20.10.2016

FINANZTEST RÄT Das können Sie als Angehörige gegen Erbschleicher tun

Unter Erbschleicherei versteht man den Versuch, durch unmoralisches oder sogar widerrechtliches Vorgehen in den Genuss einer Erbschaft zu gelangen.

Foto: iStock/Highwaystarz-Photography

Unter Erbschleicherei versteht man den Versuch, durch unmoralisches oder sogar widerrechtliches Vorgehen in den Genuss einer Erbschaft zu gelangen.

Erbschleicherei ist schwer nachweisbar. Finanztest zeigt, was Angehörige in so einem Fall tun können und wie man sich davor schützen kann.

Wer etwas vererben möchte, hat kaum rechtliche Einschränkungen. Grundsätzlich besteht in Deutschland Testierfreiheit. Das bedeutet man kann sein Geld vererben, wem man möchte. Dadurch kommt es immer wieder zu Erbschleichereien. Vor allem Demenzkranke sind leichte Opfer für solche Betrüger. Wollen Angehörige das Erbe später zurückholen, haben sie es schwer.

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Eine gebrechliche alte Dame und der junge Nachbar, der sich rührend um sie kümmert – und nach ihrem Tod eine beträchtliche Summe Geld erbt. Wo freiwillige, ehrlich Zuwendung aufhört und Erbschleicherei anfängt, ist in der Regel schwer zu ermitteln.

Erbschleicherei ist in Deutschland kein Strafbestand. Der Begriff des Erbschleichens ist gesetzlich weder definiert, noch gesellschaftlich klar eingeteilt. Vielmehr ist Erbschleicherei eine moralische Wertung: Jemand erwirbt das Vertrauen eines Menschen mit dem Ziel, an dessen Erbe zu kommen. Und das nachzuweisen macht es auch so schwierig, gegen Erbschleicherei vorzugehen.

Wie erkenne ich Erbschleicherei?

Immer wieder kommt die Vermutung auf, dass Pfleger, Nachbarn oder Familienmitglieder den schlechten Gesundheitszustand einer Person ausnutzen, um ans Erbe zu kommen. Regelmäßig klagen benachteiligte Verwandte gegen mutmaßliche Erbschleicher, berichtet “Finanztest“. Ob ein Erbschleicher den Verfasser eines Testaments beeinflusst hat, können Sie zum Beispiel erkennen, wenn

  • jemand gegenüber dem Testamentsverfasser gezielte Falschinformationen streut (“Die Kinder wollen dich ins Heim abschieben“)
  • jemand mit Entzug von Liebe und Pflege droht, falls er im Testament nicht berücksichtigt wird.
  • der Verfasser sein Testament in kurzen Zeiträumen mehrmals ändert, jeweils kurz nach den Besuchen der Begünstigten.
  • der im Testament Bedachte den Kontakt zu andern möglichen Erben unterbindet.

Das können Sie gegen Erbschleicher tun

Um gegen einen Erbschleicher vorgehen zu können, brauchen Sie Beweise. Sie können sich beispielsweise gegen ein Testament wehren, wenn der Verfasser beim Schreiben seines letzten Willens wegen einer geistigen Störung keinen freien Willen mehr bilden konnte. Er also zu diesem Zeitpunkt aufgrund einer Krankheit Testierunfähig war. Darunter zählen Personen, die wegen einer krankhaften Störung ihrer Geistestätigkeit, wegen Geistesschwäche oder wegen einer Bewusstseinsstörung nicht mehr in der Lage sind, die Bedeutung eines Testaments zu erkennen. Das Testament einer testierunfähigen Person ist unwirksam, auch wenn es von einem Notar beurkundet wurde.

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Für die Testierunfähigkeit brauchen Sie Nachweise. Das kann zum Beispiel eine Krankenakte sein, in der eine Demenz diagnostiziert wurde. Auch detaillierte Schilderungen von Zeugen über die Denk- und Merkfähigkeit lassen Rückschlüsse zu, ob diese Person beim Abfassen des Testaments noch frei gedacht und selbständig entschieden hat.

Auch bei falschen Versprechungen oder Drohungen können Angehörige ein Testament anfechten. Wenn beispielsweise ein Nachbar zum Alleinerben gemacht wurde, weil er zuvor versprochen hatte, die lebenslange Pflege zu übernehmen, sich aber nicht daran gehalten hat, dann kann das Testament wegen Irrtums angefochten werden.

Ist jeder Demenzkranke testierunfähig?

Nein. Allgemein neigen Gerichte dazu Personen mit Demenz im Anfangsstadium noch als testierfähig anzusehen. Erst wenn die Krankheit gravierender ist, wird die Testierunfähigkeit bestätigt. Die Grenze, ab wann eine Person Testierunfähig ist, wurde bisher nicht eindeutig definiert, wie Gerichtsurteile der letzten Jahre belegen.

Wer unter Demenz im Anfangsstadium leidet und noch ein Testament verfassen möchte, sollte dies nicht eigenhändigt machen, sondern die Hilfe eines Notars in Anspruch nehmen. So kann das Risiko von Einflussnahme und Fälschungen gesenkt werden. Außerdem sollte dem Notar ein Gutachten von einem Facharzt für Neurologie und Psychiatrie vorgelegt werden, um den aktuellen geistigen Zustand zu dokumentieren.

So können Sie sich vor Erbschleichern schützen

Eine Möglichkeit ist eine Betreuung durch das Amtsgericht. Diese können Kinder anregen, wenn die Eltern etwa wegen einer psychischen Krankheit Finanzangelegenheiten nicht mehr selbständig erledigen können. Stellt das Gericht den Eltern dann einen Betreuer zur Seite, können sie ihr Vermögen zu Lebzeiten nicht mehr so einfach verschenken.

Auch ein Ehegattentestament kann vor Erbschleicherei schützen. Darin setzen sich Eltern gegenseitig zum Alleinerben ein. Für den Tod des länger lebenden Partners setzen sie “Schlusserben“ ein, etwa die Kinder. Im Testament sollten diese Anordnungen als “wechselbezüglich“ bezeichnet werden, dann sind sie bindend. Die Einsetzung der Schlusserben kann vom länger lebenden Partner nicht mehr geändert werden. Nichtverheiratete können diesen Schutz durch einen Erbvertrag erreichen.

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