16.03.2016

Zwei-Klassen-Medizin Pillen-Preise an der Schmerzgrenze

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Foto: ©iStock / Di_Studio

700 Euro für eine Tablette: Wer soll das zahlen? Patienten erhalten selten die besten Medikamente, weil Ärzte Rückforderungen der Kassen fürchten.

Die neuen Hepatitis-C-Mittel wirken Wunder. Patienten mit der gefährlichen Krankheit haben endlich echte Heilungschancen. Doch die Pharmaindustrie lässt sich diese Innovation teuer bezahlen: mit Preisen von bis zu 700 Euro pro Pille. In dieser Spitzenpreisklasse bewegen sich auch Spezialmittel wie Yervoy zur Behandlung von schwarzem Hautkrebs. Es kostet pro Fläschchen gut 15.000 Euro!

Pharmafirmen machen enorm hohe Gewinne

Wie kommt es zu solch hohen Preisen? "Hat ein Hersteller die Zulassung für das Medikament bekommen, so darf er im ersten Jahr der Markteinführung den Preis dafür selbst bestimmen", erläutert Dr. Ilona Köster-Steinbach, Referentin für Gesundheit bei der Verbraucherzentrale. "Damit können die Unternehmen kurzfristig enorm hohe Gewinne machen. Das führt zu Kostensteigerungen im Gesundheitswesen."

So gaben die gesetzlichen Kassen 2014 über 31,4 Milliarden Euro für Arzneimittel aus neun Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei bedeutet teuer ist nicht immer besser. "Ob ein neues Medikament einen wirklichen Zusatznutzen im Vergleich zu den bereits bestehenden Therapiemöglichkeiten bietet, wird erst ein Jahr nach Markteinführung bewertet", erklärt Dr. Christiane Fischer, Ärztliche Geschäftsführerin vom Mezis e. V., der Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte.

Und da schneiden nur etwa rund 10 Prozent der Neueinführungen gut ab. Die Bewertung des Zusatznutzens bestimmt dann den Preis, der nach diesem ersten Jahr mit den Kassen verhandelt wird. Im Falle des Hepatitis-C-Medikaments Sovaldi, das Betroffenen das Leben retten kann, führten die Verhandlungen zu einer Preissenkung von fast 30 Prozent - statt 700 Euro kostet eine Tablette jetzt 480 Euro.

Immer noch ein stolzer Preis, bei dem manche Ärzte zurückschrecken, aus Sorge, ihr Budget zu sprengen. Umfragen bestätigen, dass etwa jeder zweite Arzt Patienten eine nützliche Behandlung schon einmal vorenthalten hat, weil sie zu teuer war.

Sind also sinnvolle, aber kostspielige Medikamente bald nur noch einer kleinen Patientengruppe zugänglich? Ein bisschen: Denn welches Medikament ein Patient verordnet bekommt, entscheidet der behandelnde Arzt. Überschreitet er sein Jahresbudget, kann es passieren, dass er auf einem Teil der Mehrkosten sitzen bleibt. Die Kassen können sogar eine Rückerstattung fordern.

"Um dem zu entgehen, muss der Arzt nachweisen, dass seine Verordnung sinnvoll und notwendig war, das teure Medikament die beste Behandlungsmöglichkeit darstellte," sagt Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbandes, der zentralen Interessenvertretung der gesetzlichen Krankenkassen. "Das ist mit viel Arbeit verbunden, und die möchte nicht jeder Arzt auf sich nehmen."

Zudem gibt es regionale Unterschiede. Jeder Arzt gehört einer bestimmten Kassenärztlichen Vereinigung an. So kann es sein, dass ein Doktor in Bayern mehr Spielraum bei der Verordnung hat, als einer im Norden. Auch die Anzahl chronisch Kranker, die eine Praxis betreut, hat Einfluss auf das Budget.

Sprechen Sie Ihren Arzt auf die neuen Mittel an.

"Wenn Sie von einem neuen Medikament gehört haben, sollten Sie Ihren Arzt deshalb offen darauf ansprechen. Lassen Sie sich von ihm genau erklären, warum er Ihnen lieber Medikament B statt das von Ihnen favorisierte Medikament A verschreiben möchte", so Marini. Der Mediziner kann Sie auch an einen Facharzt verweisen, der mehr Spielraum bei der Verordnung hat. Nicht immer aber liegt es an den Kosten, wenn ein Mediziner ein preiswertes, älteres Medikament empfiehlt. "Im ersten Jahr nach der Zulassung, wenn eine neue Therapie im Alltag erprobt wird, stellen sich manchmal auch unerwünschte Nebenwirkungen ein, über die Ihr Arzt informiert wird."

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