14.09.2011

Recht & Rat Das Geschäft mit der Urlaubs-Liebe

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Sommer, Sonne, große Gefühle! Dieser Traum wird für immer mehr Frauen zum Albtraum. 5.000 deutsche Urlauberinnen, so Experten, sind allein in diesem Jahr auf Liebes-Betrüger reingefallen. Für die Täter ein Millionengeschäft. BILD der FRAU wollte wissen: Wie arbeitet die Liebes-Mafia? Mit welchen Tricks werden Frauen in die Falle gelockt? Die Reporterinnen Erika Krüger, Claudia Kirschner und Anke Rottmann reisten mit versteckter Kamera in die Türkei und nach Kenia.

Zurück im Hotel treffen wir erneut Christel, sie sitzt einsam am Tresen. Seit drei Wochen ist sie da, ihre Haut noch immer blass. Christel traut sich kaum aus dem Hotel: „Mehmet will mich in seiner Nähe“, sagt sie. Sie hält das für Eifersucht und ist geschmeichelt. Nur manchmal, in besonders düsteren Momenten, ahnt Christel, dass Mehmet nur mit ihr spielt. Dass er immer nur Geld von ihr wollte. „Ich gebe ihm jedes Mal etwas, meistens so 100 oder 200 Euro. Ich habe ihm auch Geld aus Deutschland geschickt“, gibt sie zu. Genau nachgerechnet hat sie nie. Aber die Reisen, die Geldgeschenke, die Pension für die Liebesnächte, die Geburtstagspartys, die sie ihm finanziert hat – mehr als 15 000 Euro hat sie für diese „Liebe“ längst gezahlt.

Für Christel ist es der letzte Abend in Side. Um Mitternacht macht Mehmet Feierabend, sie passt ihn ab. Er hat aber keine Zeit, erzählt ihr, dass sein Vater krank sei, er noch in der Nacht zu ihm müsse. In einem weißen Umschlag steckt sie ihm 200 Euro zu, wie üblich. „Die Behandlung ist doch so teuer“, erklärt sie uns. Die Mitleidsmasche. Die kennt auch Hotelangestellte Ilona (31). Seit drei Jahren arbeitet sie an der türkischen Riviera: „Der Vater muss zum Arzt, der Onkel ist gestorben, das Mofa kaputt – die Typen finden immer einen Grund, warum sie Geld brauchen.“

Auch Animateur Akin. „Meine Mutter musste am Knie operiert werden“, erzählt er der Reporterin am nächsten Tag. „Dafür haben meine Eltern 20 000 Euro Kredit aufgenommen. Ich gebe ihnen jeden Monat die Hälfte meines Lohnes.“ Die Botschaft ist klar. Und er legt nach: „Du machst mich verrückt. Ich will die Nacht mit dir verbringen, hab aber kein Geld.“ Er schlägt eine Pension vor, in der das Zimmer nur 20 Euro kostet. An der Bar hören wir, wie Oberkellner Mehmet die nächste Touristin auf ein Glas Wein nach Feierabend einlädt: „Eine Frau wie du sollte nicht allein sein.“ Während er das sagt, sitzt Christel zu Hause in Süddeutschland und schreibt uns eine SMS: „Ich träume von den zwei großen Ms – Mehmet und dem Meer.“ Sie will gleich morgen zur Bank, einen neuen Kredit aufnehmen. Damit sie wiederkommen kann, nach Side …

Was genau ist Bezness?

„Bezness ist ein Millionengeschäft“, sagt Evelyne Kern, Vorsitzende des Vereins
„Community of interests against Bezness“, kurz CiB. Sie kümmert sich um Bezness-
Opfer. Als Täter-Länder am auffälligsten: Türkei, Tunesien, Marokko, Ägypten und Kenia. Laut Experten verursacht die Bezness-Mafia jährlich einen Schaden von 1,5 Milliarden Euro für das deutsche Sozialsystem (weil z.B. Sozialhilfe und Hartz IV für verschuldete Opfer oder hier verheiratete Täter oder Abschiebekosten anfallen).


„Allein von Tunesien-Urlauberinnen werden jedes Jahr 1800 schwere Betrugsfälle gemeldet“, berichtet Evelyne Kern. Den Behörden in Deutschland sind das Problem und viele Fälle bekannt – sie versuchen aber, das Thema klein zu halten:
„Betroffene müssen sich mit Mitteln des ausländischen Rechts gegen Betrugsfälle
wehren“, so die nüchterne Erklärung des Auswärtigen Amts. Aber: „Klagen in den
Herkunftsländern der Männer sind sinnlos, keine Betrogene hat je Gerechtigkeit erfahren“, sagt Evelyne Kern.


BILD der FRAU bat die türkische Botschaft in Berlin um Stellungnahme: Ist das Problem Bezness bekannt? Eine Sprecherin: „Davon liest man, ja.“ Und wird Handlungsbedarf gesehen? „Wir haben Besseres zu tun!“ Einzige Anlaufstelle für Opfer ist der Verein CiB. Der hat Petitionen ans Bundeskanzleramt und den Bundestag geschickt: „Wir wollen, dass Bezness zur offiziellen Straftat erklärt wird.“ (Mehr Infos: www.CiBev.de; Tel. 09209/918 245)




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