24.05.2016

Interview Hilft Quark bei Sonnenbrand? - Julia Merlot und Irene Berres über ihr Buch "Mythos oder Medizin"

Foto: Lettner, Meinen

Hilft Quark bei Sonnenbrand? Was bringen Kräutertees bei Erkältungen? - Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Buch MYTHOS ODER MEDIZIN von Julia Merlot und Irene Berres. Wir haben sie zu ihrem amüsanten wie informativen Ratgeber befragt.

bildderfrau.de: Würden Sie sich bitte kurz unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und uns erzählen, was Sie hauptberuflich machen?

Julia Merlot: Aber klar, wir sind Ende 20, kommen beide aus Südhessen und haben Wissenschaftsjournalismus studiert. Das kann man sich als eine Art Mischung aus Schreibwerkstatt und naturwissenschaftlichem Grundstudium vorstellen, wobei wir uns vor allem mit Biologie beschäftigt haben. Inzwischen arbeiten wir im Wissenschafts- und Gesundheitsressort von SPIEGEL ONLINE.

Ihr gemeinsames Buch „Mythos oder Medizin“ beschäftigt sich mit alltäglichen Fragen der Gesundheit wie „Was bringen Kräutertees bei Erkältungen?“ oder „Hilft Quark bei Sonnenbrand?“ Wie kamen sie auf die Idee, ein Buch darüber zu schreiben?

Irene Berres: Das war eine Kombination aus Neugier und Alltagserfahrungen. Als Wissenschaftsjournalist gilt man bei vielen plötzlich als Experte – und Freunde fragen einen, welcher Kräutertee es bei Halskratzen sein sollte und ob Quark denn nun beim Sonnenbrand hilft. Da haben wir begonnen, diesen Fragen auf den Grund zu gehen, Studien zu den Themen durchforstet und mit Experten gesprochen.

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Julia Merlot: Salbeitee kann Halsschmerzen übrigens wirklich lindern, bei Husten sollten es besser Kamille- oder Süßholzwurzeltee sein. Und bei Sonnenbrand ist es am wichtigsten, zu kühlen. Wer’s mag, kann sich dafür auch kalten Quark auf die Haut schmieren. Ein kühlendes Gel oder eine Packung Tiefkühlerbsen, in ein Handtuch gewickelt, haben aber denselben Effekt.

>> Hausmittel gegen Halsschmerzen: Stoppen Sie das lästige Kratzen im Hals

Sie haben beide einen wissenschaftsjournalistischen Hintergrund. Wie haben Sie sich kennengelernt und wie ist es zu Ihrer Zusammenarbeit gekommen?

Julia Merlot: Obwohl wir das gleiche studiert haben und aus der gleichen Gegend kommen, haben wir uns erst getroffen, als ich 2012 ein Praktikum bei SPIEGEL ONLINE gemacht habe. Später habe ich dann als freie Journalistin für das Gesundheitsressort gearbeitet und Irene, die damals schon Redakteurin war, hat mich gefragt, ob ich Lust hätte die Medizinmythen-Kolumne mit ihr zusammen zu betreuen. Da habe ich natürlich ja gesagt.

Woher rührt bei Ihnen das Interesse an der Entmystifizierung sich hartnäckig haltender Volksannahmen über die Funktionsweise des menschlichen Körpers?

Irene Berres: Das Wissen ist einfach unglaublich praktisch. Ich zum Beispiel kann beruhigt Kaugummis runterschlucken, seit ich weiß, dass das wirklich kein Problem ist. Es sei denn, man kaut gleich zwei Päckchen auf einmal und schluckt die runter. Dann kann der große Kaugummibatzen die Speiseröhre verkleben. Das hat es tatsächlich schon gegeben. Auch auf so etwas stößt man dann bei seiner Recherche. Super Stammtischwissen.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich unter anderen mit Alltagsmythen der Ernährung, der Kinderarznei, der Sportmedizin und Großmutters Hausmittelklassiker. Nach welchen Kriterien haben Sie die Themen ausgesucht.

Julia Merlot: Wir haben keine festen Kriterien. Wichtig ist nur, dass es sich um Ratschläge handelt, die viele Menschen kennen, also tatsächlich um Gesundheitsmythen oder alte Weisheiten. Wenn die Tipps etwas abseitig sind, aber ein Problem behandeln, das viele betrifft, greifen wir sie auch gerne auf. Einmal hat ein Leser zum Beispiel gefragt, ob Joghurt und Limetten den Blutdruck senken, weil ihm zwei afrikanische Arbeitskollegen unabhängig voneinander dazu geraten hatten. Wir konnten dafür leider keinen eindeutigen Beleg finden. Es gibt aber starke Hinweise, dass eine insgesamt ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung den Blutdruck senken.

Was waren die kuriosesten Fragen, die Sie bislang erhalten haben?

Julia Merlot: Die kurioseste Frage war eindeutig, ob alte Stinkesocken gegen Halsweh helfen, wenn man sie sich um den Hals legt. Da habe ich mich erst gar nicht getraut, einen Experten anzurufen. Der Hals-Nasen-Ohrenarzt war dann aber ganz begeistert. Theoretisch gibt es nämlich eine Erklärung: Wenn Opa seine Baumwollsocken mehrere Tage lang in geschlossenen Schuhen trägt, besteht die Möglichkeit, dass sich darin Mikroorganismen wie Pilze vermehren.

Manche von ihnen stellen Antibiotika her und können so krankmachende Bakterien abtöten. Das funktioniert allerdings nicht bei Virusinfektionen, also etwa bei Halsschmerzen, wie sie typischerweise gemeinsam mit einer Erkältung entstehen. Und heute sollte man Antibiotika sowieso lieber gezielt einnehmen, statt sich auf gut Glück alte Socken um den Hals zu legen. Aber ganz so abwegig wie sie klingt, ist die Idee nicht.

Bücher, die gesundheitswissenschaftliche Themen alltagsverständlich und lustig aufbereiten wie „Darm mit Charme“ von Giulia Enders oder „Weizenwampe: Warum Weizen dick und krank macht“ von Dr. med. William Davis, erleben derzeit einen regelrechten Boom. Wie erklären Sie sich die zunehmende Beschäftigung der Menschen mit Gesundheit, Ernährung und Diäten?

Irene Berres: Ich glaube, das ist gar kein so neues Phänomen. Für unser Buch haben wir auch in der Geschichte nach Gesundheitsmythen gesucht. Im Mittelalter haben Ärzte Menschen mit Übergewicht etwa empfohlen, fettlösende Seife zu trinken, obwohl das natürlich Unsinn ist. Aber die Menschen versuchen seit jeher Erklärungen für die Vorgänge in ihrem Körper zu finden. Und bei alltäglichen Zipperlein oder Alltagsfragen zur Ernährung kann einfach jeder mitreden, weil er die Probleme kennt.

An welche Leserinnen und Leser richtet sich Ihr Buch? Was nimmt man nach der Lektüre mit für den Umgang mit seinem Körper?

Irene Berres: Das Buch ist für alle, die sich für ihren Körper interessieren. Wir haben zwar immer nach wissenschaftlichen Informationen gesucht – die dann aber so verpackt, dass jeder sie versteht und im besten Fall auch mal Schmunzeln muss beim Lesen. Es gibt viele alltagstaugliche Tipps und Wissen, mit dem man beim Kaffeeklatsch mit der Verwandtschaft glänzen kann. Zum Beispiel, dass Fingerknacken gar nicht schadet. Und dass man das weiß, weil ein Mann 50 Jahre lang - ja, 50 Jahre! - nur mit seiner linken Hand geknackt hat, Tag für Tag. Selbst nach dieser langen Zeit war seine linke Hand noch genauso gesund wie seine rechte, knackfreie Hand.

Welchen Mythos aus Ihrem Buch fanden Sie persönlich am lustigsten oder schockierendsten?

Julia Merlot: So etwas richtig Erschreckendes ist uns, abgesehen von manchen historischen Behandlungsmethoden wie der Seifentheorie, bislang nicht untergekommen. Sonst hätten sich die Ratschläge wahrscheinlich auch nicht so lange gehalten. Aber wir treffen immer wieder auf unterhaltsame Studien. Zum Beispiel haben Wissenschaftler untersucht, ob ein Schnaps bei der Verdauung hilft, indem sie Freiwillige Käsefondue schlemmen ließen und ihnen anschließend einen Absacker gaben. Die Forscher kamen aus der Schweiz, woher auch sonst. Der Verdauungsschnaps ist laut der Untersuchung für die Verdauung allerdings eher kontraproduktiv. Bei der Frage mussten wir Spielverderber sein.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Menschen bei Gesundheitsfragen lieber auf die Eltern oder die Großeltern hören, als auf die wissenschaftliche Expertise eines Mediziners?

Julia Merlot: Da spielt Vertrauen sicher eine große Rolle. Man fragt Eltern und Großeltern schließlich von Kind an um Rat und bekommt gefühlt immer verlässlich Hilfe. Da ist es nur naheliegend, auch bei kleinen Zipperlein auf die Tipps der Oma zu hören. Das Problem in der Medizin ist allerdings, dass Einzelerfahrungen oft nichts über die tatsächliche Wirksamkeit einer Methode aussagen, weil unklar ist, ob der beobachtete Effekt wirklich mit der Therapie zu tun hat – oder nur durch Zufall entstanden ist.

Ein Beispiel aus der Geschichte: Im späten Mittelalter haben die Menschen, wenn sie Fieber hatten, ein Ei in einen Ameisenhaufen gelegt. War das Ei weg, war auch das Fieber verschwunden. Allerdings hat das eine nichts mit dem anderen zu tun, außer, dass ein Ameisenstaat etwa in der Zeit ein Ei verspeist, in der leichtes Fieber von allein wieder verschwindet.

Wird es einen Nachfolger zu „Mythos oder Medizin“ geben?

Irene Berres: Ein Nachfolger für das Buch ist noch nicht geplant. Auf SPIEGEL ONLINE beantworten wir aber ungefähr alle zwei Wochen weiter Gesundheitsfragen und freuen uns immer über neue Anregungen von Lesern.

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Vielen Dank für das Interview! Wir sind gespannt auf weitere Mythen!

Haben Sie auch eine Frage an das Medizinmythen-Team, dann schicken Sie eine Mail an medizinmythen@spiegel.de oder besuchen Sie die Autoren auf Facebook.

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