Coachin über mentale Gesundheit

Fast alle kämpfen mit dem Gefühl, nicht "gut genug" zu sein

Auf einem Sofa halten sich zwei Menschen wortlos an den Händen, die Stimmung wirkt ruhig und einfühlsam.
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Trotz Erfolg leer? Eine Coachin über mentale Gesundheit – warum sie kein Luxus, sondern überlebenswichtig ist.

Ständig unter Strom, innerlich leer, aber nach außen stark? Coachin Flora Klepacz kennt das, sich selbst im Perfektionsdruck zu verlieren. Im Interview spricht sie über mentale Gesundheit und Warnzeichen, die du ernst nehmen solltest.

Was passiert, wenn Menschen sich selbst völlig aus den Augen verlieren? Wenn Perfektion wichtiger wird als das eigene Wohlbefinden – und der Körper irgendwann nicht mehr mitspielt?

Flora Klepacz weiß genau, wie sich das anfühlt. Heute ist sie zertifizierte systemische Coachin und begleitet Menschen dabei, ihre Grenzen besser zu spüren, mit Druck umzugehen – und wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen.

Im Interview mit BILD der FRAU erzählt sie, warum mentale Gesundheit kein "nice to have", sondern absolute Notwendigkeit ist – und warum gerade die GenZ so oft an sich selbst zweifelt.

4 Anzeichen, dass du deine mentale Gesundheit vernachlässigst

Coachin über mentale Erschöpfung: "Ich war selbst betroffen, wollte perfekt sein"

BILD der FRAU: Liebe Flora, gab es in deinem eigenen Leben einen Moment, in dem dir klar wurde: Mentale Gesundheit ist ein Thema, mit dem du dich beruflich intensiv beschäftigen willst?

Flora Klepacz  Systemisches Coaching | Kreatives Mentoring | Beratung | © privat
Foto: privat
Flora Klepacz, zertifizierte systemische Personal und Business Coachin

Flora Kleapcz: Ja – und dieser Moment war für mich in der Schweiz, als ich mit Anfang 20 dort gearbeitet habe. Ich war voller Motivation, wollte alles richtig machen, perfekt funktionieren und allen beweisen, dass ich stark bin und Karriere mache. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Körper nicht mehr mitspielt: Schlafprobleme, ständige Anspannung, totale Erschöpfung. Ich hatte damals keine Sprache dafür, was Bedürfnisse oder Grenzen überhaupt sind – ich bin jeden Tag mit Bauchschmerzen aufgestanden und habe irgendwann entschieden: So geht es nicht weiter. Ich musste meine Grenze ziehen.

Das war der Wendepunkt. Ich konnte und wollte meinem eigenen Perfektionismus nicht mehr standhalten. Ich fühlte mich in meiner Umgebung nicht wohl. Ich habe erkannt, dass mentale Gesundheit kein "nice to have" ist, sondern die Basis für alles. Und ich habe entschieden: Ich will nicht nur für mich einen anderen Weg finden, sondern auch andere junge Menschen davor bewahren, in dieselbe Falle aus Selbstüberforderung und Perfektionismus zu tappen.

Heute leite ich Trainings und Coachings zur mentalen Gesundheitsförderung für Young Professionals – um genau dort anzusetzen, wo ich selbst damals gestanden habe. Die hätte ich mir damals selbst gewünscht.

Viele junge Menschen kämpfen mit dem Gefühl, nicht "gut genug" zu sein. Was erlebst du in deinen Coachings dazu – und wie gehst du mit diesem Zweifel um?

Dieses Gefühl begegnet mir fast in jedem Coaching. Gerade wir aus der Gen Z wachsen mit einer ständigen Vergleichbarkeit auf – Social Media zeigt uns rund um die Uhr, wie erfolgreich, schön oder "perfekt" andere sind.

Ich lade meine Klient*innen ein, den Blick wieder zu sich selbst zu richten: Was sind meine Werte, meine Stärken, meine eigenen Maßstäbe? Ich sage oft: "Jeder Mensch hat seine eigene Melodie. Wenn wir aber ständig versuchen, im Takt anderer mitzuspielen, verlieren wir irgendwann unseren eigenen Rhythmus."

Oft lohnt sich auch ein Blick auf eine tiefere Ebene: Woher kommt dieser innere Druck, mithalten zu wollen? Aus der Familie, der Gesellschaft – oder aus unseren eigenen, nie hinterfragten Erwartungen? Genau dort beginnt meist der wichtigste Teil der Arbeit.

Erst einmal aus- und innehalten statt direkt vermeiden

Du betonst die Bedeutung von Sinneswahrnehmungen – Hinfühlen, Hinschauen, Hinhören. Wann hast du selbst erlebt, dass genau dieser bewusste Fokus etwas verändert hat?

Bewusstsein ist für mich pures Training – aber trainieren kann ich nur etwas, von dem ich weiß, dass es überhaupt existiert.

In Momenten, in denen ich mich sehr unwohl gefühlt habe, habe ich gelernt, auszuhalten und innezuhalten, statt direkt zu vermeiden.

In einer Phase großer Überforderung in einem Arbeitsumfeld unter starkem Druck habe ich die Bedeutung meiner körperlichen Wahrnehmungen zum ersten Mal wirklich begriffen und zu schätzen gelernt. Wir wollen aus unangenehmen Situationen oft so schnell wie möglich heraus. Wenn wir sie aber als Chance sehen, kurz innezuhalten, wahrzunehmen und uns dort wirklich zu spüren, entstehen oft neue Erkenntnisse.

Besonders erlebt habe ich das in der Hotellerie. Da gibt es unzählige stressige Momente – Situationen, in denen ich dachte, perfekt funktionieren zu müssen. Genau hier hat mir dieser bewusste Fokus geholfen: nicht im Stress unterzugehen, sondern mich selbst zu reflektieren, meine Kräfte gut einzuteilen und meine Reserven gezielt zu nutzen.

Rücksichtsvoll mit mir selbst zu sein, war das wichtigste Learning. Erstmal kurz beobachten, dem ersten Impuls des Fliehens standhalten und mich fragen: Okay, was macht das gerade mit mir? Dann kann ich bewusst überlegen: Was brauche ich jetzt? Und handle erst anschließend.

Ach so – und atmen nicht vergessen :-)

Was sind die größten Stressfaktoren, die dir bei der GenZ auffallen – und wie unterscheiden sie sich von dem, was ältere Generationen erleben?

Vor allem eines: Zeitdruck. Wir meinen immer, vieles gleichzeitig und am besten schnell erledigen zu müssen. Es geht ständig darum, das Nächste zu erreichen – und möglichst sofort. Dieses Gefühl des Getriebenseins ist permanent präsent. Und wenn man dann gar nicht weiß, in welche Richtung es eigentlich gehen soll, wird das richtig belastend.

Ein weiterer Punkt: Wir sind oft viel mehr im Außen als bei uns selbst. Durch Social Media und ständige Informationsflüsse fühlen wir uns permanent mit der ganzen Welt verbunden. Das klingt zunächst spannend, ist aber enorm anstrengend – weil man innerlich nie wirklich zur Ruhe kommt. Viele merken das erst an Schlafproblemen, ständiger Müdigkeit oder einer chronischen Überreizung durch Lautstärke, Licht und Impulse. Der Körper versucht die ganze Zeit zu verarbeiten – und kommt mit dem Regenerieren kaum noch hinterher.

In meinen Augen fehlt hier ganz klar die bewusste Regenerationszeit: komplett allein, ohne Menschen, ohne Technik – und vor allem in Stille. Diese Fähigkeit, wirklich abzuschalten, ist fast verloren gegangen.

Ich denke, dass diese ständige Reizüberflutung früher einfach noch nicht in dieser Form existiert hat. Der Stress war oft sichtbarer – durch körperliche Arbeit, lange Arbeitszeiten oder familiäre Verantwortung. Heute findet der Druck im Kopf statt: mental, unsichtbar, ständig. Und genau das macht ihn so gefährlich – weil er leise beginnt, aber tiefgreifende Auswirkungen auf unser Wohlbefinden hat.

Ich glaube, wir sollten wieder lernen, dass Ruhe kein Stillstand ist, sondern ein echter Kraftmoment.

Flora Klepacz  Systemisches Coaching | Kreatives Mentoring | Beratung | © privat
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Kunst erschaffen. Antworten entdecken – so heißt es auf der Webseite von Flora Klepacz. Was die Coachin damit meint, erklärt sie hier.

Ich arbeite gerne mit Gegensätzen

Wenn jemand zu dir kommt und völlig orientierungslos ist, was den nächsten Karriereschritt betrifft: Wie begleitest du diesen Prozess, ohne einfach Ratschläge zu geben?

Ich sehe mich nicht als Ratgeberin, sondern als Wegbegleiterin. Ich sage nicht: Mach dies oder das, ich stelle systemische Fragen wie: Was macht dich lebendig? Wann vergisst du die Zeit? Welche Werte sind dir wirklich wichtig? Durch zusätzlich gezielte Interventionen (Reflexionsübungen), wie man im Coaching sagt, begleite ich dabei, eigene Klarheit zu finden.

Durch solche Impulse entwickeln Klient*innen ihre eigenen Antworten – und genau das ist der Kern nachhaltiger Veränderung.

Ich arbeite dabei gerne mit Gegensätzen: Wenn jemand sehr kognitiv unterwegs ist und perfekt im Erklären, lade ich dazu ein, stärker mit dem Körper und der Gefühlsebene zu arbeiten. Und umgekehrt – bei sehr emotionalen Menschen nutze ich gern Modelle und Reflexionsmethoden, die helfen, etwas Abstand zu gewinnen und mehr Verständnis für das eigene Erleben zu entwickeln. Genau diese Balance ist so wertvoll, weil die Lösungen aus den Menschen selbst entstehen – und dadurch viel tiefer wirken.

Besonders wertvoll erlebe ich dabei den Raum, den ich öffne: einen Raum, in dem junge Menschen einfach so sein dürfen, wie sie sind – ohne Erwartungshaltung, ohne Druck. Ich biete ihnen schlicht ein offenes Ohr und Herz für alles, was da ist. Und genau das ist oft der Anfang echter Orientierung.

Du nutzt Kreativität als Schlüssel im Coaching. Was war ein besonders überraschender Moment, bei dem ein kreativer Ansatz für Klient*innen eine unerwartete Lösung hervorgebracht hat?

Bei sehr sensiblen Themen, bei denen oft große Scham der Klient*innen mit hineinspielt, lade ich ein, sich anders auszudrücken als nur in Worten. Mit Farben, Materialien, Tönen usw. können ganz neue Lösungen gefunden werden. Kreativität holt uns aus dem Kopf – und genau da entstehen oft die besten Lösungen.

Ich hatte einmal eine junge Dame, die sich mit ihren Erklärungen ihrer eigenen Wirklichkeit immer und immer wieder im Kreis drehte. Ich sah richtig, wie sie sich ihr eigenes Kartenhaus erschaffen hatte, aus dem sie nicht mehr rausschauen konnte. Sie saß drinnen und erklärte sich selbst und mir unzählige Male, warum sie dies oder das nicht konnte, warum sie es nie schaffen würde und es so unfair sei, dass alle anderen so viel mehr reisen könnten, nur sie nicht.

Das war ihre eigene Realität – sie konnte nichts anderes sehen. Mit ein paar systemisch reflektierenden Fragen und Arbeiten im Raum habe ich sie dann eingeladen, in Farben auszudrücken, wie sie ihren IST-Zustand darstellen würde und danach den SOLL-Zustand, wo sie überhaupt hinwolle. Plötzlich entstand nicht nur eine ganz bunte Leinwand – sondern auch Erkenntnisse, was sie für ihre nächsten Reisen brauchte und vor allem, wie sie in Gedanken bei sich bleiben kann, anstatt wie ein Flummi von einem zum nächsten zu hüpfen. Das Kartenhaus musste also erst einmal einstürzen, um etwas Stabileres, Nachhaltiges aufbauen zu können.

Wie gesagt: Kreativität holt uns raus aus dem Kopf – und genau da entstehen oft die besten Lösungen.

Und ganz direkt gefragt: Was kann die GenZ von Menschen Ü50 lernen – und umgekehrt?

Ich glaube, die GenZ darf von Menschen Ü50 lernen, Gelassenheit und Durchhaltevermögen zu entwickeln – dass man nicht immer sofort alles haben oder lösen muss. Umgekehrt können die Ü50er von uns lernen, Mut zur Veränderung zu haben und gewohnte Wege auch mal zu verlassen. Ich sehe das wie einen Austausch zwischen Erfahrung und Neugier – wenn beides zusammenkommt, entsteht echte Stärke.

 Mehr über Flora Klepacz und ihr Coaching erfährst du auf ihrer Webseite.

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