Aktualisiert: 18.06.2021 - 21:55

"Zielgröße Null" Von wegen Gleichberechtigung! Start-ups schockieren mit niedrigem Frauenanteil

Von Franziska Wohlfarth

In den deutschen Startups gibt es mehr "Christians" und "Stefans" als Frauen.

Foto: Getty Images/Thomas M. Barwick

In den deutschen Startups gibt es mehr "Christians" und "Stefans" als Frauen.

Start-ups präsentieren sich gerne als innovative, moderne und diverse Alternative zu Traditionskonzernen. Doch der Schein trügt: Frauen sind in den Vorständen der Jungunternehmen weiterhin eine Seltenheit.

Im Jahre 2021 müssen Frauen leider immer noch doppelt so hart arbeiten wie Männer, um die gleiche Anerkennung zu bekommen – und trotz aller Bemühungen stehen viele von ihnen am Ende vor einer gläsernen Decke. Laut dem aktuellen Women-on-Board-Index 2021 hat mehr als die Hälfte der großen börsennotierten Unternehmen in Deutschland keine Frau im Vorstand.

Start-ups wollen die Fehler der Vergangenheit beheben und ihre Chefsessel nicht nur für alte, weiße Männer reservieren – so lautet zumindest das Versprechen. Doch eine neue Studie hat gezeigt, dass auch in den innovativen Jungunternehmen noch keine Rede von Chancengleichheit sein kann. In den Vorständen von Start-ups sitzen nur fünf bis zehn Prozent Frauen.

Frauenanteil in Start-ups: schockierende Zahlen

Die Dax-Familie umfasst 160 Unternehmen. Der Frauenanteil aller gelisteter Unternehmen liegt bei 12,6 Prozent. Eine schockierend niedrige Zahl, doch die "diversen Jungunternehmen" ziehen den Frauenanteil sogar noch weiter nach unten. Die deutsch-schwedische Allbright-Stiftung hat sich die Vorstände junger Börsenneulinge angeschaut und die Zahlen ausgewertet:

Bei Firmen, die in den vergangenen fünf Jahren in die Börse aufgenommen wurden, lag der Anteil an Frauen in Vorständen bei nur 10,2 Prozent (Stand April 2021). Börsenneulinge, die im Laufe der letzten 15 Jahre gegründet wurden, verzeichnen sogar einen Wert von nur 5,4 Prozent.

"Die Jungunternehmen wiederholen den Konstruktionsfehler der vorhergehenden Generation: Sie wachsen ohne Frauen", schreiben die Geschäftsführer:innen der Allbright-Stiftung, Wiebke Ankersen und Christian Berg, in ihrer Datenauswertung.

Delivery Hero erfüllt "Zielgröße Null"

Besonders männerlastig sind die Essenslieferdienste "Delivery Hero" und "Hello Fresh", die Online-Möbelhändler "Westwing" und "Home24" sowie das Pharmaunternehmen "Medios".

"Delivery Hero" ist das einzige Unternehmen in der obersten Börsenliga, das die "Zielgröße Null" angibt. Das ehemalige Start-up plant also, seinen Vorstand weiterhin ohne Frauen zu führen. Der Grund: Die Zusammensetzung der Führungsposten habe sich bisher bewährt.

Führungskraft gesucht: männlich, weiß und westdeutsch

Die Führungspositionen von Börsenunternehmen sind sehr homogen: Der durchschnittliche Vorstand ist 54 Jahre alt, Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur, Westdeutscher und heißt Thomas.

Die Zahlen zeigen, dass sich an dieser Unternehmenskultur kaum etwas geändert hat. Ganz im Gegenteil: Der Anteil an männlichen, westdeutschen Führungskräften ist sogar gestiegen. Das einzige, was sich im Laufe der Jahre verändert hat, sind die Namen: Statt Thomas heißen die Unternehmensvorstände jetzt Christian und Stefan. Und von denen gibt es sogar mehr als Frauen.

Diese Vornamen sind im Beruf am erfolgreichsten.

Neuer Gesetzesentwurf verspricht Besserung

Wegen dieser schockierenden Zahlen hat der Bundestag kürzlich beschlossen, dass börsennotierte Unternehmen mit mehr als 2000 Angestellten und mehr als drei Vorständen in Zukunft mindestens eine Frau in den Vorstand aufnehmen müssen.

Alle anderen Unternehmen müssen künftig begründen, wieso sie einen Vorstand ohne Frauen planen. Ansonsten drohen hohe Bußgelder.

Paris musste kürzlich ein saftiges Bußgeld von 90.000 Euro zahlen. Der Vorwurf, der der Stadt zur Last gelegt wird: zu viele Frauen in Führungspositionen...

Vorurteile und Stereotype

Wieso sitzen so wenige Frauen in Vorständen? Sind wir einfach prinzipiell nicht für Führungspositionen geeignet oder schlechter qualifiziert? Blödsinn! Frauen haben prozentual gesehen sogar öfter einen Universitäts- oder Hochschulabschluss als Männer und machen durchschnittlich einen besseren Schulabschluss. An den Leistungen kann es also schon mal nicht liegen.

Grund sind vielmehr veraltete Vorurteile und Stereotype, mit denen Frauen tagtäglich konfrontiert werden. Das Leben in einer männerdominierten Welt erschwert nicht nur den Alltag, sondern auch das Arbeitsleben. Hochqualifizierte Frauen bekommen nicht die Positionen, die ihnen zustehen – und das alleine wegen ihres Geschlechts.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Bei der Besetzung offener Stellen werden gerne Personen eingestellt, die aus einem "sozial ähnlichen Kontext" kommen. Dieses Phänomen bezeichnen Psycholog:innen als "homosoziale Rekrutierung".

Deutsche Start-ups werden in Deutschland überwiegend von Männern gegründet. Wenn um die Neubesetzung von Positionen geht, wird also zunächst im eigenen Bekanntenkreis Ausschau gehalten. In der Studie der Allbright-Stiftung heißt es: "Neue Führungskräfte werden dabei zunächst vor allem aus dem persönlichen Netzwerk der Gründer rekrutiert".

Im Laufe der Zeit bildet sich also eine weiße, männerdominierte "Unternehmensbubble", in die Frauen kaum mehr eindringen können. Mehr Diversität und Chancengleichheit verspricht also nur eine Frauenquote.

Quellen: allbright-stiftung.de, spiegel.de, businessinsider.de, was-verdient-die-frau.de

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Auch im Sport soll es mehr Repräsentation geben: Bibiana Steinhaus und Co. fordern eine Frauen-Quote im Fußball!

Selbst in der Musikbranche herrscht keine Chancengleichheit. Nadja Benaissa von den No Angels meint: Für Gleichstellung ist noch "viel zu tun".

Sexismus in der Sprache ist ein großes Problem. Zu viel wird unreflektiert weitergegeben.

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