29.04.2021 - 10:57

Experiment fehlgeschlagen? Tübinger Modellprojekt: Experten berichten von mehr Corona-Infektionen

Das Modellprojekt in Tübingen unter dem Namen "Öffnen mit Sicherheit" ist spätestens seit der Bundesnotbremse beendet. Daten zeigen nun: Es kam zu vermehrten Neuinfektionen. Aufs Testen sind die allerdings nicht gänzlich zurückzuführen.

Foto: IMAGO / Eibner

Das Modellprojekt in Tübingen unter dem Namen "Öffnen mit Sicherheit" ist spätestens seit der Bundesnotbremse beendet. Daten zeigen nun: Es kam zu vermehrten Neuinfektionen. Aufs Testen sind die allerdings nicht gänzlich zurückzuführen.

Die Universitätsstadt Tübingen hatte es Mitte März gewagt und ein Modellprojekt gestartet: Die Lockerungen mithilfe von Schnelltests in Einzelhandel und Außengastronomie sowie anderen Freizeiteinrichtungen liefen bis zum Greifen der Bundesnotbremse. Bis dahin waren die Infektionszahlen in der Stadt mit ursprünglich guter Ausgangsposition nämlich wieder gestiegen.

Es war ein Modellprojekt, das gut hätte klappen können – unter besseren Rahmenbedingungen. Tübingen hatte Mitte März 2021 das Projekt "Öffnen mit Sicherheit" gestartet: Lockerungen der Corona-Einschränkungen mithilfe eines weitreichenden Testkonzeptes. Doch eine wissenschaftliche Begleituntersuchung zeigt: Das Tübinger Modellprojekt hat zu mehr Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 geführt. Die hohe Zahl an Schnelltests ist nur bedingt dafür verantwortlich.

Anstieg der Infektionen im Tübinger Modellprojekt: Versuch gescheitert – vorerst

Die Daten der Untersuchung, die sich allerdings noch im Preprint befindet und noch von unabhängigen Stellen geprüft werden muss, zeigen: Im Vergleich zu zwei Städten und zwei Landkreisen mit ähnlichen Inzidenzen zum Projektbeginn ist die Zahl der Infektionen in Tübingen bis zum Greifen der Bundesnotbremse stärker gestiegen.

Am 16. März war das Projekt gestartet: Wer in einer Teststation in der Innenstadt via Antigen-Schnelltest negativ getestet worden war, durfte am gleichen Tag einkaufen, Außengastronomie nutzen, auf körpernahe Dienstleistungen zurückgreifen oder zu Kulturveranstaltungen sowie ins Kino gehen. Die Ausgangssituation wurde mit einer 7-Tage-Inzidenz von unter 50 beziffert, war also sehr günstig. Das zeigte sich auch in den Testergebnissen in der Schnellteststation: 45 Infektionen entdeckte man in der ersten Projektwoche bis 21. März. In der Folgewoche bis 28. März waren es 39, dann 29, und in der vierten Woche bis 11. April 30 Infektionen.

Doch die 7-Tage-Inzidenz stieg trotzdem – bis auf 144 am Osterwochenende. Schon damals wurde spekuliert, ob der Modellversuch Tübingen vor dem Aus steht. Die Reaktion der Stadt: Die Außengastronomie musste wieder schließen. Doch ist die steigende Inzidenz wirklich auf die Probeöffnungen zurückführbar?

Höhere Werte durch vermehrte Tests herausgerechnet

Um das zu überprüfen, haben Expert:innen rund um Klaus Wälde von der Universität Mainz die Zahlen in Tübingen mit denen in zwei anderen Städten verglichen, die ähnlich wie Tübingen aufgebaut sind – Universitätsstädte mit ähnlicher Einwohnerzahl: Heidelberg und Freiburg. Des weiteren wurden die Landkreise Enzkreis und Heilbronn mit aufgenommen.

Im Vergleich zeigte sich, dass die Infektionszahlen in Tübingen stärker angestiegen waren. Passend zur Inkubationszeit setzte die Steigerung etwa eine Woche später ein. Am Osterwochenende lag sie bei ihrem Maximum.

Da ein Teil des Anstieges auf das vermehrte Testen in Tübingen zurückzuführen war, hatten die Expert:innen versucht, diesen Einfluss herauszurechnen. Dennoch zeigte sich im Vergleich zu den anderen Städten und Kreisen eine stärkere Steigerung.

Nach Ostern hat sich die Differenz zwischen Tübingen und den Vergleichsstädten allerdings wieder verringert, berichtet das "Ärzteblatt". Woran genau das gelegen haben könnte – etwa an der Schließung der Außengastronomie –, lässt sich anhand der Studie nicht sagen. Zum Ende des Modellversuchs "Öffnen mit Sicherheit" am 23. April mit Inkrafttreten der Bundesnotbremse lag Tübingen bei einer 7-Tage-Inzidenz von 181,5.

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Funktionieren solche Öffnungsschritte also nicht?

Das bedeutet allerdings nicht, dass solche Öffnungsversuche nicht funktionieren können. Allerdings müssen dafür die Rahmenbedingungen stimmen. Die wichtigste davon dürfte die Inzidenz sein. Auch, wenn die Ausgangsposition in Tübingen selbst mit unter 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen unter der einst festgelegten Grenze war, so war sie möglicherweise dennoch zu hoch – zumal auch die in den umliegenden Kreisen hoch war und Infektionen etwa auch durch Arbeitspendler und Co eingeschleppt worden sein könnten.

Zudem sind Antigentests zwar ein gutes Mittel, um zusätzlich zu anderen Maßnahmen einen Beitrag zur Pandemieeindämmung zu leisten. Sie geben allerdings keine vollständige Sicherheit: Wer infiziert ist, aber noch keine Symptome zeigt, bei dem schlägt der Test je nach Viruslast negativ aus, obwohl die Person kurz später infektiös ist. Bestätigt hat das unter anderem der Virologe Christian Drosten: Man dürfe sich nicht nur auf Antigen-Schnelltests verlassen.

Wir lernen: Solche Öffnungsschritte können sicherlich klappen – wenn die Inzidenz vor Ort und am besten auch die im Umkreis es zulässt. Was die Öffnungen betrifft, so muss noch Klarheit darüber geschaffen werden, welche der Lockerungen nun funktionieren und bei welchen sich möglicherweise doch Menschen angesteckt haben – oder ob die Infektionen mit dem Coronavirus möglicherweise doch an anderen Orten stattgefunden haben, etwa innerhalb der Familie oder am Arbeitsplatz. Klar dürfte so langsam aber sein: Von funktionierender Nachverfolgbarkeit kann man bei Inzidenzen um 50 leider nicht sprechen. Das hat die Situation in Deutschland bereits eindrücklich bewiesen.

Übrigens: Auch im Saarland hatte man es mit Lockerungen versucht – die durch die Bundesnotbremse aber wieder zurückgenommen werden mussten. Denn auch hier liegt die 7-Tage-Inzidenz bei über 100.

Studie:

Diederichs, Wälde et al. (medRxiv, 2021): "Is large-scale rapid CoV-2 testing a substitute for lockdowns? The case of Tübingen"

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