07.04.2021 - 11:57

Öffnen mit Sicherheit Corona-Versuch: Steht das Tübingen-Projekt vor dem Aus?

Tübingens Bürgermeister Boris Palmer präsentiert stolz das Tübinger Tagesticket. Unter der Voraussetzung eines negativen Corona-Schnelltests erlaubt es den Bürgern die Teilnahme am kulturellen und gesellschaftlichen Leben, trotz Pandemie. Jetzt steigen die Infektionszahlen jedoch wieder. Droht das Projekt zu scheitern?

Foto: Getty Images/ YANN SCHREIBER

Tübingens Bürgermeister Boris Palmer präsentiert stolz das Tübinger Tagesticket. Unter der Voraussetzung eines negativen Corona-Schnelltests erlaubt es den Bürgern die Teilnahme am kulturellen und gesellschaftlichen Leben, trotz Pandemie. Jetzt steigen die Infektionszahlen jedoch wieder. Droht das Projekt zu scheitern?

Tübingen testet – und ermöglicht so umfassende Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Doch jetzt steigen die Corona-Zahlen...

Corona-Modellversuche, wie sie derzeit in Tübingen oder im Saarland durchgeführt werden, wollen Alternativen zur Holzhammermethode Lockdown aufzeigen. Statt das private, kulturelle und gesellschaftliche Leben still stehen zu lassen, setzen die Projekte auf flächendeckende Tests. So soll das Leben zumindest ein Stück weit normaler werden. Der Erfolg dieser Projekte wäre wünschenswert, würde es doch den Weg für weitere Lockerungsstrategien ebnen. Leider zeichnet sich im Moment ein anderer Trend ab, wie auch das Corona-Projekt aus Tübingen beweist…

Tübingen-Projekt kämpft mit steigenden Corona-Zahlen

In der Universitätsstadt Tübingen läuft seit dem 16. März das Projekt "Öffnen mit Sicherheit". Dieses soll untersuchen, inwieweit Öffnungen sinnvoll durch Corona-Schnelltests unterstützt werden können. Der Einzelhandel, die Außengastronomie sowie kulturelle Einrichtungen blieben geöffnet und konnten gegen die Vorlage eines tagesaktuellen Corona-Tests besucht werden.

Zu diesem Zweck hatte die Stadt das sogenannte Tübinger Tagesticket eingeführt: Einwohner konnten an einer der neun Teststationen in der Innenstadt einen kostenlosen Schnelltest machen. Fiel dieser negativ aus, erhielten sie das Tübinger Tagesticket, das ihnen am entsprechenden Tag den Zugang zu all diesen Einrichtungen gewährte.

Sieben-Tage-Inzidenz sprengt 100er-Marke

Möglich machten diesen Modellversuch auch die niedrigen Inzidenzwerte in Tübingen, wo von Anfang an auf den Schutz von Risikogruppen und das gleichzeitige Gewähren von möglichst viel Normalität gesetzt wurde. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, lag die Sieben-Tage-Inzidenz Mitte März, als das Projekt begann, bei 23. Mittlerweile sind die Zahlen jedoch stark angestiegen, am 1. April lag die Inzidenz sogar bei 110. Mittlerweile gibt der Landkreis Tübingen die Inzidenz wieder mit 99 an, es ist jedoch möglich, dass es wegen der Osterfeiertage zu Verzögerungen bei der Datenübermittlung gekommen ist und die Inzidenz in Wirklichkeit höher liegt.

Ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 sollte eigentlich die von der Bundesregierung vorgesehene Notbremse greifen, d.h. es ginge zurück in den harten Lockdown. Diese Regel möchte Tübingen so nicht umsetzen, nichtsdestotrotz ergreift die Stadt Maßnahmen: Bereits vor den Osterfeiertagen war beschlossen worden, die Tübinger Tagestickets nur noch an Einheimische oder Personen aus dem Landkreis auszustellen, da zu viele Lockdown-müde Personen von außerhalb angereist waren. Seit heute gelten weitere Regelverschärfungen:

Regelverschärfung: Gastronomie muss wieder schließen

Tübingens Modellversuch soll weiter durchgezogen werden – allerdings in "modifizierter Form". Das betrifft in erster Linie die Gastronomie, die Essen und Getränke nur noch to go anbieten darf. Der Einzelhandel und kulturelle Einrichtungen bleiben aber geöffnet und dürfen nach wie vor gegen Vorlage eines negativen Corona-Schnelltests besucht werden.

Außerdem dürfen Kita-Kinder und Schüler die Kindertagesstätten und die Notbetreuung der Schulen nur noch besuchen, wenn sie mindestens einmal pro Woche getestet werden. Das Gleiche gilt für Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern. Auch das Alkoholverbot, das bislang nur in der Innenstadt galt, wird ausgeweitet.

Ist Tübingens Corona-Modellversuch gescheitert?

Ist der Modellversuch gescheitert? Oder kann Tübingen dem Aufwärtstrend bei den Corona-Zahlen erfolgreich gegensteuern? Laut einem Zwischenbericht des Universitätsklinikums Tübingen "erlauben die bisherigen Ergebnisse des Modellversuchs noch kein abschließendes Urteil über die Bremswirkung der breit angelegten Schnelltestkampagne auf die Ausbreitung des Corona-Virus".

Einerseits gesteht der Zwischenbericht ein, dass die Sieben-Tage-Inzidenz "sprunghaft" angestiegen ist. Andererseits weist der Bericht darauf hin, dass die Positivrate unter den Schnelltests seit dem 22. März "ziemlich konstant" ist. Sollte das so bleiben, würde das bedeuten, "dass der Anstieg der vom Gesundheitsamt erfassten 7-Tage-Inzidenz wesentlich auf die Ausleuchtung des Dunkelfeldes durch die stark steigende Testzahl zurückzuführen wäre". Ein tatsächlicher Anstieg der Inzidenz müsse sich bei gleichbleibender Testdichte auch irgendwann in der Positivrate abbilden. "Aus wissenschaftlicher Sicht" empfehle sich deshalb die Fortsetzung des Versuchs.

Projekt wird vorerst fortgeführt

Auch im Saarland, wo derzeit ein ähnlicher Versuch durchgeführt wird, steigen die Corona-Infektionszahlen. Hier soll ab einer Inzidenz von 100 allerdings die Notbremse gezogen werden. Das Modellprojekt in Tübingen hingegen soll vorerst bis zum 18. April fortgesetzt werden. Trotz der im Zwischenbericht verfolgten Argumentation stellte Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha bereits in Aussicht, das Projekt bei weiter steigenden Fallzahlen abzubrechen.

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