04.05.2016

Interview Inger Gammelgaard Madsen: So schreibe ich erfolgreiche Krimis

Foto: ©Anne Kring

Inger Gammelgaard Madsen ist eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Schriftsteller Dänemarks. Wir haben sie zu ihren Roland Benito Krimis befragt.

BILDderFRAU.de: Bitte stellen Sie sich unseren deutschen Lesern vor, von denen die meisten vermutlich Ihre Bücher noch nicht kennen. Wer sind Sie und was machen Sie hauptberuflich?

Inger Gammelgaard Madsen: Mein Name ist Inger Gammelgaard Madsen und ich bin in einem Waisenhaus (Gartenbau) in einer Kleinstadt einige Kilometer vor Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks aufgewachsen. Ich habe es geliebt als Kind zu zeichnen und zu schreiben, aber es was das Zeichnen, das zunächst meine Karriere bestimmte. 1982 wurde ich zur Grafikdesignerin ausgebildet und habe seitdem in diesem Beruf gearbeitet. Doch es war immer mein Traum gewesen Schriftstellerin zu werden – schon seit meiner Kindheit.

Sie begannen zunächst als Grafikdesignerin zu arbeiten und fanden dann zum Schreiben. Wie kam dieser Wechsel zustande?

Nachdem ich 18 Jahre lang als Grafikdesignerin in einem Kaufhaus in Aarhus gearbeitet hatte, entschied ich mich selbständig zu machen und gründete 2001 mein eigenes Grafik-Unternehmen. Und immer wenn ich etwas Zeit hatte, kehrte ich zurück zu meiner großen Leidenschaft – das Schreiben. Das Ergebnis war mein erster Kriminalroman „Dukkebarnet“ (Der Schrei der Kröte), der 2008 in einem kleinen Verlagshaus namens DarkLights veröffentlicht wurde. Das Buch war ein großer Erfolg und ich konnte dann nicht mehr aufhören zu schreiben.

Später starteten Sie auch Ihr eigenes Verlagshaus und entwarfen Ihre eigenen Buchumschläge. Was bewegte Sie zu dieser Entscheidung?

Es war 2010 als das dritte Buch meiner Krimi-Reihe veröffentlicht werden sollte und ich mich entschied neben meiner Grafikfirma mein eigenes Verlagshaus zu gründen. Die Entscheidung kam dadurch dass das kleine Verlagshaus DarkLights, das „Dukkebarnet“ (Der Schrei der Kröte) und „Drab efter begæring“ (Mord auf Antrag) (Anm.d.Red.: Beide Romane gibt es als deutschsprachige Hörbücher auch auf Napster zu streamen.) veröffentlicht hatte, finanzielle Probleme hatte. Da dachte ich mir: Warum nicht selbermachen? Mein eigenes Verlagshaus „Farfalla“ – Italiensich für Schmetterling – eröffnete 2010 und dort wurde dann mein dritter Kriminalroman verlegt, sowie alle folgenden.

Ich ziehe es vor, einen Überblick über die komplette Erstellung eines Buchs von Anfang bis Ende zu haben – und meine Design-Ausbildung hilft mir dabei, alles selbst zu machen, ob nun die dänischen Titelbilder, das Marketing und die Fertigstellung des Buchs. Doch das erfordert auch, dass ich die ganze Verkaufsarbeit mit den Büchern selbst durchführe. Es kann aber schon schwer sein, für sich selbst zu werben – das ist die schwierige Facette des Prozesses.

Sie sind bekannt für ihre Romanserie über den Polizeiinspektor Roland Benito und seine Kriminalfälle. Worin bestehen die Herausforderungen über dieselbe Figur immer wieder zu schreiben?

Die größte Schwierigkeit besteht darin, die Figur so weiterzuentwickeln, dass er für die Leser nicht langweilig wird. Roland Benito erlebt viel, aber nach und nach. Der Vorteil besteht darin, dass man ihn sehr gut kennt und so wird es immer einfacher mit ihm zu arbeiten und ihn weiterzuentwickeln.

Ihre Romane spielen fast komplett in Aarhus. Verraten Sie uns welche Besonderheiten diesen Ort ausmachen und warum sie gerne dort Ihre Geschichten spielen lassen?

Ich arbeite stark daran, dass die Kriminalgeschichten realistisch wirken obwohl sie eigentlich fiktiv sind. Das ist mir sehr wichtig. Die meiste Zeit beim Schreiben verbringe ich also mit der Recherche. Dadurch dass ich über die Stadt schreibe, in deren Nähe ich wohne, habe ich einen leichteren Zugang zu den Orten und zu den Leuten, die mir bei der Faktensammlung zu den Themen helfen können, über die ich schreiben möchte.

Aarhus hat genau die richtige Größe dafür, es ist nicht zu klein und nicht zu groß. Und es gibt viele Orte, die man zu gruseligen Tatorten machen kann. Aarhus hat große, schöne Wälder, die See, einen Hafen, schöne Küsten und Yachthäfen. Und was ist erschreckender als ein Mord, der an einem schönen Ort begangen wird.

Ihr Held ist ein italienischer Polizist, der Kriminalfälle in Dänemark löst. Warum haben Sie sich dazu entschieden, Ihren Protagonisten zum Italiener zu machen?

Roland Benito, so wie er auf der Arbeit genannt wird, dessen Geburtsname aber eigentlich Rolando Benito ist, ist ein Italiener aufgrund meiner großen Liebe für Italien. Er wurde in Neapel geboren und kam als Vierjähriger mit seiner Mutter nach Dänemark. Sie floh vor der la Camorra, der neopolitanischen Mafia, nachdem diese ihren Mann, einen Carabinieri, ermordet hatte. Danach waren auch Mutter und Sohn in Gefahr. Es ist ein aufregender Hintergrund für ihn. Und manchmal schicke ich Ihn auch nach Italien und erzähle von den fortdauernden Schwierigkeiten seiner Familie mit der Mafia.

Was fasziniert Sie an der Kriminalliteratur? Und sind Sie auch versucht, sich mal in anderen Genres auszutoben?

Mein erster Roman war ursprünglich kein Kriminalroman, weil es aus meiner Sicht schon zuviele großartige Krimi-Autoren in Dänemark gab. Doch zu der Zeit (2004) gab es einen Krimiroman-Wettbewerb bei einem Verlagshaus in Aarhus, der mich dazu brachte, meinen Roman zu einem Thriller umzuschreiben, damit er so veröffentlicht werden konnte. Das war bevor DarkLights Interesse an meiner Arbeit gezeigt hat. Ich habe zwar den Wettbewerb nicht gewonnen, aber dafür einen Geschmack für Kriminalliteratur entwickelt.

Es ist aufregend, Krimis zu schreiben. Genauso aufregend wie Krimis zu lesen. Man muss Krimineller und Detektiv zugleich sein, und das stellt einen vor aufregenden Herausforderungen.

Woher beziehen Sie die Inspiration für Ihre Krimi-Geschichten?

Meine Inspiration beziehe ich von realen Geschehnissen, die die Presse und die Menschen auf der Straße beschäftigen. Ich dramatisiere diese Geschichten und mache daraus Thriller-Romane. Deshalb handeln meine Bücher auch von Pädophilie, Euthanasie, Hauseinbrüchen, Kindesmissbrauch durch katholische Priester, geklaute Identitäten, Selbstjustiz, Flüchtlinge und Terroristen. Die Themen orientieren sich danach, was in dem Jahr relevant war, in dem das Buch geschrieben wurde. Es wird also sozusagen – und leider – immer Themen geben, über die man schreiben kann, wenn es um Kriminalität geht.

Welche Autoren haben Ihren Schreibstil geprägt? Wen lesen Sie selbst am liebsten?

Ich lese hauptsächlich Kriminalliteratur, vor allem skandinavische Krimis. Mein Lieblingsautor ist Jo Nesbø aus Norwegen. Er inspiriert mich sehr. Allerdings gibt es viele tolle Autoren. Weil ich die italienische Sprache über viele Jahre studiert habe, finden sich auch viele italienische Bücher in meinem Bücherregal – von Leonardo Sciascia, Dacia Maraini, Tomasi di Lampedusa, Niccoló Ammaniti, Sebastiano Vassalli, Luciano de Crescenzo und Umberto Eco. Auch wenn nicht alle dieser Bücher Krimis sind, so gibt es viel zu lernen von dem Stil, in dem Sie geschrieben sind.

Nennen Sie uns noch Ihre Lieblingskrimis?

Wie gesagt ist Jo Nesbø für mich einer der Größten. Ich habe viel gezittert bei der Lektüre von „Der Schneemann“.

Was würden Sie einem jungen, aufstrebenden Autoren raten? Was sollte er oder sie tun, um von vielen gelesen zu werden?

Es ist schwer, in diesem Fall einen guten Rat zu geben, da vieles in diesem Geschäft auch auf Glück basiert. Aber ich würde allen jungen Schriftstellern raten: immer weitermachen! Immer weiter schreiben, denn irgendwann wird es klappen. Es ist auch wichtig, sich die Hilfe für Dinge zu holen, die man selbst nicht hinbekommen kann. Das bedeutet zwar auch, dass man für diese Hilfe zahlen muss, aber da lohnt sich jeder Cent. Ich hätte zum Beispiel nicht die große Ehre, dass meine Serie um Rolando Benito jetzt auch in Deutschland erscheint, wenn ich nicht die Hilfe von anderen erhalten hätte, die sich mit dem Buchgeschäft hierzulande auskennen würden.

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Wir danken für die Antworten, Inger Madsen!

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