14.09.2011

Das Geschäft mit der Urlaubs-Liebe

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Sommer, Sonne, große Gefühle! Dieser Traum wird für immer mehr Frauen zum Albtraum. 5.000 deutsche Urlauberinnen, so Experten, sind allein in diesem Jahr auf Liebes-Betrüger reingefallen. Für die Täter ein Millionengeschäft. BILD der FRAU wollte wissen: Wie arbeitet die Liebes-Mafia? Mit welchen Tricks werden Frauen in die Falle gelockt? Die Reporterinnen Erika Krüger, Claudia Kirschner und Anke Rottmann reisten mit versteckter Kamera in die Türkei und nach Kenia.

Urlauberhochburg Side: Jedes Jahr kommen eine Million Touristen in den Ort an der türkischen Riviera, um ein paar unbeschwerte Tage zu erleben. Hier soll es liegen, eines der Hauptreviere der Liebes-Mafia, der sogenannten Beznesser. So werden die Gefühls-Gangster offiziell genannt – abgeleitet von Beziehung und Business.



Wir, die BILD der FRAU-Reporterinnen, haben in einem 4-Sterne-Hotel eingecheckt, sitzen gerade fünf Minuten an der Pool-Bar, als er vor uns steht: Akin (30), Animateur. Er fragt: „Habt ihr Lust, mit uns in die Disco zu fahren?“ Wir nicken – und schon hat das Spiel für ihn begonnen. Akin bleibt nicht der Einzige, der gleich am ersten Tag sein Glück bei den „Neuen“ versucht: Abends in der Disco „Sammy“ im Stadtteil Kumköy stehen junge Türken reihenweise an der Tanzfläche und „checken“ die Touristinnen ab. Wir bekommen Komplimente aus 1001 Nacht: „Du hast so schöne Augen, Erika. Dein Haar leuchtet wie die Sonne … Ich muss dich wiedersehen.“ Und immer wieder die Frage: „Was verdienst du? Wie viel? Viel?“

Es bleibt nicht bei schönen Worten. Hat ein Mann sein Netz ausgeworfen, wird die „Beute“ scharf bewacht. „Wenn dich einer belästigt, Anke“, säuselt Akin der BILD der FRAU-Reporterin ins Ohr, „dann sagst du mir sofort Bescheid! Ich beschütze dich.“ Für den Rest des Abends bleibt er in ihrer Nähe, berührt mal die Wange,
mal das Haar und schwärmt: „Dein Lächeln, das ist wirklich wundervoll!“

Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten, die bei vielen Frauen ankommen. Weil sie sich genau danach sehnen, weil sie genau die zu Hause vermissen. „Plötzlich fühlst du dich wieder gesehen“, sagt Bezness-Opfer Christel traurig. Wir lernen Christel an der Hotelbar kennen. Sie lebt am Bodensee, ist 53 – und bereits zum neunten Mal in Side. Warum? „Weil ich Mehmet sehen will“, erklärt sie. Mehmet (33), der Oberkellner. „Mein Freund“, sagt Christel stolz. Dass er 20 Jahre jünger ist, lässt sie nicht stutzen. Als sie ihn vor knapp vier Jahren das erste Mal trifft , ist sie noch verheiratet, wohnt mit ihrem Mann und zwei Kindern im eigenen Haus: „Aber ich war so unglücklich. Zehn lieblose Jahre hatte ich da hinter mir“, erzählt sie. „Erst durch Mehmet spüre ich wieder, dass ich lebe.“

Beznesser beherrschen die Manipulation perfekt: Sie geben der Frau das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, gewinnen ihr Vertrauen. „In unserer ersten Nacht hatte Mehmet das ganze Bett mit Rosenblättern bestreut“, schwärmt Christel. Die Pension hat sie bezahlt: „Er verdient als Kellner doch nur 200 Euro im Monat! Natürlich unterstütze ich ihn, wo ich kann.“ Die Nächte mit Mehmet kosten sie mehr als Geld: ihre Ehe, ihre Kinder, ihr Haus. „Ich liebe ihn“, sagt sie fast trotzig. Er sie auch? „Bei meinem ersten Urlaub hat er mich gleich gefragt, ob ich ihn heirate“, erzählt Christel. Dann nie wieder. Aber sie klammert sich an diese Hoffnung. Vorgespielte Gefühle und Geld: Darum dreht sich alles im Bezness-Geschäft.

Wie gut das System funktioniert, erleben wir in der „Eser“-Bar – berüchtigt als Beznesser-Kneipe Nr. 1. Ein schummriger Laden, die Tanzfläche voller Pärchen: ältere Urlauberinnen und junge Türken, eng aneinandergeschmiegt. Auch wir bleiben nicht lange allein. Barchef Abdul setzt sich zu uns, stellt sofort die wichtigste Beznesser-Frage: „Wie lange bleibst du?“ Danach richtet sich das Tempo, mit dem die Urlauberin umschmeichelt wird. Wir hören nach 10 Minuten ein „Ich liebe dich!“. Kellner Rasim bietet Reporterin Erika nach fünf Minuten einen romantischen Ausflug an – zum Wasserfall, mit Picknick. Doch dann kommt Hassan ihm in die Quere: Der Apotheker ist ranghöher in der Beznesser-Hierarchie. Als er nach Erikas Hand greift , sie an sein Herz drückt – sucht Rasim das Weite. Mit einstudierten Gesten stecken die Beznesser ihr Revier ab.

Später erfahren wir, dass Hassan Kontakt zu 500 Urlauberinnen hat. Von vielen bekommt er regelmäßig Geld. „Nachschub“ sei kein Problem, genug Frauen da. Zweimal greift Barchef Abdul an diesem Abend noch zum Telefon, ruft weitere junge Männer herbei. Das Geschäft ist straff organisiert: Vom Kellner bis zum Barbesitzer – jeder kennt seine Rolle, jeder spielt mit, viele kassieren ab. Mit dem Geld, das sie Urlauberinnen aus der Tasche locken, finanzieren Beznesser mal eine Wohnung, mal ein Geschäft , mal ihre Familie. Für andere Liebes-Betrüger sind die Touristinnen sogar das Ticket in ein neues Leben: Durch eine schnelle Heirat wollen sie nach Deutschland. „Das klappt oft “, erzählt Animateur Akin. „Ist euch das etwa noch nicht aufgefallen in Deutschland? So viele alte Frauen mit jungen Türken!“

Das Geschäft mit der Urlaubs-Liebe

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