bieten, ihren Kinderwunsch zu erfüllen?

Wie sieht Ihre weitere Planung aus?

Momentan haben wir einen Antrag für Tierversuche an lebenden Großtieren gestellt. Der wird aber noch eingehend geprüft. 2017 würden wir dann gerne mit den Transplantationen starten. Es haben sich bereits einige Frauen bei uns gemeldet – der Bedarf ist also da. Allerdings brauchen wir dafür noch die Genehmigung des bayerischen Ministeriums.

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