24.02.2017

Interview Ökologie und Nachhaltigkeit - was wirklich sinnvoll ist

Ein umweltbewusstes Leben zu führen, ist gar nicht so schwer. Schon kleine Veränderungen im Alltag können eine große Wirkung entfalten.

Foto: iStock / AJ_Watt

Ein umweltbewusstes Leben zu führen, ist gar nicht so schwer. Schon kleine Veränderungen im Alltag können eine große Wirkung entfalten.

Viele von uns würden gerne nachhaltiger leben. Doch oft fällt es schwer, die Übersicht im Expertentipp-Dschungel zu bewahren. Ist Öko automatisch besser?

Das fragte sich auch Ann-Kristin Mull und entschied kurzerhand, mit Ihrem Buch "Ist Öko immer gut? Was Welt und Klima wirklich hilft" selbst für Überblick zu sorgen. Wir haben sie interviewt.

Umweltschutz betrifft uns alle

bildderfrau.de: Liebe Frau Mull, Sie sind eigentlich Designerin. Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit?

Ann-Kristin Mull: Ich würde die Frage gerne einfach anders herum stellen: Warum sollten wir uns nicht alle damit beschäftigen? (Ausgenommen natürlich diejenigen, die existenzielle Sorgen haben.) So, wie wir jetzt leben, sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen. Dabei haben wir so viel Potential, das zu ändern – in vielen Fällen ohne, dass wir dabei einschneidende Veränderungen in unserem Alltag hinnehmen müssten. Aber wir müssen etwas tun; wir müssen anfangen.

Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu gestalten?

Ich wollte Antworten finden; ich war unsicher, mit welchen gut gemeinten Veränderungen ich wirklich etwas Gutes bewirken würde. Eine dieser Fragen war „Wenn wir nur noch Made in Germany kaufen, verlieren dann die Menschen in Indien ihre Lebensgrundlage?“, eine andere „Wenn wir Wasser sparen, gehen dadurch Rohre kaputt?“

Dabei stellte ich fest, dass es entweder seriöse, aber trockene Fachliteratur gab – oder Bücher, die zwar schön gestaltet waren, aber oft einer wissenschaftliche Grundlage entbehrten. Auf gewisse Weise ist mein Buch also das Buch, das ich selbst vor Jahren gesucht habe, das es aber noch nicht gab. Darum blieb mir nichts anderes übrig, als es selbst zu gestalten (lacht).

Also recherchierte ich zwei Jahre, sammelte die brennendsten Nachhaltigkeits-Fragen und konnte 16 internationale Experten von meiner Buchidee so begeistern, dass Sie mir einen Beitrag schrieben und meine Fragen beantworteten.

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Was ist das Besondere an Ihrem Buch?

Es hat eine wissenschaftliche Grundlage, aber es liest sich leicht. Das jedenfalls war meine Motivation: Als Designerin wollte ich die Expertenbeiträge so aufbereiten, dass sie viele Menschen gerne lesen.

Das Buch zeigt nicht nur Mittel und Wege auf, sondern bewertet sie auch: Mit welchen gut gemeinten Nachhaltigkeit-Tipps machen wir uns vielleicht unnötig das Leben schwer, obwohl sie wenig bringen? Und: Welche Dinge haben eine große Wirkung, bedeuten für unseren Alltag aber kaum eine Umstellung?

Beim konkreten Umsetzen helfen eine Zusammenfassung am Ende des Buchs, bebilderte Stromspartipps und ein Saisonkalender, sowie eine Auswahl an vertrauenswürdigen Gütesiegeln beziehungsweise Hilfsorganisationen.

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Ist es denn überhaupt möglich, zu 100 Prozent nachhaltig zu leben?

Heute, hier und jetzt: nein. Dafür ist unsere Gesellschaft noch zu wenig auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Aber: „Wir können mit 20% Aufwand zu 80% nachhaltig leben“, erklärt im Buch Prof. Rainer Grießhammer, einer der Leiter des Öko-Instituts.

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Bringt es überhaupt etwas, wenn wir als Einzelperson unser Leben nachhaltig gestalten?

Immer. Natürlich sind auch grundlegende politische Maßnahmen nötig. Aber diese politischen Weichenstellungen gehen oft Hand in Hand mit Entscheidungen, die wir im Alltag treffen; mit unserer Einstellung sowieso. Und: Die Politik ist langsam, wir hingegen können morgen schon beginnen, etwas zu tun. Oder … gleich jetzt.

Woran können wir erkennen, dass ein Produkt nachhaltig ist?

Es ist gar nicht so wichtig, dass wir nur noch nachhaltige Produkte kaufen. Vielmehr geht es darum, nachhaltiger zu denken, nachhaltiger einzukaufen und unseren „Ökologischen Fußabdruck“ zu verkleinern. Jede Woche mehrere neue Kleidungsstücke zu kaufen ist auch dann nicht nachhaltig, wenn sie unter fairen Bedingungen hergestellt wurden und mehrere Öko-Label tragen.

Aber zurück zur Frage: Generell sind Produkte nachhaltig, die regional, fair und ökologisch hergestellt wurden und vielleicht sogar geprüfte Gütesiegel tragen (z. B. den „Blauen Engel“). Außerdem ist es nachhaltig, vor allem Lebensmittel der Saison essen, statt Erdbeeren im Winter. Wie bei regionalen Produkten sparen wir hier das CO2, das durch lange Transportwege entstünde.

Sollten wir unser Geld bei einer ethischen Bank anlegen? Und ist das sicher?

„Es ist weder riskant noch umständlich, sein Geld nicht bei einer großen Bank anzulegen“, versichert der Wirtschaftsethiker Dr. Klaus Gabriel im Buch. Geld hat viel Macht – also sollten wir es in die richtigen Bahnen lenken.

Tipps für den Alltag

Wie können wir im Alltag Energie sparen?

Die wichtigste Entscheidung treffen wir hier beim Aussuchen unserer Wohnung. Eine gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebundene und gut gedämmte Wohnung ist aus ökologischer Sicht Gold wert.

Wirksame Energiespar-Tipps sind zum Beispiel:

  • Stoßlüften statt gekippte Fenster
  • LED-Lampen
  • Zeitschaltuhren für die Heizung (So können Sie die Zimmertemperatur nachts – oder während Sie in der Arbeit sind – senken)
  • Bei Geräten: Dauerverbraucher mit einer abschaltbaren Steckerleiste vom Netz nehmen
  • Beim Waschen: volle Trommeln und niedrige Temperaturen

Ist es eigentlich teurer, ein umweltbewusstes Leben zu führen?

Ein wirklich umweltbewusstes Leben ist sogar viel billiger. Klar, viele nachhaltige Produkte sind erst einmal teurer – aber wenn wir nachhaltiger denken; Energie sparen, weniger kaufen, uns bei jeder Sache mehrmals fragen, ob wir sie wirklich brauchen (oder sie leihen, reparieren oder gebraucht kaufen können), wenn wir vielleicht feststellen, dass wir ein (eigenes) Auto gar nicht brauchen, wenn wir erst all die wunderschönen Orte von Europa kennenlernen, statt eine Fernreise zu buchen … – dann ist das umweltbewusste Leben sogar plötzlich viel billiger.

>> So kann man effektiv Müll vermeiden

Fliegen und Auto fahren schadet unserer Umwelt. Manche sind jedoch auf Ihr Auto angewiesen. Was raten Sie denjenigen?

Auch dann gibt es Möglichkeiten, einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu tun: Vielleicht kann ich unterwegs einen Kollegen mitnehmen, der nun das Auto stehen lassen kann. Vielleicht bietet es sich an, ein Auto mit Nachbarn zu teilen, Carsharing zu nutzen. Oder ein Elektroauto zu kaufen.

Wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen?

Jeder, dem unsere Welt und Umwelt am Herzen liegt – der aber nicht die Zeit und Lust hat, Fachliteratur zu wälzen.

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