09.04.2020 - 13:43

Coronavirus-Einschränkungen Besuchsverbote im Pflegeheim: NRW will Besuche wieder ermöglichen

Warten auf die Liebsten: Können zumindest in NRW Bewohner von Pflegeheimen bald wieder Besuch empfangen? Der Weg dahin bleibt steinig.

Foto: iStock/Rawpixel

Warten auf die Liebsten: Können zumindest in NRW Bewohner von Pflegeheimen bald wieder Besuch empfangen? Der Weg dahin bleibt steinig.

Die Einschränkungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie zehren vor allem an IHREN Kräften: Die Menschen in Pflegeheimen und deren Angehörige müssen gerade auf sehr viel Halt verzichten – obwohl die Angst für sie so groß ist. In Nordrhein-Westfalen denkt man daher nun über Lockerungen nach.

Gerade unter den Menschen in Deutschlands Pflege- und Seniorenheimen sowie deren Angehörigen ist die Verzweiflung groß. Sowieso schon oft allein, jetzt rund um die Uhr in Angst, dass das Virus sich unter den Bewohnern ausbreiten könnte – und kein Halt durch die Familie. Denn die darf nicht zu Besuch kommen. Vielleicht ändert sich das stellenweise trotz anhaltender Corona-Krise aber bald wieder. Eigentlich stehen die Prognosen nicht so gut. Doch zumindest die rund 170.000 Bewohner der nordrhein-westfälischen Pflegeheime könnten bald wieder ihre Liebsten empfangen – unter Auflagen.

Diese Aussicht stellte jedenfalls NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann nun gegenüber der "Rheinischen Post". Dazu habe er bei mehreren Wissenschaftlern Praxisvorschläge in Auftrag gegeben, wie man das Leben in den Heimen trotz Coronavirus-Gefahr aufrecht erhalten könne.

NRW will Besuche in Pflegeheimen so schnell wie möglich wieder erlauben – und zwar so

"Die Vorschläge werden schon in Kürze vorliegen und dann auch schnell umgesetzt. Wie auch immer geartete Besuche müssen wieder möglich sein", erklärt Laumann dem Blatt gegenüber. Es gehe dabei um die Freiheitsrechte der älteren Generation – diese könnten nicht über einen längeren Zeitraum ausgehebelt werden. "Sie können es den 170.000 Menschen in unseren Pflegeheimen nicht zumuten, dass für sie über ein halbes oder ganzes Jahr hin­weg ein Besuchsverbot gilt, dass sie weder Ehe­partner, Kinder noch Enkel sehen können." Und weiter: "Das sind ja alles Menschen mit einer ohnehin noch sehr verkürzten Lebenserwartung." Man müsse daher alles daran setzen, dass diese Menschen ihre restliche Lebenszeit nicht in Isolation verbringen müssten.

Dem stimmt auch Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) zu und schlägt neue Regelungen für Besucher und Personal zum Schutz der Bewohner vor dem Coronavirus und Covid-19 vor. Man müsse Besuche absichern, erklärte Reinhardt gegenüber der Funke Mediengruppe.

Schutzkleidung für Besucher

Das Ganze sei sicherlich mit Aufwand verbunden. Seine Ideen beinhalten etwa Schutzkleidung für alle Besucher. Und auch eine Schleuse mit Desinfektionsmöglichkeit wäre sinnvoll, in der die Besucher die Schutzkleidung dann anlegen. Nach diesem Prozedere könnten die Räume von den Besuchern dann betreten werden.

Allerdings gab Reinhardt auch zu, dass diese zusätzlichen Hygienemaßnahmen allein vom Pflegepersonal nicht zu leisten wären: "Das wäre etwas für Freiwilligendienste“, so sein Vorschlag. Die Kosten dafür solle die öffentliche Hand tragen.

Wie genau die nötigen Schritte aber aussehen sollen und wann sie umgesetzt werden können, ließ auch Laumann noch offen. Anders als in anderen Bundesländern will er aber außerdem keinen Aufnahmestopp für Pflegeheime verhängen.

Deutsche Stiftung Patientenschutz: Keine falschen Erwartungen wecken

Eine Exit-Strategie in diesem hochkritischen Bereich der Altenpflege sei aber anhand der gerade für diese Bevölkerungsgruppe vom Coronavirus Sars-CoV-2 ausgehenden Gefahr "hochgefährlich", sagt dagegen die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Denn es fehle eben ein Grundschutz in den Altenheimen, aber auch in der ambulanten Pflege. "Es wäre lebensgefährlich für Menschen der Hochrisikogruppe, hier falsche Erwartungen in der Bevölkerung zu wecken", warnte Stiftungsvorstand Eugen Brysch in einer Mitteilung der Stiftung. Um das Erreichte nicht "aufs Spiel" zu setzen, seien stattdessen mehr Personal, Geräte sowie Corona-Tests für alle Heimbewohner mit Grippe-Symptomen notwendig. Dass dieses aber nicht so einfach vorhanden ist, liegt wohl auf der Hand.

Ganz besonders probiert es jetzt übrigens das Personal eines Pflegeheimes in Wuppertal: Die Pflege-Belegschaft bleibt zurzeit in wöchentlichen Schichten rund um die Uhr bei ihren Schützlingen – freiwillig!

Sorgen weiterhin in der häuslichen Betreuung

Auch in der häuslichen Betreuung ist weiter mit starken Einschränkungen zu rechnen. Denn hier wird oft mit osteuropäischen Betreuerinnen gearbeitet, die sich im Zuge der Pandemie in ihre Heimatländer zurückgezogen haben und wahrscheinlich auch nach den Osterfeiertagen dort verbleiben werden. Denn die Grenzen bleiben erst einmal geschlossen. Laut Geschäftsführer des Verbands für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP), Frederic Seebohm, würden schrittweise voraussichtlich rund 200.000 Betreuungspersonen aus Osteuropa fehlen. Laut Verband betreuen normalerweise täglich rund 300.000 Osteuropäerinnen alte Menschen zuhause.

Und auch, wenn viele davon illegal tätig seien, sei dies eine "Säule" in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen ohne Heimplatz. "Es ist wichtig, dass die Politik das endlich anerkennt und Rechtssicherheit für die betroffenen Familien und ihre Betreuungs­perso­nen schafft." Als Vorbild nennt er Österreich und deren Hausbetreuungsgesetz, über das Betreuer im privaten Bereich gesetzlich sozialversichert sind und die Pflege daheim öffentlich gefördert werde.

Quellen: Rheinische Post, Hellweger Anzeiger, dpa, aerzteblatt.de

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Schon seit Beginn der Corona-Krise in Deutschland heißt es, Großeltern sollten vorerst auf den Besuch der Enkelkinder verzichten. Mittlerweile geht das aufgrund der Ausgangsbeschränkungen auch gar nicht mehr. Jetzt erklärt Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit sowie Direktor des Zentrums für Infektiologie und Infektionsschutz der Universität Bonn, dass nicht auszuschließen sei, dass Kinder ihre Großeltern bis Ende des Jahres nicht besuchen könnten. Dies sei notwendig, um vulnerable Gruppen zu schützen. Dagegen könne aber die schrittweise Öffnung von Kitas und Schulen dazu beitragen die "Herdenimmunität" aufzubauen – dies sei nun das Ziel. Bis dahin stellt sich wohl weiter die Frage: Schulen und Kitas wegen Corona geschlossen – wohin jetzt mit den Kindern?

Mehr zur Pflege-Situation: Coronavirus: So schützen und versorgen wir die Risikogruppe

Damit Sie während der Coronavirus-Pandemie selbst gesund bleiben – und hoffentlich bald wirklich auch wieder Ihre Liebsten besuchen können:

Fit & gesund durch die Coronakrise
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