05.08.2015

Annette Fischer (47) Mein "Shadow" rettet Menschenleben

Von

Foto: Guido Ohlenbostel

Im April und Mai dieses Jahres bebt in Nepal die Erde. 24 Stunden nach dem ersten Beben ist Annette Fischer bereits vor Ort im Katastrophen-Gebiet – zusammen mit ihrer Labradorhündin, die für solche Einsätze ausgebildet ist.

Die erste SMS bekommt Annette Fischer morgens um zehn Uhr: "Erdbeben in Nepal." 30 Minuten später summt ihr Handy wieder. Die nächste SMS. Nun weiß die 47-Jährige: Sie wird gebraucht. In Nepal. Jetzt! Denn die vierfache Mutter ist ehrenamtliche Rettungshundeführerin, ihre Labradorhündin "Shadow" (10) für die Trümmersuche trainiert. Was ihr in diesem Moment durch den Kopf geht? "Ich hatte keine Zeit, groß nachzudenken", erinnert sie sich. Alles muss schnell gehen. "Manchmal hat man von der Alarmierung bis zum Abflug gerade mal vier Stunden."

Als die Maschine Richtung Asien startet, ist Annette Fischer mit "Shadow" und 51 Kollegen von der Hilfsorganisation ISAR an Bord – Rettungshundeführern, Bergungsexperten, Ärzten, Pflegern, Sanitätern. Die Stimmung? "Anspannung und Aufregung", beschreibt Annette Fischer. "Niemand weiß, was auf uns zukommt. Nur eins ist klar: Wir wollen Menschen retten!"

So wie bei ihrem ersten Auslandseinsatz im November 1999 in der Türkei. Ein Erdbeben erschütterte die Region rund 150 Kilometer von Istanbul, mehr als 900 Menschen starben. Besonders betroffen: die Stadt Düzce. "Alles war zerstört, die Menschen haben mit Händen nach Überlebenden gegraben." Mit ihrer ersten Hündin "Aika" ist Annette Fischer Tag und Nacht im Einsatz. "Wir sind von einem Punkt zum nächsten gegangen." Schlagen die Hunde an, geht’s weiter zum nächsten Trümmerberg. "Später habe ich erfahren, dass durch uns zwei Menschenleben gerettet werden konnten. Das sind die Momente, in denen ich weiß: All die Mühen haben sich gelohnt!"

Denn bis zum ersten Einsatz war es ein langer Weg. Angefangen hat alles mit dem Besuch einer Hundeausstellung: "Da haben mein Mann und ich die Vorführung der BRH-Rettungshundestaffel gesehen und waren begeistert." Einen Hund wollten sie schon länger haben – nun stand fest: "Das machen wir auch!“ Kaum ist Labradorwelpe "Aika" bei ihnen, beginnt die Ausbildung.

Auch zu Hause wird geübt. "Unsere Kinder haben sich versteckt und 'Aika' hat sie mit Begeisterung gesucht", erinnert sie sich lachend. Nach knapp zwei Jahren bestehen Hund, Herrchen Harald Peter (51) und Annette die Prüfung als Rettungsteam für Trümmer und Fläche des Bundesverbandes Rettungshunde.

Doch der erste Einsatz lässt zwei Jahre auf sich warten. "Ein Mann wurde vermisst", erinnert sich Annette Fischer. Ihr Team wird alarmiert, mit "Aika" fährt sie zu einem Waldgebiet. "Mir war klar, welche Verantwortung bei 'Aika' und in meinen Händen liegt." Bei diesem Einsatz gab es kein Happy End, es blieb eine erfolglose Suche. "Damit muss man auch klarkommen", sagt Annette Fischer. Sie schafft es – und entschließt sich, mit ihrem Mann auch die Prüfungen für Auslandseinsätze zu machen. "Dabei stand fest, dass wir nie gemeinsam zu einem Einsatz fahren werden. Einer bleibt immer bei den Kindern."

So war es auch, als sie 2003, am zweiten Weihnachtsfeiertag, in den Iran flog: Einsatz im Erdbebengebiet Bam, rund 20 000 Menschen sterben. "Wir sahen ein einziges Trümmerfeld", erinnert sich Annette Fischer. "Die Häuser dieser historischen Stadt waren vor allem aus Lehm und Ziegeln gebaut und in tausend Stücke zerfallen. Es gab kaum Hohlräume für Überlebende. So war klar: Hier werden wir wahrscheinlich niemanden mehr lebend finden …"

An einem Tag waren sie schon auf dem Rückweg, als ein Mann sie stoppte. "Er bat uns, einen kleinen Trümmerhügel noch einmal abzusuchen. Es war sein Haus und wir mussten ihm sagen, dass von seiner Familie niemand überlebt hat. Es war schrecklich zu wissen, dass wir ihm seine letzte Hoffnung nahmen."

Doch ihre eigene Hoffnung, dass sie Leben retten kann, bleibt. Und so fliegt Annette Fischer wieder los, nach Nepal. Es geht nach Kathmandu, dann weiter nach Gorkha, sechs Stunden Fahrt mit einem Bus über gefährliche Serpentinen, vorbei an Geröllfeldern. Auf dem Parkplatz des Krankenhauses bauen die Helfer ihr Lager und ihre Zelte auf, "zwischen Müllhalde und Leichenhalle." Tagsüber suchen sie nach Verschütteten, helfen Verletzten. Nachts versuchen sie, zur Ruhe zu kommen. Und erleben das nächste Erdbeben. "Die Bewohner sind schreiend vor Angst aus ihren Häusern gerannt", erzählt Annette Fischer. "Sie sind schwer traumatisiert."

Für die Helfer ist der Einsatz nicht leicht. "Wir wussten, dass in den umliegenden Dörfern dringend Hilfe gebraucht wird. Aber es gibt keine Straßen, der Fußmarsch dauert fünf bis acht Tage. Bis wir dort wären, hätte niemand mehr eine Chance." Nach zehn Tagen fliegen "Shadow", Annette Fischer und die meisten Helfer wieder nach Hause. Im Gepäck auch das Gefühl, dass sie diesmal niemanden retten konnten. "Die Bilder, die wir gesehen haben, bleiben immer im Kopf."

Was ihr Kraft gibt? "Meine Familie – und mein Glaube! Und das Wissen, dass ich etwas für andere tun kann." Dieses Wissen gibt Annette Fischer als Ausbilderin an andere Rettungsteams weiter. "Es ist ein gutes Gefühl, dass ich etwas mache, das mir selbst Spaß bringt – und damit anderen helfen kann." Deshalb wird sie weiter trainieren. Und auch wieder losfliegen, wenn der nächste Anruf kommt. Denn: "Die Hoffnung, dass wir einen Menschen retten können, ist immer bei uns."

Text: Anke Rottmann

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