23.08.2017

Von Kükenmord bis Welpenhandel Tierschutz bei der Bundestagswahl 2017: Wer schützt wirklich?

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Was tun die Parteien für den Tierschutz? Wir haben nachgefragt – die Antworten sehen Sie unten.

Foto: iStock/ArtMarie

Was tun die Parteien für den Tierschutz? Wir haben nachgefragt – die Antworten sehen Sie unten.

Tierschutz – dafür sind laut Wahlprogramm alle Parteien bei der Bundestagswahl 2017. Wir wollten wissen, bei welcher Partei das wirklich stimmt.

Was ihn antreibt? „Das schlechte Gewissen“, sagt Ludwig Reiser (58) aus Bayern. Er, der aus einer kleinen Landwirtschaft stammt, hat schon als Kind erlebt, „dass Tiere für uns Menschen leiden müssen“. Deshalb wurde der Diplom-Ingenieur erst Vegetarierer, dann Veganer, heute kämpft er politisch für Tiere – als Mitbegründer der „Partei für Tiere“.

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Vor zwei Jahren wurde diese kleine Partei gegründet. Zur Bundestagswahl treten er und seine Mitstreiter nicht an: „Wir haben nur einen Landesverband.“ Dafür aber ein großes Vorbild: Die „Partij voor de Dieren“ aus den Niederlanden. Dort gelang Marianne Thieme der große Coup: Sie schaff den Sprung ins Parlament. „Dabei haben uns bei der Gründung noch alle belächelt“, sagt die 44-Jährige. Denn tatsächlich hat ihre Partei nur einen Programmpunkt: Tierschutz!

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„Der deutsche Wähler unterstützt Tierschutz – aber wenn er sein Kreuz macht, dann doch wieder bei den Parteien, die die Rente sichern oder gegen Arbeitslosigkeit kämpfen“, meint Jan Peifer (35) vom Deutschen Tierschutzbüro. Dazu steht Tierschutz in Deutschland in diesem Jahr bei allen Parteien im Wahlprogramm.

„Aber oft ist das nur heiße Luft, sagt Jan Peifer. Wer genau hinsieht, merkt schnell: „Massentierhaltung wollen sie laut Programm alle abschaffen“, so der Experte. „Zum Welpenhandel schweigen sie.“ Warum? „Weil inzwischen eigentlich jeder bei uns gegen Massentierhaltung ist – da kann man Stimmen kriegen.“ Auf konkrete Maßnahmen und Termine festlegen lässt sich keiner.

Was die „Partei für Tiere“ sofort ändern würde? „In staatlichen Kantinen und Kindergärten würde es nur noch veganes Essen geben. Wir würden Tierversuche abschaffen, weil sie oft sehr grausam, überholt und von höchstens geringem wissenschaftlichem Nutzen sind. Und wir würden die Subventionierung der Landwirte abschaffen. Denn heute ist Hackfleisch günstiger als Gemüse – das kann nicht sein.“

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Setzen Sie sich für ein Ende der Massentierhaltung ein?

CDU/CSU: Uns ist wichtig, dass es dem einzelnen Tier gut geht. Wir fördern deshalb insbesondere kleine und mittlere Familienbetriebe. Eine anonyme, industrialisierte Agrarproduktion lehnen wir ab.

SPD: Wir unterstützen Betriebe, die eine artgerechte Tierhaltung betreiben und wollen eine Kennzeichnung von Lebensmitteln aus artgerechter Haltung. Dafür werden wir ein staatliches Tierschutzlabel auf Grundlage der Kriterien des Deutschen Tierschutzbundes einführen.

DIE GRÜNEN: Wir wollen in den nächsten 20 Jahren aus der industriellen Massentierhaltung aussteigen. Wir sehen ja, wie die Schäden größer werden: Zu viel Gülle in den Böden, steigende Preise für sauberes Wasser, unnötige Tierqual.

DIE LINKE: Wir wollen eine Nutztierhaltung, die flächengebunden, auf die einheimische Nachfrage bezogen und tiergerecht ist. Dazu sollen Bestandsobergrenzen für Regionen und Standorte eingeführt werden.

FDP: Wir setzen uns für artgerechte Tierhaltung und Tierernährung ein. Wünschenswerte Verbesserungen bei der Nutztierhaltung wollen wir durch eine gezielte Agrarinvestitionsförderung erreichen. Starre Vorgaben oder zu ehrgeizige Tierwohl­-Zertifiierungen hingegen überfordern vor allem kleine Landwirtschaftsbetriebe und beschleunigen den Strukturwandel.

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Verbieten Sie das Kükenschreddern?

CDU/CSU: Mit Forschungsmitteln der Bundesregierung ist eine Methode entwickelt worden, mit der man das Geschlecht schon im Ei feststellen kann. Diese kommt gerade jetzt in den Probelauf.

SPD: Ja. Die aktuelle Praxis der Kükentötung muss so bald wie möglich beendet werden. Tiere allein aus wirtschaftlichen Gründen zu töten, ist für uns ethisch inakzeptabel.

DIE GRÜNEN: Das Kükentöten muss beendet werden. Es ist auch nicht nötig. Wir setzen uns ein für eine deutlich stärkere Förderung von Zweinutzungsrassen.

DIE LINKE: DIE LINKE will die Praxis der massenhaften Tötung männlicher Eintagsküken beenden. Unter den Alternativen favorisieren wir das Zweinutzungshuhn mit einer ausgewogenen Fleisch­ und Legeleistung (Anm. der Red: Das bedeutet, männliche Küken würden nicht mehr als „nutzlos“ getötet).

FDP: Wir möchten, dass die Landwirtschaft die Haltungssysteme den Tieren anpasst und nicht umgekehrt. Das Kükenschreddern muss schnellstmöglich beendet werden.

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Wie stehen Sie zu Tierversuchen?

CDU/CSU: Sie sind derzeit noch nötig – z. B. in der Medikamentenentwicklung. Wir fördern Alternativen zum Tierversuch mit weit über 5 Millionen Euro jährlich.

SPD: Wir müssen Tierversuche auf das absolute Mindestmaß reduzieren. Nur wenn es keine andere Möglichkeit gibt, um beispielsweise ein neues Medikament gegen Krebs zu testen, darf ein Test an Tieren erlaubt sein.

DIE GRÜNEN: Wir wollen Tierversuche konsequent reduzieren. Tierversuchsfreie Methoden verursachen nicht nur deutlich weniger Tierleid. Sie sind häufig auch zuverlässiger als Versuche an Tieren.

DIE LINKE: Tierversuche müssen beendet werden. DIE LINKE fordert deshalb heute schon vermeidbare Tierversuche sowie Tierversuche, die mit schweren und voraussichtlich lang anhaltenden Schmerzen und Leiden verbunden sind, sofort zu verbieten.

FDP: Ziel liberaler Politik ist es, durch Fortschritt Tierversuche überflüssig zu machen. Ein grundsätzliches und sofortiges Verbot von Tierversuchen oder eine konkrete gesetzliche Beschränkung der Anzahl der Tierversuche lehnen wir jedoch ab.

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Sollten Tierquäler härter bestraft werden?

CDU/CSU: Ja. Verstöße gegen den Tierschutz müssen mit aller Härte geahndet werden. Sie sind kein Kavaliersdelikt.

SPD: Tierquälerei muss konsequent aufgedeckt und alle Täter müssen angemessen bestraft werden. Wir wollen Tierschutzorganisationen ein Klagerecht einräumen, damit sie wirkungsvoll gegen Tierquälerei vorgehen können.

DIE GRÜNEN: Es gibt bereits jetzt gute Gesetze gegen Tierquälerei, aber nicht immer eine konsequente Durchsetzung. Das wollen wir gemeinsam mit Ländern und Kommunen voranbringen: auch mit mehr Personal und besserer Ausstattung.

DIE LINKE: Unnötiges Tierleid muss verhindert werden. Neben der Durchsetzung ordnungsrechtlicher Maßnahmen sollten Regelungen zum Schutz der Tiere schon früher ansetzen.

FDP: Wir stehen für die konsequente Rechtsanwendung und ­-durchsetzung. Dies gilt auch für denUmgang mit Tierquälern.

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Brauchen wir einen Tierschutz-Minister?

CDU/CSU: Den haben wir schon. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat sehr viel für den Tierschutz getan und zum Beispiel die Initiative „Eine Frage der Haltung – Neue Wege für mehr Tierwohl“ ins Leben gerufen.

SPD: Wir brauchen einen Landwirtschaftsminister, der für ein modernes Tierschutzgesetz sorgt und Tiere vor unnötigem Leid schützt. Außerdem wollen wir eine Ombudsstelle für Tierschutz einrichten, die die Interessen der Tiere vertritt.

DIE GRÜNEN: Wir brauchen im Landwirtschaftsministerium in jedem Fall eine Ministerin oder einen Minister mit Leidenschaft auch für den Tierschutz. Gerade in den letzten vier Jahren haben wir nur Sonntagsreden gehört. Für den Tierschutz waren es verlorene Jahre.

DIE LINKE: Tierschutz muss in Deutschland auch institutionell gestärkt werden. Wir fordern deshalb eine/n Bundesbeauftragte/n für Tierschutz.

FDP: Artgerechte Tierhaltung und Tierschutz brauchen politisches Engagement und kein eigenes Ministerium.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in der BILD der FRAU Nr. 35.

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