14.03.2016

Erlebnisreise Maasai für einen Tag: Ein Reisebericht

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Foto: © Friederike Ostermeyer

Die Maasai sind ein gastfreundliches, doch sehr geheimnisvolles Volk. Auch wenn sich ihre Lebensweise langsam verändert, halten sie dennoch an ihren Traditionen fest. Ein Besuch bei einem stolzen und naturverbundenen Stamm mitten in der tansanischen Steppe.

Es ist sechs Uhr morgens. Die Sonne hat sich gerade über die schneebedeckte Spitze des Kilimandscharos erhoben, die ersten Vögel sind wach. Leise klopft Lea an meine Hütte. „Today you are a Maasai“, sagt sie und lächelt. In ihren Händen hält sie die Shouka, das farbenfrohe Gewand des afrikanischen Naturvolkes. Dazu überreicht sie mir traditionelle Ketten und Ohrringe aus bunten Perlen. Das wird heute meine Kleidung sein, heute bin ich Maasai.

Das Volk der Maasai und die Technologie

Schätzungsweise leben noch 140.000 Maasai in Tansania. Lea gehört zu einem Stamm, der auch heute fast noch so ursprünglich lebt wie hunderte Jahre zuvor. Ihre Behausungen sind Bomas, Rundhütten erbaut aus Lehm, Holz und Dung. Als Hirten und Krieger ziehen sie durch die tansanische Steppe, wohl wissend um die „moderne Welt“ da draußen. Bis auf Handys haben sie allerdings kaum Interesse an ihr. Für die meisten eine ganz bewusste Entscheidung. Ist eine Schule in der Nähe, darf mindestens ein Kind es besuchen. „Damit es später gute Chancen hat.“ Doch das Hüten der Tiere geht immer vor, erfahre ich.

Schmuck einer Königin beim Melken

Da sitze ich also. Mit Lea, dem stolzen Maasai-Mädchen. Sie reicht mir einen süßen Tee, der nach Lemongras, Zimt und Ziegenmilch schmeckt. „Zum munter werden“, erklärt sie. Frühstück gibt es erst, wenn die Ziegen und Kühe versorgt sind. Dann gesellt sich Boni zu uns, ein echter „Warrior“, nicht älter als 25. Er gibt mir einen Hirtenstab. Gemeinsam ziehen wir los. Der bunte Schmuck klimpert beim Laufen. „You are a Queen“, lacht Boni. „You are a Maasai“, lacht Lea.

Nach ungefähr 20 Minuten sehe ich die ersten Rundhütten mit ihren strohbedeckten Dächern aus der Ferne. Vor einer von ihnen steht eine junge Frau mit einem Baby im Tragetuch auf dem Rücken, die gerade dabei ist, ihre Ziegen zu melken. Als das Baby mich sieht, fängt es an zu weinen. Ich kann seine Reaktion absolut verstehen, so bleich, wie ich daherkomme. „Jetzt bist du dran“, übersetzt Lea und drück mir eine kleine Blechschale in die Hand. Der Euter der Ziege fühlt sich an wie ein warmer Wasserballon. Meine Unbeholfenheit gefällt dem Tier überhaupt nicht. Es schreit, das Baby plärrt mit und die junge Mutter lächelt scheu, aber belustigt über die Szene. Endlich schaffe ich es, ein paar Tropfen Milch in die Schale zu bringen. „That's Maasai-Life“, sagt Lea. Ohne Frühstück, gar nicht so einfach, denke ich.

Erwachsene Kinder und traditionelle Frauen

Nach dem Melken und Versorgen der Tiere sind die Jungen dran. Ihre Aufgabe ist es, das Vieh so weit über die Steppe zu treiben, bis sie Weideland finden. Die Tiere sind der Mittelpunkt ihres Lebens. Ich lerne, dass schon Fünfjährige für eine ganze Herde verantwortlich sind. Das ist das Alter, in dem die Kindheit vorbei ist. Fehlt am Abend nur eine einzige Ziege, droht harte Strafe. Und ich lerne, dass Mädchen und Jungen ein strikt getrenntes Leben führen, dass ein reicher Maasai-Mann – gemessen an seiner Anzahl der Rinder – bis zu fünf Frauen heiraten darf.

„Das gefällt mir nicht so“, sagt Lea, die zwar ihre Tradition ehrt, aber dann doch an die Art von Liebe glaubt, die uns Europäern geläufig ist. Dass in den jungen Massai-Köpfen diesbezüglich Umbruch herrscht, bekommen die Stammes-Älteren natürlich mit. Deshalb redet Lea vielleicht nicht so viel darüber. Boni erzählt mir, dass die Krieger oft wochenlang alleine in der Steppe ausharren müssen, ohne Wasser. Blut, Fleisch und ein Sud aus über 40 Kräutern ist dabei ihre einzige Nahrung. „Das macht uns stark“, sagt Boni. Stark sieht er wirklich aus.

Die reichste Frau des Dorfes

In der nächsten Hütte, die wir besuchen, lebt Leas Tante. Mit ihren über 70 Rindern gilt sie als die reichste Frau im Dorf. Ihr Mann ist schon vor vielen Jahren gestorben. Weil sie schon weit über 60 ist, gilt sie für den sehr patriarchalisch lebenden Stamm nicht mehr als „Frau“, sondern als weise Großmutter. Eine Respektsperson mit stark geweiteten Ohrlöchern und stolzem, liebevollen Blick – obwohl darin auch eine gewisse Lebens-Schwere zu erkennen ist.

Während ihre Enkel und Neffen ihren Reichtum auf die Steppe treiben, bittet mich die Tante in ihre Hütte. Stockdunkel ist es darin und es riecht leicht verbrannt. Als meine Augen sich langsam an das wenige Licht, das zur Tür hereinfällt gewöhnt haben, sehe ich auf einem Kuhfell ein Neugeborenes liegen. „Möchtest du es tragen?“ Als ich das wenige Wochen alte Mädchen im Arm halte und ihr eine Fliege von der Nasenspitze wegscheuche, frage ich mich, ob es später auch noch wie eine echte Maasai leben wird, ob sie einmal selbst entscheiden darf, wen sie heiratet oder ob sie den großen Umbruch der Traditionen miterleben wird, der bis jetzt noch nicht gekommen ist.

Draußen machen Boni und Lea Erinnerungsfotos mit ihren Handys. „Kilimandscharo“, grinsen sie in die Linse und umarmen dabei die Tante. Hier gibt es kein Fernsehen, kein Radio, kein Kühlschrank. Hier gibt es überhaupt keinen Strom. All das wurde die letzten Jahrhunderte nicht vermisst, warum heute?

Es wird Zeit für den Rückweg. Als wir zu dritt über die hügelige Savanne Richtung Lodge laufen, kommt in mir das Gefühl hoch, dass die Maasai viele Geheimnisse haben, die sie seit jeher streng hüten. Selbst wer Jahre mit ihnen zusammen lebte, würde nie etwas von ihrem tiefsten Wissen erfahren. Wissen, das sie bis jetzt davon abgehalten hat, sich der „modernen Welt“ da draußen zu sehr hinzugeben und ihnen gleichzeitig jenen Stolz verleiht, der auf uns Außenstehende so eine starke Anziehungskraft hat.

Die Maasai-Lodge befindet sich am Fuße des Kilimandscharo in der Nähe von Arusha und wird hauptsächlich von Einheimischen betrieben. Interessierte können als Gast die besondere Maasai-Kultur kennenlernen. Die Lodge ist Teil des Hilfsprojektes „Africa Amini Alama“. Infos und Buchung unter www.africaaminilife.com

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