Aktualisiert: 05.03.2021 - 18:45

Die Bildungsministerin im Interview Jetzt reden wir – und Anja Karliczek hört genau zu!

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Bundesbildungsministerin Anja Karliczek im Interview mit der stellvertretenen Chefredakteurin Tanya Munsche und drei Leserinnen von Bild der Frau: Antje Liesener, Ella Fehr und Julia Schön.

Foto: Bild der Frau Video-Screenshot

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek im Interview mit der stellvertretenen Chefredakteurin Tanya Munsche und drei Leserinnen von Bild der Frau: Antje Liesener, Ella Fehr und Julia Schön.

Großes Chaos, wenig Perspektive: Beim Thema Schule kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen. Diese drei Frauen wünschen sich von Ministerin Anja Karliczek (49, CDU) mehr Einheitlichkeit.

Eltern, Lehrer*innen, Schüler*innen und Schulen stehen wegen der Corona-Pandemie vor großen Herausforderungen. Mal fehlt es an digitalen Kompetenzen, mal liegt es an der mangelnden digitalen Infrastruktur in einigen Teilen Deutschlands. Drei Leserinnen von Bild der Frau haben Bundesbildungsministerin Anja Karliczek auf den Zahn gefühlt. Lesen Sie hier das Interview.

Drei Bild der Frau-Leserinnen reden Klartext: Diese Woche mit mit Bildungsministerin Anja Karliczek

Die Schülerin: "Bekommen wir jetzt Gratis-Nachhilfe?"

Ella Fehr (15) geht in die 10. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Auch im zweiten Lockdown läuft Home-Schooling chaotisch. „Unsere Lehrer tun uns einfach leid, die haben WLAN-Probleme zu Hause. Eine Pädagogin fährt für jede Videokonferenz in die Schule, weil sie keinen Rechner hat“, sagt sie. „Dort funktioniert das WLAN aber auch nicht gut. Wir sind mit technischen Geräten extrem schlecht ausgestattet.“ Die Schüler leiden auch seelisch sehr unter der Belastung. Und verpassen dadurch noch mehr Stoff ...

Ella Fehr: Frau Karliczek, an unserer Schule sind alle am Limit! Viele Fächer haben wir nicht regelmäßig, weil die Lehrer technisch nicht ausgestattet sind. Wie wird das aufgefangen – bekommen wir Schüler Gratis-Nachhilfe, um Lernrückstände aufzufangen?

Anja Karliczek: Den Kindern und Jugendlichen, die durch die Pandemie in der Schule im Lernen zurückgefallen sind, muss geholfen werden. Es sollte spätestens ab dem neuen Schuljahr ein großes Nachholprogramm gestartet werden, vielleicht über ein oder zwei Halbjahre. Ich habe den Ländern, die für Schule zuständig sind, Unterstützung angeboten. Es gibt verschiedene Überlegungen. Das Programm muss nicht unbedingt am Schulunterricht selbst angedockt werden. Wir müssen bedenken, dass wir immer noch Lehrermangel haben.

Jetzt reden wir – und Anja Karliczek hört genau zu!
Jetzt reden wir – und Anja Karliczek hört genau zu!
von der Redaktion

Warum erst zum neuen Schuljahr? Mehr als eineinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie?!

Ich wünsche mir, dass die Kinder und Jugendlichen, bei denen es notwendig ist, zusammen mit dem Zeugnis eine Empfehlung bekommen, ob und welchen Umfang Nachholunterricht nötig ist und wo sie ihn bekommen können. Ich bin gegen Lernen in den gesamten Sommerferien: Da sollen auch die Kinder ein bisschen verschnaufen. Ich glaube, das ist wichtig. Das schließt aber nicht aus, dass es für zwei oder drei Wochen freiwillige Lernangebote gibt.

Uns Schüler belastet vor allem das Chaos. Uns fehlt Struktur. Warum gibt es keine bundesweit einheitlichen Vorgaben fürs Home-Schooling, beispielsweise eine Pflicht, den Stundenplan 1:1 online umzusetzen?

Strikte deutschlandweite Regeln sind nicht praktikabel. In jeder Schule tauchen unterschiedliche Probleme auf, die am besten in der Schulkonferenz gemeinsam gelöst werden können. Aber klar, ich gebe Ihnen Recht, es muss paar Grundregeln geben, woran man sich gemeinsam orientieren sollte. Dafür muss jedes Land zunächst einmal selbst sorgen, aber auch die Länder untereinander. Und natürlich gerne auch mit uns.

Meine Schule ist völlig runtergerockt, wir haben Löcher in den Wänden, die Toiletten sind eine Katastrophe. Warum wurde der Lockdown nicht zum Renovieren genutzt?

Hier ist zunächst einmal der Schulträger gefragt, also typischerweise die Kommune. Dass es nicht so schnell geht, liegt aber auch am Handwerker-Mangel und an den langen Ausschreibungsverfahren. Beides sind Ursachen dafür, dass viele Renovierungsarbeiten in den Schulen oft zu lange dauern. Vieles ist in diesen Tagen ein Umsetzungsproblem. Die Beauftragung ist zum Teil so kompliziert, dass eben die schnelle, einfache Lösung nur sehr schwer zu finden ist.

Die Mutter: "Werden Noten nun abgeschafft?"

Antje Liesener (45) hat drei schulpflichtige Kindern zwischen der 2. und 8. Klasse. Sie arbeitet als Netzwerk-Koordinatorin 25 Stunden, seit Corona überwiegend von zu Hause aus. „Im Grunde aber seit Monaten gefühlt nur 5 Stunden. Denn vormittags bin ich gleichzeitig für meine Kinder Lehrerin.“ Ihre Kinder gehen auf unterschiedliche Schulen. „Und jede macht es anders.“

Antje Liesener: Frau Karliczek, kaum hatten Eltern und Lehrer bei uns die Videokonferenzen im Griff, brauchten wir eine andere Software – wegen des Datenschutzes. Der ist wichtig, genauso aber auch praktikable Lösungen. Wo bleibt die einheitliche Ansage?

Bildungsministerin Karliczek: Da gebe ich Ihnen völlig Recht. Auch als Bundesbildungsministerium beschäftigen wir uns mit der Frage: Wie kriegen wir es hin, dass einerseits die Nutzung neuer Technologien ermöglicht und zugleich der Datenschutz eingehalten wird? Da sind natürlich auch wieder die Länder gefragt. Da brauchen wir eine gemeinsame Lösung. Denn es ist ja wichtig: In einer digitalen Welt will ich wissen, wo meine Daten landen.

Viele Staaten machen vor, wie guter Digitalunterricht gehen kann. Warum tun wir uns auch im zweiten Lockdown so schwer?

Weil die Schulen insgesamt noch nicht gut genug vorbereitet waren. So ehrlich muss man sein. Es gab ja auch einige Schulen, die selbst im ersten Lockdown von heute auf morgen quasi den normalen Schulplan weitergemacht haben. Wenn alle für Schule Verantwortlichen geahnt hätten, was da auf die Bildungseinrichtungen zukommt, hätten sich im letzten Jahr alle wahrscheinlich schneller auf den Weg gemacht, um die fünf Milliarden des Bundes aus dem Digital-Pakt besser zu nutzen. Einen Rückstand von mehreren Jahren kann leider nicht in wenigen Monaten aufgeholt werden.

Die zweite Welle hätte man ja aber ahnen können...

Ich glaube, den genauen Verlauf der Pandemie konnte kaum jemand richtig vorhersagen.

Können wir Corona nutzen, um unsere Bildung als Ganzes zu überprüfen? Meine drei Kinder wurden selbstständig und selbstbewusst aus der Kita entlassen, kannten ihre Fähigkeiten. In der Schule ist das leider wieder verloren gegangen. Da geht es statt um Kompetenzen nach wie vor um Wissensvermittlung. Wir brauchen doch aber starke Kinder!

Ich höre immer wieder, dass auch schon im Grundschulalter vielfach Nachhilfeunterricht in Anspruch genommen wird. Weil es leider häufig nicht mehr darum geht, dass sich Kinder möglichst frei entwickeln, sondern dass sie Leistung auf Abruf bringen. Dabei reden wir doch seit 20 Jahren darüber, Kinder stark und selbstständig zu machen. Geschieht das? Insgesamt jedenfalls noch zu wenig! Wir brauchen hier wieder ein Stück mehr Gelassenheit und Vertrauen in die Kinder. Und wir brauchen insgesamt mehr gesellschaftliche Anerkennung auch für Leistungen, die nicht sofort Spitzenleistungen sind.

Warum wird nicht in diesem Schuljahr auf Noten verzichtet oder stattdessen Kreativität oder digitale Kompetenz bewertet? Meine Kinder haben viel gelernt, nur eben Dinge, die nicht benotet werden…

Es wäre nicht richtig zu sagen: „Es gibt jetzt gar keine Noten.“ Damit würde genau von einem Corona-Jahrgang gesprochen werden, was wir auf keinen Fall wollen. Aber wir müssen schauen: Was fehlt den Schülern, was sie im Laufe ihres Lebens dringend brauchen? Ich finde auch die Überlegung gut, dass Kinder und Jugendliche das Jahr freiwillig wiederholen können.

Die Lehrerin: Warum gibt es nicht Wechsel-Unterricht für alle?

Julia Schön (42) ist Lehrerin für Deutsch und Französisch an der Elbschule Glückstadt, einer Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein. Eigentlich läuft der Unterricht von Zuhause ganz gut. „Wenn nur das WLAN im ländlichen Raum verlässlich funktionieren würde – oder jedes Kind es auch hätte“, sagt sie. Bald steht sie wieder vor ihren Schülern und hofft dafür auf besseren Infektions-Schutz.

Julia Schön: Frau Karliczek, Masken und Abstand reichen nicht! Nicht jeder Klassenraum kann gut gelüftet werden, viele sind stickig oder Fenster lassen sich nicht öffnen. Warum gibt es keine Luftfilter?

Ministerin Anja Karliczek: Um das Infektionsgeschehen an den Schulen unter Kontrolle zu behalten, werden wir in den nächsten Wochen ein Maßnahmenbündel brauchen. Stichworte: Maskentragen, Abstand halten, feste Gruppen, Tests und Impfangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Natürlich können mobile Lüftungsgeräte, wenn sie richtig aufgestellt sind, einen Beitrag leisten. Laut Studien müssen die aber sehr professionell betrieben werden. Zu den Maßnahmen gehört auch Wechselunterricht. Um diesen zu organisieren, sollte man in zu beengten Schulen auch auf andere Räumlichkeiten ausweichen.

Wie soll das gehen?

Es gibt Schulcontainer. Oder kreative Lösungen. Grundschulen liegen gerade in Dörfern oft in Kirchennähe, wo dann auch das Pfarrzentrum ist, in dem man Schüler unterbringen kann. Oder andere Räumlichkeiten. Ich als Bundesministerin kann das nicht vorschreiben. Ich darf nur Empfehlungen aussprechen. Aber ich glaube, aus kreativen Ideen kann eine Menge entstehen. Und am Ende alle zufriedener machen.

Der Wechselunterricht funktioniert bei uns richtig gut. Warum ordnen Sie den nicht bundesweit für alle an?

Diese Möglichkeit habe ich nach unserer Verfassung nicht. Wechselunterricht ist aber sicher ein Beitrag, Stabilität bis zu den Sommerferien in den Schulbetrieb zu bringen. Vor allem auch für Schüler, die zu Hause in sehr beengten Verhältnissen leben und lernen müssen. Viele können nicht mehr. Auch Lehrer stoßen mittlerweile an ihre Grenzen.

Aber einen einheitlichen Weg wird es trotzdem nicht geben?

Ich kenne den Wunsch, das am liebsten alles einheitlich sein soll. Aber ich denke, dass der Föderalismus seine Stärken hat. Schule wird immer aus der Region geprägt, von den Eltern, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Sie, liebe Frau Schön, vor Ort wissen doch am besten, was funktioniert und umsetzbar ist.

Ja. Aber es schwankt zwischen: Von oben kommt gar nichts. Also machen wir eigene Konzepte. Und dann kommt aus dem Nichts das ganz große Diktieren. Was wir wann wie zu tun haben. Das ist wahnsinnig anstrengend. Auch schwierig: Wir haben einige Eltern, die sagen, „WLAN gibt‘s nicht, Handyinternet reicht“. Dabei gehört WLAN zur Schule wie der Ranzen oder Bücher…

Stimmt, es ist heutzutage so, dass jedes Kind einen Datentarif braucht. Und die meisten jungen Leute haben auch einen. Im Zusammenhang mit unserem „Sofortausstattungsprogramm“ für Schüler-Laptops haben wir darüber auch mit Anbietern gesprochen, die auch entsprechende Angebote entwickelt haben, und diese mit den Ländern zusammengebracht.

Auch das sagte Ministerin Anja Karliczek über...

... Digitales als Schulfach

Wir brauchen kein eigenes Fach. Die Grundkenntnisse, wie diese Technik funktioniert, kann man zum Beispiel auch in den Physik-Unterricht packen. Wie die Software darauf läuft, das könnte zum Beispiel in den Informatikunterricht. Das Wichtigste ist ein Grundverständnis, wie diese neue Welt funktioniert. Das betrifft viele Fächer. Ein bisschen wie beim Auto: Nicht jeder muss es bauen können, aber jeder muss es nutzen können, wenn er einen Führerschein hat.

… die Schwierigkeiten unseres föderalen Bildungssystems

Da kommen wir schon an die Grenzen. Ich fände es gut, wenn Bund und Länder auch in inhaltlichen Fragen enger zusammenarbeiten könnten – beispielsweise um Software zum Lernen zu entwickeln. Dazu müsste das Grundgesetz geändert werden. Dafür werbe ich aber nachdrücklich.

… Wir-Gefühl

Wir müssen alle miteinander akzeptieren, dass wir noch ein paar schwierige Wochen vor uns haben. Es wird da immer wieder haken. Aber alle müssen das Ziel verfolgen, so viel sicheren Unterricht zu organisieren wie möglich. Ich will dazu das Meinige beitragen.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Familienministerin Franziska Giffey mussten sich schon den Fragen unserer kritischen Leserschaft stellen – weitere informative Interviews über das Coronavirus oder Gespräche mit inspirierenden Persönlichkeiten finden Sie auf unseren umfangreichen Themenseiten.

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