25.02.2017

Nachhaltigkeit "Zero Waste" - Ein Leben ohne Müll

Durch den Einkauf frischer und unverpackter Lebensmittel auf dem Wochenmarkt kann bereits viel unnötiger Verpackungsmüll eingespart werden.

Foto: iStock / boggy22

Durch den Einkauf frischer und unverpackter Lebensmittel auf dem Wochenmarkt kann bereits viel unnötiger Verpackungsmüll eingespart werden.

Olga Witt ist Gründerin des ersten Unverpackt-Ladens in Köln. Sie lebt die "Zero Waste" Lebensphilosophie - für einen Alltag (fast) ganz ohne Müll.

Wie wir Nachhaltigkeit und Sparsamkeit ganz einfach in unseren Alltag einbauen können, zeigt sie in ihrem neuen Buch "Ein Leben ohne Müll. Mein Weg mit Zero Waste". Wir sprachen mit ihr über die Wegwerfgesellschaft, praktische Haushaltstipps und über die Konsequenzen eines radikalen Lebenswandels.

bildderfrau.de: Hallo Frau Witt, Sie haben früher einmal als Architektin gearbeitet. Dann gründeten Sie Kölns ersten Supermarkt, der ganz ohne Verpackungen funktioniert. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewegt?

Olga Witt: Es ist wohl eher ein Laden als ein Supermarkt (lacht). Ich wollte ökologische Architektur machen, konnte in Köln aber keinen Arbeitgeber finden, der diesen Wunsch mit mir teilte und so quittierte ich den Dienst.

Der Laden kam erst später, als unsere Wohnung voll stand mit 25 kg schweren Papiersäcken, die mit diversen Lebensmitteln gefüllt waren. Wir wünschten uns endlich wieder eine aufgeräumte und reduzierte Wohnung, wieder in kleinen Plastikverpackungen einzukaufen war aber keine Lösung. Und so entschlossen wir uns, Kölns langersehnten ersten Unverpacktladen schließlich selbst zu eröffnen.

Ein normaler Supermarkt ist ohne Verpackungen unvorstellbar, allein schon wegen der hygienischen Standards. Wie funktioniert das in Ihrem Supermarkt?

Wegen hygienischer Standards ist heute praktisch alles unmöglich. Diese Gründe sind zu einem Totschlagargument für und gegen alles geworden, je nachdem, was man gerade verkaufen möchte.

Tatsächlich ist es absolut kein hygienisches Problem einen Unverpackt Laden zu eröffnen. Alle Lebensmittel sind mit einem Spuckschutz versehen, so dass ein Hineinniesen zum Beispiel ausgeschlossen ist. Unsere Lebensmittel kommen zwar mit mehr Luft in Kontakt als abgepackte Supermarktprodukte, aber daran stirbt so schnell keiner.

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Ist Ihr Konzept erfolgreich? Welche Resonanz erfahren Sie von Ihren Kunden?

Wir haben eine sehr gute Resonanz. Wir haben bereits Stammkunden, die regelmäßig kommen, aber auch immer wieder neue Leute, die sich das Konzept anschauen wollen. Soweit sind die meisten begeistert. Es kommen sogar viele in den Laden und danken uns, dass wir endlich auch in Köln so einen Laden eröffnet haben.

Was ist die Zero-Waste-Bewegung?

Vordergründig geht es um das Streben danach, so wenig wie möglich Müll zu produzieren. Und tiefgründig geht es letztlich darum, weniger über unsere Verhältnisse zu leben, weniger auszubeuten, Ressourcen zu schonen und zu nutzen was es schon gibt. Die neue, bewusste Sparsamkeit ohne Not.

Wir produzieren mehr als 600 kg Müll im Jahr. Was glauben Sie ist der Grund für diese hohe Müllproduktion? Leben wir in einer Wegwerfgesellschaft?

Ja, das tun wir. Unser Müllaufkommen ist direkt proportional zu unserem Wohlstand. Je mehr Geld wir haben, desto mehr Geld geben wir aus für Dinge, die wir bald darauf wegschmeißen. Allein das erklärt schon, warum es nicht teurer sein kann, Zero Waste zu leben.

Das Problem ist ein weltweites System, das auf Wachstum hin orientiert ist. Um den Kern der Wurzel zu packen, müssen wir den Glauben an grenzenloses Wachstum überdenken.

Was gehört für Sie zu den unsinnigsten und schlimmsten Verpackungsformen?

Quetschis heißen sie glaube ich. Püriertes Obst, der Inhalt wiegt genauso viel wie die Verpackung, schätze ich. Und dann darf da auch noch Bio drauf stehen.

Kann jeder von uns Zero Waste leben?

Jeder kann und keiner kann. Das Fernziel "Zero" erreicht man in unserer Gesellschaft leider nicht, aber sein Leben auf weniger Müll und weniger Ausbeutung auszurichten, kann jeder.

Auch privat versuchen Sie, jeglichen Verpackungsmüll zu vermeiden. Wann und warum fassten Sie diesen Schluss? Gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis?

Anfang 2013 stieß ich in einer Zeitschrift auf den Begriff Zero Waste. Verpackungen waren mir zu dem Zeitpunkt schon länger ein Dorn im Auge, aber mit diesem neuen Begriff, kannte ich endlich die Lösung.

Man kann sich vorstellen, dass das ein ziemlicher Aufwand ist. Bedeutet Zero Waste Verzicht?

Aufwand ist Auslegungssache. Ich würde behaupten, dass regelmäßiges Shoppen gehen ein ziemlicher Aufwand ist. Dinge wegzulassen eher nicht.

Es gibt einige Dinge, die ich nicht mehr konsumiere. Ich bin allerdings mit dem Begriff Verzicht sehr vorsichtig, da er oft negativ interpretiert wird. Ich habe mich aber sehr bewusst gegen Dinge entschieden, die ich mit meinem ethischen Gewissen nicht mehr vereinbaren kann. Darunter leide ich nicht etwa, sondern fühle mich und mein Gewissen erleichtert.

Es ist vergleichbar damit, wenn Sie sich entscheiden, kein Fleisch mehr aus Massentierhaltung zu essen. Es gibt nur wenige Dinge die ich etwas vermisse, wie zum Beispiel Tofu. Ihn in einer kleinen Plastikverpackung zu kaufen, bringe ich aber nicht mehr übers Herz.

Welche Änderungen waren am auffälligsten und am schwierigsten zu meistern?

Es waren und sind tatsächlich Lebensmittel. Die gab es für uns anfangs nur in Plastikverpackungen, dann kamen die 25 kg Papiersäcke und nun endlich der Unverpackt-Laden. Aber auch hier fallen noch Verpackungen an und zwar leider nicht nur Papier. Und den Tofu habe ich immer noch nicht.

Sind Ihre Lebenshaltungskosten gestiegen?

Ganz im Gegenteil. Leben nach dem Zero Waste Prinzip senkt die Kosten immens. Denn wer nichts wegschmeißen will, fängt an weniger zu kaufen - und Kaufen kostet Geld.

Hat sich Ihr radikaler Lebenswandel auch auf private Beziehungen ausgewirkt? Wie reagiert Ihr Umfeld?

Meine erste Beziehung ist sehr schnell daran zerbrochen, was aber auch okay war. Mein damaliger Partner und ich waren endlich an dem Punkt angekommen, an dem wir erkannten, dass wir einfach nicht zueinander passten.

Meinen Beruf habe ich ebenfalls aufgegeben, unter anderem weil ich zu Hause auf winzige Plastikverpackungen achtete und im Büro tonnenweise Plastik (WDVS) an Wände planen musste.

Kommen wir zu ganz praktischen Fragen: Was muss bei der Aufbewahrung von Lebensmitteln beachtet werden?

Wer weniger in seinem Kühlschrank stehen hat, behält die Übersicht - so wird nichts schlecht. Gerade Backwaren können sehr gut aufgewertet werden, sodass davon nichts in der Tonne landen sollte.

Frischhaltefolie und Alufolie können sehr leicht ersetzt werden, etwa durch Dosen. Mit Tellern als Deckel, einer Abdeckung mit Tüchern und der Aufbewahrung im Kühlschrank kann man sich die meisten Abdeckungen komplett sparen.

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Worauf achten Sie beim Kochen?

Lecker sollte es sein (lacht).Und es ist vielleicht nicht immer nötig, so viel von den essbaren Gemüseteilen abzuschneiden.

Was sollte man beim Einkaufen beachten, etwa wenn es keine Supermärkte ohne Verpackungen gibt?

Obst und Gemüse gibt es immer lose, zum Beispiel im Bioladen oder auf dem Markt. Noch besser sind Gemüsekisten direkt von Bio-Bauernhöfen oder eine Mitgliedschaft in einer Solidarischen Landwirtschaft. Milchprodukte und die meisten Getränke gibt es in Pfandflaschen, Wasser dagegen trinkt man am besten aus der Leitung.

Bei trockenen Lebensmitteln hört es dann aber schon bald auf. Großpackungen verbessern hier das Verpackungsverhältnis und spontane Lustkäufe an der Kasse könnte man einfach sein lassen.

Wie waschen Sie Ihre Wäsche?

Anfangs probierte ich Waschnüsse. Ökologisch sind sie aber alles andere als vorteilhaft, wie ich feststellte. Jetzt löse ich Waschsoda und Olivenölseife in Wasser auf. Hin und wieder reichen aber auch ein paar zerstampfte Kastanien, denn auch sie enthalten die gleichen Saponine wie die Waschnüsse.

Wie sieht es mit Kosmetik und Pflegeprodukten aus?

Haarseife für die Haare (wobei ich gerade damit liebäugele mir die Haare gar nicht mehr zu waschen) und Seife für Körper, Gesicht und Rasur.Bodylotion habe ich meiner Haut abgewöhnt und seitdem ich nicht mehr fernsehe, fühle ich mich auch ohne Make-up schön.

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Sie sind auch Mutter. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das in puncto Zero Waste?

Weniger als gedacht. Mit Wasser, Stoffwindeln und "windelfrei" ist das Po-Thema erledigt. Klamotten, Spielzeug und alles weitere ist gebraucht und vieles lassen wir einfach weg, etwa die kleinen Gläschen mit gemischtem Brei. Ich kann noch nicht mal erahnen wie viel Glasmüll ein Kind alleine in seinen ersten zwei Lebensjahren produziert. Ich würde dieses pürierte Allerlei auch nicht essen wollen.

Wie finden Sie Tausch-Netzwerke?

Es gibt mittlerweile sehr gute Alternativen zum Neukauf. Das sind Secondhand-Läden, Internetbörsen, Flohmärkte, Sperrmüll (leider auch immer wieder)und Kleidertauschveranstaltungen. Wenn wir wirklich mal etwas brauchen, dann versuchen wir es darüber.

Wie viel Müll produzieren Sie jetzt noch durchschnittlich in einem Monat?

Das ist schwer zu sagen. Welcher Teil wird mitgezählt? Der Restmüll und der Plastikmüll? Oder auch Glas und Papier? Oder alles andere, was kaputt geht? Und wie ist es mit dem Müll, der bei der Produktion von Gütern anfällt, die ich neu kaufen muss? Oder wenn ich auswärts esse? Oder die Verpackungen, die im Laden anfallen?

Ich probiere es mal so: Ich schätze, ich habe meinen Müll um 95 Prozent reduziert!

Viel von unserem Verhalten hat ja auch einfach mit Gewohnheiten zu tun. Welche praktischen Tipps können Sie unseren Leserinnen geben, die langsam auf ein Leben mit weniger Müll umsteigen wollen?

Es ist Gewohnheit, gepaart mit Gemütlichkeit und dem Verstecken hinter dem "alle machen es".

Mein Tipp ist, nicht lange nach einem Aber zu suchen, sondern gleich anzufangen. Und zwar nicht mit dem, was einem am schwersten fällt, sondern mit etwas einfachem. So kann man Stück für Stück immer mehr in sein Leben integrieren, ohne, dass es besonders auffällt. Die Gewohnheit können wir uns nämlich auch zu Nutze machen, indem wir uns an andere Verhaltensweisen so lange gewöhnen, bis sie für uns selbstverständlich sind.

Welche Maßnahmen in Sachen Umweltschutz und Müllproduktion erwarten Sie von der Politik?

DIe Politik muss an Alternativen zur Wachstumsgesellschaft arbeiten und sich von Unternehmen nicht länger aushalten lassen. Außerdem sollte dafür gesorgt werden, dass Bahnfahren nicht teurer als Autofahren oder sogar Fliegen ist. Ich wünsche mir auch, dass Kleinbauern und die Bio-Landwirtschaft gefördert werden, der Fleischkonsum reduziert wird und Massentierhaltung verboten wird.

Ökozertifizierungen sollten subventioniert und Hauswirtschaft, Ernährung und Umweltbildung als Pflichtfächer in den Schulen eingeführt werden. Es muss ganz dringend etwas gegen geplante Obsoleszenz getan werden. Das wären die Punkte, dir mir spontan einfallen.

Was ist die positivste Veränderung seit Ihrem Lebenswandel?

Ich fühle mich schön, ohne eine Tagesmaske aufzulegen und ich habe nicht mehr diesen ständigen Drang etwas zu brauchen. Außerdem habe ich ein besseres Gewissen, weil ich weniger auf Kosten meiner Umwelt, anderer Menschen und Tiere lebe.

Außerdem bin ich weniger abhängig von einem hohen Einkommen, um mir ständig neue Konsumgüter leisten zu können. Ich komme mit sehr wenig aus und kann es mir leisten, in einem Job zu arbeiten, der wenig Geld, aber viel Erfüllung bringt.

In Ihrem neuen Buch „Ein Leben ohne Müll. Mein Weg mit Zero Waste“ berichten Sie von Ihrem Weg der Müllvermeidung und geben praktische Tipps. Wer sollte Ihr Buch lesen?

Jeder (lacht). Denn jeder von uns lebt von der Erhaltung unseres Planeten. Und es gibt vollkommen neue Sichtweisen auf eine Welt, die wir gemeinhin als "normal" bezeichnen, die jeden bereichern können.

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