Aktualisiert: 22.07.2021 - 12:18

Seehofer will Technik ausbauen Hochwasser: Warum kamen keine Warn-SMS?

Eine frühzeitige, warnende Nachricht vor drohendem Hochwasser hätte viele Betroffene erreichen können. Doch das Cell Broadcasting, eine Art Warn-SMS, gibt es in Deutschland noch nicht. Damit wurden viele Menschen von den Wassermassen überrascht.

Foto: Getty Images/LukaTDB

Eine frühzeitige, warnende Nachricht vor drohendem Hochwasser hätte viele Betroffene erreichen können. Doch das Cell Broadcasting, eine Art Warn-SMS, gibt es in Deutschland noch nicht. Damit wurden viele Menschen von den Wassermassen überrascht.

Was in anderen Ländern im Katastrophenschutz zum Grundprogramm gehört, sucht man in Deutschland vergebens: Warnungen per SMS gibt es hier nicht. Das soll sich möglicherweise ändern. Getan werden müsste aber noch viel mehr.

Zahlreiche Hochwasser-Betroffene wurden nicht oder nicht rechtzeitig vor der Katastrophe gewarnt. Einer der Gründe: Es gibt in Deutschland kein SMS-Warnsystem für den Katastrophenfall. Das soll sich zukünftig ändern, zumindest wenn es nach Bundesinnenminister Horst Seehofer geht.

Warnsystem per SMS: In Deutschland bislang Fehlanzeige

Dass Deutschland im Katastrophenschutz, insbesondere in Sachen Bevölkerungswarnung nicht gut dasteht, haben wir bereits vergangenes Jahr beim groß angekündigten Warntag 2020 gemerkt. Der war nämlich grandios fehlgeschlagen. Dass sich seitdem leider nichts getan hat, mussten zahlreiche Einwohner der vom starken Hochwasser betroffenen Kreise in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen nun am eigenen Leib spüren.

Bisher setzte man auf technischer Ebene auf Warn-Apps wie Nina oder KatWarn. Doch die nutzt zum einen nicht jede:r – laut Angaben der Bunderegierung haben in Deutschland nur etwas mehr als acht Millionen Einwohner die Nina-App installiert. Und zum anderen hat die Anwendung teilweise erst Stunden später Alarm geschlagen. Schon beim Warntag kamen die Nachrichten zu spät. Denn Voraussetzung ist eine aktive Internetverbindung. Und die ist nicht immer gegeben. Bei KatWarn wiederum gibt es zwar eine SMS-Funktion – für die müssen sich Nutzer aber erst selbstständig anmelden. Speichern lassen sich aber nur begrenzte Postleitzahlen. Wer also viel unterwegs ist, muss sich regelmäßig ummelden.

Ein SMS-Warnsystem, bzw. genauer ein sogenanntes Cell Broadcasting, wie es in anderen Staaten gang und gäbe ist, gibt es dagegen in Deutschland nicht. Dabei könnten damit mehr Menschen erreicht werden – auch die, die noch kein Smartphone besitzen, sondern noch ein älteres Modell.

Wie funktioniert Cell Broadcasting?

Solche Warn-SMS gehen dann an alle Mobilnummern, die sich in dem Zeitpunkt in den betroffenen Gebieten, genauer in der Funkzelle in einem Gebiet mit Katastrophenwarnung befinden. Das Ganze nennt sich Cell Broadcasting. Im Grunde handelt es sich um keine "echte" SMS, sondern eine Nachricht, die auf dem Bildschirm des Mobilfunkgerätes auftaucht. Eine einzige Nachricht geht dabei von der Mobilfunkstation aus an die im Netz eingebuchten Geräte.

Im Unterschied zur SMS wird das Netz dabei kaum belastet. Zu einem Zusammenbruch der Netzabdeckung kann es durch dieses System selbst daher nicht kommen und es funktioniert auch bei überlastetem Netz. Zudem muss nicht extra eine App installiert werden. Die Nachrichten gehen an alle Mobiltelefone, die eingeschaltet sind und sich im entsprechenden Mobilfunknetzbereich befinden – sogar angepasst an die auf dem Mobiltelefon eingestellte Sprache.

Das System wird anderswo für jegliche Frühwarnungen genutzt, etwa bei Erdbeben, bei Vulkanausbrüchen, oder eben bei Hochwasserrisiko. In der EU nutzen unter anderem die Niederlande das Cell Broadcasting. Bei einem Test in den Niederlanden konnten so tatsächlich 94 Prozent der Bevölkerung erreicht werden – entweder durch eine Nachricht aufs eigene Handy, oder weil sie sich in der Nähe einer Person befunden hatten, die die Nachricht bekommen hatten. Es gibt sogar einen EU-Standard, den EU-Alert.

Cell Broadcasting in Deutschland: Ist es bald endlich soweit?

Warum also gibt es diese Technologie nicht in Deutschland? Sie existiert schon seit Ende der 1990er Jahre.

Am Datenschutz jedenfalls kann es nicht liegen, auch wenn der immer wieder als Grund nach vorne gestellt wird, unter anderem von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (der sich mittlerweile aber dafür ausspricht) oder dem Präsidenten des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Armin Schuster. Es gebe, so Schuster, keine Argumente, die komplett gegen Cell Broadcasting sprechen, doch der Datenschutz müsse geprüft werden.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte widerspricht dem: Der Datenschutz sei kein Problem. Das jedenfalls sagte nun einer seiner Sprecher gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): "Tatsächlich wäre diese Lösung sogar sehr datenschutzfreundlich, weil sie keine Daten sammelt, sondern nur wie ein Radiosender Informationen verschickt."

Darauf reagierte nun Bundesinnenminister Horst Seehofer: Er hat nun immerhin eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben und erwartet Ergebnisse vor der Bundestagswahl im September.

Natürlich reicht auch das alleine nicht aus. Ergänzt werden müsste dieses Verfahren der Warn-Nachrichten aufs Handy durch weitere analoge und digitale Warnmaßnahmen: funktionierende Sirenen, Sendeunterbrechungen für Warnmeldungen in TV und Rundfunk etwa. Aber auch hier ist noch einiges zu tun...

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Für die Umsetzung der Warn-Infrastruktur sind Bund und Länder zuständig. Doch auch wir können helfen und für die Betroffenen der Flutkatastrophe spenden. Derzeit wird vor allem Geld benötigt, um die Aufräumarbeiten zu bezahlen und Betroffene zu unterstützen, die teilweise ihre komplette Existenz verloren haben. Achten Sie aber darauf, wie Sie Geld verschicken: Worauf Sie beim Spenden unbedingt achten sollten! Denn leider bereichern sich derzeit auch Betrüger an der Flutkatastrophe.

Quellen: RND, ten.de, golem.de, dpa

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