Aktualisiert: 06.06.2021 - 16:07

Sie handelt einen Deal mit dem Universum aus So viele Schicksalsschläge: Diese Frau gibt dennoch nicht auf!

Carina Hilfenhaus im Jahr 2021, 40 Kilogramm leichter als noch vier Jahre zuvor. Wie diese starke Frau etliche Schicksalsschläge gemeistert hat, erzählt sie BILD der FRAU im Interview.

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Carina Hilfenhaus im Jahr 2021, 40 Kilogramm leichter als noch vier Jahre zuvor. Wie diese starke Frau etliche Schicksalsschläge gemeistert hat, erzählt sie BILD der FRAU im Interview.

Nahtoderfahrung, Herzschrittmacher, Pseudotumor, krebskranker Ehemann: Die Liste an Schicksalsschlägen im Leben von Carina Hilfenhaus ist lang. Doch statt aufzugeben kämpft sich die starke Frau immer wieder ins Leben zurück. Ihre bewegende Geschichte.

Carina Hilfenhaus ist verheiratet und Mutter einer elfjährigen Tochter, war erfolgreiche Unternehmerin. Das ist der "normale" Part im Leben der 35-Jährigen. Denn es folgt ein Schicksalsschlag auf den anderen: "Ich habe zwei Herzstillstände überlebt, eine Nahtoderfahrung gemacht und lebe seit fünf Jahren mit einem Herzschrittmacher", fasst sie kurz zusammen. Doch das ist noch nicht alles: Sie erhält die Diagnose Pseudotumor cerebri, bei ihrem Gatten wird Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt.

Aufgeben? Mit dem Leben hadern? Kommt für die tapfere Frau nicht in Frage. Vielmehr handelt sie in dem Moment, als das Leben ihres Mannes auf der Kippe steht, einen Deal mit dem Universum aus. Was das genau heißt, wie es im Leben von Carina Hilfenhaus weitergeht und was sie heute macht, erzählt sie BILD der FRAU im Interview: Die steinige Lebensgeschichte einer starken Frau.

"Ich hatte den Willen, wieder gesund zu werden": Diese starke Frau erzählt ihre Lebensgeschichte

Liebe Frau Hilfenhaus, Sie haben schon sehr früh zwei Herzstillstände und eine Nahtoderfahrung erleben müssen – was hat das mit Ihnen gemacht?

Carina Hilfenhaus: Durch den ersten Herzstillstand hatte sich mein Leben noch nicht allzu sehr verändert. Ich war ja auch noch sehr jung, und da es damals durch keinen Arzt eine Diagnose gab, versuchte ich, mein Leben normal weiterzuleben. Ich dachte nicht daran, dass es noch einmal passieren würde. In den vier Jahren gründete ich also eine Familie, baute mit meinem Mann ein Haus und wurde beruflich erfolgreich, sodass ich 2014 den Sprung in die Selbstständigkeit wagte und ein eigenes Unternehmen gründete.

2015, die Firma war gerade einmal ein Jahr alt, passierte der zweite Herzstillstand – und der hat wirklich alles in Frage gestellt. Danach fing die lange Suche nach dem Sinn meines Lebens an. Man kann sich nicht vorstellen, welches Gefühl eine Nahtoderfahrung ist. Es ist das allergrößte, was ich jemals gefühlt habe. So muss sich der Frieden anfühlen.

Ich habe versucht, in meinem Buch, das ich gerade schreibe, dieses Gefühl zu beschreiben. Ich würde mir wünschen, alle Menschen könnten es einmal erfahren, dann würden sie keine Angst mehr vor dem Tod haben. Dass dieses Erlebnis natürlich etwas in mir verändert hat, ist klar. Damals habe ich mir allerdings keine Auszeit genommen. Zwei Tage danach habe ich wieder auf meinem Geschäftsführerinnen-Posten gesessen und ein Unternehmen geleitet, das mich zu dieser Zeit brauchte.

Sie leben jetzt mit einem Herzschrittmacher: Was hat sich dadurch geändert?

Nach dem zweiten Herzstillstand gab es dann zum Glück auch eine Diagnose: "Sick-Sinus-Syndrom". Diese Erkrankung kann man nur durch einen Herzschrittmacher überleben. Also wurde mir am 05.10.2015 ein Herzschrittmacher eingesetzt, den ich für sehr lange Zeit als Fremdkörper ansah. Ich konnte ihn erst gar nicht annehmen, denn zu wissen, dass mir eine kleine Maschine dabei hilft, am Leben zu bleiben, das konnte ich damals nicht verstehen. Schließlich war ich erst 29 Jahre alt und wollte normal leben.

Man bekommt immer von den Ärzten gesagt, man kann ein normales Leben führen – das stimmt aber nicht. Früher war ich leidenschaftliche Tennisspielerin, das stellt wegen der Bewegungen heute eine Gefahr für den Schrittmacher dar. Und auch im Alltag stoße ich immer wieder an Grenzen, gerade was den Bereich Magnete angeht, die der größte Feind des Schrittmachers sind.

Diese seltene Erkrankung ist bei uns auf dem Vormarsch

Dann die Diagnose Pseudotumor cerebri: Was ist das genau, wie leben Sie damit?

2017, die Firma war auf dem Höhepunkt und wir beschäftigten bis zu 50 Angestellte, merkte ich, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich wachte eines Morgens auf, und meine Augen standen in verschiedene Richtungen. Ich fuhr noch ins Büro, aber dort war klar, ich musste ins Krankenhaus. Als ich dann untersucht wurde, kam man zu dem Ergebnis, dass mein Hirndruck viel zu hoch ist. Man punktierte mich, es wurde Hirnwasser entnommen. Meine Erkrankung hat die gleichen Symptome eines Hirntumors, nur dass man einen Primärtumor nicht finden kann. Mein Körper produziert Hirnwasser, kann es aber durch eine Abflussstörung nicht mehr abtransportieren. Der Druck im Kopf steigt – dies führt zu Erblindung und Schlaganfällen.

Ich musste bis heute mehr als fünfzigmal punktiert werden, wurde auch auf Medikamente eingestellt. Da es sich um eine seltene Erkrankung handelt, die aber auf dem Vormarsch in unserer Gesellschaft ist, ist die Forschungslage sehr gering, und man weiß nicht, wie die Krankheit verläuft. Ich hatte in den letzten dreieinhalb Jahren viele Aufs und Abs mit der Erkrankung. Sie hat teilweise meinen ganzen Lebensalltag bestimmt. Aber ich habe mir auch keine Auszeit genommen und habe weiterhin meine Energie in die Firma gesteckt.

Sie sagten, Sie ließen sich nicht unterkriegen, machten auch beruflich erfolgreich weiter. Ganz ehrlich: Haben Sie da nicht auch mal mit dem Schicksal gehadert, nach dem Motto: Warum immer ich?

Diese Frage kann ich mit einem klaren NEIN beantworten. Ich habe sie mir wirklich nie gestellt. Es könnte genauso gut heißen warum ich nicht… Ich war so sehr damit beschäftigt, zu suchen, erfolgreich zu sein – ich würde heute sagen, nicht zu leben, sondern nur zu funktionieren, dass sich diese Frage nie stellte.

So habe ich mit dem Universum verhandelt

Ende 2019 erkrankte ihr Mann schwer, sie handelten einen Deal aus: Wie genau sah der aus?

Die Krebsdiagnose meines Mannes war ein Schock. Er war immer meine Stütze bei dem, was ich erlebt habe. Und nun sollte dieser Ankerpunkt für mich wegfallen? Ich hatte noch nie solch eine große Angst wie in dieser Zeit. Ganz besonders, als es unerwartet zu einer Not-OP kam und die Ärzte mir sagten, sie wissen nicht, ob er es überleben wird. Da habe ich vor der Klinik in den Nachthimmel geschaut und mit dem Universum verhandelt.

In diesem Moment wäre ich bereit gewesen, alles mir Mögliche herzugeben. Alles, was in meinem Besitz war, nur um das Leben meines Mannes retten zu können. Ich sagte in Richtung Himmel, dass ich mein Leben verändern würde, wenn er es überleben sollte.

Er überlebte – und ich fiel Anfang 2020 in ein tiefes schwarzes Loch. Ich hatte schlicht keine Kraft mehr. Meine eigenen Erkrankungen verschlechterten sich, und ich wusste, jetzt war es an der Zeit, mein Versprechen wahrzumachen. Ich fuhr an den Chiemsee, gut 500 km von meinem Zuhause entfernt, und wusste, dass ich erst wieder zurückkommen würde, wenn ich alle Antworten auf mein Leben gefunden hätte.

Ihr Mann hat überlebt, Sie ihr Leben umgestellt, wie Sie es sich selbst versprochen haben: Sie wollten gesund werden. Hat das geklappt?

In dieser Auszeit habe ich tatsächlich alle Antworten erhalten, die ich all die Jahre vergeblich gesucht hatte. Alle lagen tief in mir verborgen, und es brauchte nur den richtigen Schlüssel, um verschlossene Türen zu öffnen. Als ich die Erkenntnisse gewonnen hatte, war klar: Ich konnte nicht in mein altes Leben zurück. Ich kam also wieder nach Hause und setzte nie wieder einen Fuß in meine Firma. Trat als Geschäftsführerin zurück und konzentrierte mich darauf, wieder zu leben. Gesund zu werden, stand da an vorderster Stelle. Ich habe mir in den darauffolgenden Monaten viel Zeit genommen und nochmal neue Ärzte gefunden, die mich über den Stand meiner Erkrankungen aufklärten– und dann fand ich einen Weg, gesund zu werden.

Ich habe mit Sport angefangen, meine Ernährung umgestellt und Menschen, die mir nicht gut taten, aus meinem Leben verabschiedet. Und nun, knapp neun Monate später, bin ich 40 Kilo leichter, treibe bis zu sechsmal die Woche Sport und lebe jeden Tag voller Achtsamkeit und Dankbarkeit. Ich habe so viel Energie wie lange nicht mehr, deshalb plane ich ein großes Projekt für mehr Lebensmut. Ich möchte zeigen, was trotz Erkrankungen oder Schicksalen möglich ist – und dass es sich immer lohnt, wieder aufzustehen.

Jeder entscheidet für sich, ob er aufstehen oder liegen bleiben will

Was genau ist diese Challenge, der Sie sich stellen?

Zusammen mit meinen Partnern, die ich dafür gewinnen konnte, wird es im Oktober in Garmisch-Partenkirchen eine Challenge für mehr Lebensmut und Selbstvertrauen geben. Ich werde dort zusammen mit allen Teilnehmer:innen eine Fahrradrundfahrt absolvieren, die täglich 80 bis 100 km aufweist. Es wird auf jeden Fall sehr spannend, denn im Moment ergeben sich für das Event noch tolle Partnerschaften, so dass daraus etwas ganz Großes entsteht.

Inwiefern wollen Sie auch anderen Menschen helfen und Mut machen?

Wer, wenn nicht ich, kann anderen Menschen zeigen, dass sich das Aufstehen nach jeder Krise lohnt! Es müssen nicht immer so viele Schicksale wie bei mir sein, es gibt auch kleine Einschnitte im Leben, die einen vollkommen aus der Bahn werfen können. Das kommuniziere ich auch auf meinem Instagram-Account. Dort möchte ich für all die Anlaufstelle sein, die nach Mut, Motivation und Selbstliebe suchen. Außerdem möchte ich den Menschen als Speaker zeigen, wie man sich selbst motivieren kann – aber auch im Einzel-Coaching ein individuelles Konzept entwickeln, das die Wünsche und Ziele des jeweiligen vereint.

Im Moment arbeite ich gerade viel mit Betroffenen des Pseudotumors. Es ist so schön zu sehen, wenn die ersten Fortschritte erzielt werden. Meine Botschaft an jeden ist ganz einfach und klar: Es ist deine Entscheidung. Du kannst aufstehen oder liegen bleiben. Aber wenn du aufstehen wirst, dann weiß ich, dass das Großartigste möglich sein kann.

Wo nehmen Sie Ihre Stärke, Ihren Elan, Ihre Motivation her?

Das ist eine gute Frage (lacht). Ich glaube, ich habe einfach meine Kraftquellen gefunden, und die lebe ich jeden Tag. Durch meinen abwechslungsreichen Alltag wird mir nicht langweilig – ich liebe einfach alles, was ich tue. Gerade in der täglichen Meditation oder im Yoga finde ich zu mir und kann den Kopf komplett ausschalten. Ich habe im letzten Jahr entschieden, vieles aus meiner Intuition zu entscheiden –

das hat mir bis heute Recht gegeben. Ich treffe positive Menschen, das gibt mir auch selbst wieder Grund, positiv zu sein. Ich habe mich dafür bewusst entschieden. Doch das Allerwichtigste ist, glaube ich, dass ich meinen inneren Frieden gefunden habe. Ich habe seit langem keine Angst mehr vor dem Sterben, nach dem Schicksal mit meinem Mann nun auch keine Angst mehr vor dem Leben. Was soll mir also noch passieren, außer ein wunderbares Leben?

Wir gehen viel zu oft über unsere Grenzen

Wer ist Ihr Vorbild, was Ihr Motto?

Mein Motto oder eher eine Lebenseinstellung, die mir nach dem Ende meiner langen Suche durch den Kopf ging, war:

  • Ich lebe – und das ist das Beste, was ich für heute erreichen kann.

Vorbilder hatte ich in meinem Leben immer mal wieder, die wechseln bei mir je nach Lebenslage. Doch wen ich wirklich bewundere, sind die großen buddhistischen Meister, die voll und ganz in Ruhe und Geduld leben. Geduldig zu sein, ist nämlich meine größte Lebensaufgabe, an der ich jeden Tag ein bisschen wachse.

Was wollen Sie unseren Leser:innen mit auf den Weg geben?

Ich habe so viele Themenbereiche in meinem Leben angepackt. Ich war Unternehmerin, bin Mutter und Ehefrau. Ich habe 40 Kilo abgenommen und treibe heute so viel Sport: Das hielt kein Arzt für möglich. Was ich allen wirklich auf den Weg mitgeben möchte ist, sich niemals zu verlieren. Wir neigen dazu, uns aufzuopfern. Wir haben ein schlechtes Gewissen, weil wir vielleicht Beruf und Familie nicht so gut hinbekommen, wie es uns immer vor Augen geführt wird. Und wir gehen viel zu oft über unsere eigenen Grenzen.

Ich habe in meinem Leben nicht nur einmal ein Stoppschild überfahren, als mein Körper mir zeigte, dass es doch eigentlich nicht mehr geht. Und ich weiß, wie es sich ganz unten auf dem Boden anfühlt. Sich immer selbst wahrnehmen, sich selbst genauso viel Mitgefühl wie den Mitmenschen entgegenbringen, auf die innere Stimme hören, die immer den richtigen Weg zeigen wird: Manchmal braucht das ein bisschen Mut, aber ich verspreche: Es lohnt sich!

Wenn Sie Carina Hilfenhaus' "Projekt für mehr Lebensmut" unterstützen wollen: Hier geht's zum Spendenaufruf.

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