20.01.2017

Lila Feen Lila Feen: Alleinerziehend - aber nicht alleingelassen!

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Foto: Andreas Friese

Kennen Sie die „Lila Feen“? Sie sind für Single-Mamas da! Warum die 2,7 Millionen Alleinerziehenden im Land (die meisten davon Frauen), Unterstützung brauchen - erzählen drei von ihnen hier...

Der wichtigste Begleiter im Alltag von Leyla Icin aus Mülheim an der Ruhr? Die Uhr. Achteinhalb Stunden arbeitet die Erzieherin jeden Tag in einer Kita. Um 16 Uhr holt sie ihre beiden Töchter Kayra (6) und Beritan (5) aus Schule und Kindertagesstätte ab, bringt sie zum Schwimmen, in die Tanzschule, kümmert sich danach um die Hausaufgaben, kocht Abendessen.

„Mein Tag ist minutiös durchgetaktet. Ich bin froh, wenn alles hinhaut. Eine kleine Änderung - und schon fliegt mir der Zeitplan um die Ohren“, beschreibt die 46-Jährige ihren täglichen Wettlauf. Vor allem der Dienstag hatte es in sich: „Bis 17.30 Uhr Teamsitzung in der Kita!“

Eva-Maria ist eine Lila Fee

Dass Leyla inzwischen doch mal ein bisschen durchschnaufen kann, verdankt sie Frau Bahr. „Die kümmert sich um meine Mädchen, wenn ich Teamsitzung habe. Und die beiden lieben ihre Ersatz-Omi.“ Eva-Maria Bahr (57) ist eine „Lila Fee“, eine von 16 Mülheimern zwischen 55 und 81 Jahren (15 Frauen und ein Mann), die Alleinerziehende ehrenamtlich unterstützen.

Familien, die sich keine Tagesmutter oder Babysitterin leisten können, finden hier Hilfe und Rat. Die „Lila Feen“ kümmern sich um die Kinder, hören zu, basteln, toben auf dem Spielplatz, schenken ihnen viel Liebe und Wärme - während Mama in Ruhe ihren Job machen kann, den Schatz in besten Händen weiß.

„Geht irgend’ne Kleinigkeit schief, fliegt mir der Alltag um die Ohren“

Gegründet hat die „Lila Feen“ Ilse Schwarzer (67) - aus eigener Erfahrung: „Mein Sohn war noch klein, als mein Mann und ich uns trennten. Ich habe ihn großgezogen und hätte mich gefreut, mehr unterstützt zu werden“, erzählt die ehemalige Verwaltungsbeamtin.

Sie kennt die Not der betroffenen Mütter: „Alleinerziehende sind oft wirklich allein. Auch wenn es noch Großeltern gibt. Die wohnen meist weit weg oder können nicht jeden Tag zur Stelle sein, weil sie einfach nicht mehr die Kraft haben.“ Als Ilse Schwarzer vor fünf Jahren in den Vorruhestand ging, beschloss sie, aktiv zu helfen – die Geburtsstunde der „Lila Feen“. Selbst kümmert sie sich heute um die drei Kinder von zwei alleinerziehenden Müttern, insgesamt werden 24 Kinder zwischen 3 und 11 Jahren betreut und so 19 Mütter unterstützt.

Hilfe bei Spätdienst der Mama

Eine davon ist Esther Ayuk-Eta. Immer wenn die angehende Krankenpflegerin (33) Spätdienst hat, holt „Lila Fee“ Ruth Uhlenbruck-Wandolsky (62) ihren kleinen Sohn Maeten (4) von der Kita ab - und betreut ihn und den älteren Bruder Emanuel (10), bis Esther kurz vor 22 Uhr nach Hause kommt. Dann schlafen die Kinder schon. „Ohne Ruth könnte ich weniger gut für uns sorgen und meine Ausbildung nicht machen“, sagt Esther dankbar. „Und es tut gut, kein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil man die Kinder bestens aufgehoben weiß.“

Denn das ist den meisten Alleinerziehenden wichtig: eine Arbeit zu haben, nicht von Hartz IV leben zu müssen. Nicht allen gelingt das: Mehr als eine Million Kinder, deren Eltern getrennt leben, brauchen staatliche Hilfe. In einem gerade erschienenen Armutsbericht der Bundesregierung heißt es: „Alleinerziehende Haushalte sind dem höchsten Risiko ausgesetzt, in Armut zu geraten und über einen längeren Zeitraum arm zu bleiben.“

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„Es tut gut, kein schlechtes Gewissen haben zu müssen“

Beschämend - finden nicht nur die „Lila Feen“. Auch die „Selbsthilfeinitiative für Alleinerziehende Shia e. V.“ kämpft für Single-Eltern: „Die Armutsrate ist hoch und das liegt nicht daran, dass die Mütter bequem zu Hause sitzen“, sagt Dr. Martina Krause (53), Geschäftsführerin des Landesverbandes Berlin.

Und zählt die Probleme auf: schlecht bezahlte Jobs, die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade für Alleinerziehende, Vorbehalte bei Vorgesetzten … „Außerdem schämen sich viele Alleinerziehende, Hilfe zu suchen und anzunehmen.“ Bei „Shia e.V.“ gibt’s deshalb Einzelberatungen.

Die Betroffenen erfahren, was ihnen an Unterstützung zusteht. Und auch im Alltag ist „Shia“ eine starke Schulter für Alleinerziehende: Beim Sonntagsfrühstück werden Sorgen ausgetauscht, bei Wochenendreisen können gestresste Mütter auch mal entspannen. Und bald soll es außerdem eine Kinderbetreuung außerhalb von Kita-Öffnungszeiten geben.

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Tolle Initiativen

Das findet auch die Berliner Buchautorin Katja Zimmermann (44, „Esst euer Eis auf, sonst gibt’s keine Pommes“, Ullstein, ab 13. 1.). Trotzdem: Es brauche noch viel mehr gesellschaftliche Anerkennung: „Viele sehen in uns traurige Schicksale, unvollständige Familien oder arbeitsunwillige Frauen, die nur Geld vom Staat einfordern“, sagt die Mutter der 12-jährigen Zwillinge Nele und Luis.

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„Dabei können Alleinerziehende wirklich stolz darauf sein, was sie alles hinkriegen!“ Und das, obwohl die Politik es ihnen schwer mache: „Durch die ungünstige Steuerklasse und den zeitlich begrenzten Unterhaltsvorschuss haben viele Mütter hart zu kämpfen.“ Unfair sei das. „Familie ist da, wo Kinder sind!“

„Familie ist da, wo Kinder sind“

Und jedes Kind hat ein Recht auf den bestmöglichen Start ins Leben. Ilse Schwarzer, die Mülheimerin, wünscht sich darum noch mehr „Lila Feen“ - auch, damit sie diese Erfahrung machen dürfen: „Wenn sich eine kleine Hand beim Spazierengehen in meine schiebt und ganz fest zudrückt, dann weiß ich, warum ich all das tue. Wer Liebe schenkt, kriegt noch viel mehr davon zurück.“

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Dieser Artikel erschien auch in der BILD der FRAU Nr. 2.

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