Aktualisiert: 26.02.2021 - 19:21

Bundesfamilienministerin im Interview Jetzt reden wir – und Franziska Giffey hört genau zu!

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Franziska Giffey im Interview mit Redakteurin Hella Hoofdmann (o.m.), Lisa Schölzel (o.r.), Carolin Hofmann (u.r.), Meike Rottstedt (u.m.) und Chefredakteurin Sandra Immoor (u.l.)

Foto: Bildderfrau.de

Franziska Giffey im Interview mit Redakteurin Hella Hoofdmann (o.m.), Lisa Schölzel (o.r.), Carolin Hofmann (u.r.), Meike Rottstedt (u.m.) und Chefredakteurin Sandra Immoor (u.l.)

Ein "Einfach weiter wie vorher" – kann es nach dem langen Lockdown nicht geben. Da waren sich alle Frauen sofort einig. Was Bundesministerin Franziska Giffey (42, SPD) plant und was unsere Leserinnen fordern.

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Franziska Giffey musste im BILD der FRAU Interview mit drei Leserinnen Rede und Antwort stehen. Diese Woche mit dabei: Kita-Erzieherin Meike Rottstedt, die berufstätige Doppel-Mama Lisa Schölzel und "Arche"-Mitarbeiterin Carolin Hofmann.

Bundesministerin Franziska Giffey im Interview mit drei BILD der FRAU-Leserinnen

Franziska Giffey wurde am 3. Mai 1978 in Frankfurt (Oder) geboren. Ihre Studienzeit verbrachte sie größtenteils in Berlin. Seit 2018 hat sie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend inne. Zuvor war Giffey drei Jahre lang Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln. Seit November 2020 ist sie außerdem die Vorsitzende der SPD Berlin und gilt als Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenwahl 2021.

Die Kita-Erzieherin

Meike Rottstedt (35) ist Erzieherin, sie leitet die Hamburger Kita „Elbauenland“. Eigentlich kümmert sie sich um bis zu 52 Kinder, jetzt in der Notbetreuung sind es immer noch um die 25 täglich. Die Pädagogin und ihr Team sorgen sich: "Wir haben jeden Tag Angst, uns anzustecken."

Wir Erzieher stecken im Dilemma: Wir wollen die Kinder gut betreuen, aber dafür müssen wir gesund bleiben. Wir haben ständig Kontakt mit vielen Haushalten, können bei den Kleinsten auch keine Maske tragen. Jetzt sind wir zwar Impfgruppe 2, aber die ist frühestens ab April dran. Und was bis dahin?

Ministerin Franziska Giffey: Ja, Abstand halten ist bei kleineren Kindern kaum möglich. Deshalb sind feste Gruppen wichtig. Und dass man, wo es geht, Kontakte reduziert. Zum Beispiel müssen Eltern nicht zweimal täglich quer durch die Kita bis zum Gruppenraum gehen. Abholen und Bringen sollten im Eingangsbereich erfolgen. Aber natürlich reicht das nicht: Wir brauchen in den Kitas , der Kindertagespflege und in den Schulen mehr Schnelltests. Jede Erzieherin sollte sich dann zwei Mal in der Woche selbst testen können und in 15 Minuten das Ergebnis haben, bevor sie in die Kita geht.

Aber ab wann denn? Wir brauchen die Tests jetzt!

Mit Schulungsvideo ist das schon jetzt möglich. Die Zulassung für Laientests kommt hoffentlich in den nächsten Tagen, spätestens im März. Das zuständige Bundesinstitut will sicherstellen, dass auch Laien den Test vorschriftsmäßig anwenden können. Mich überzeugen die präventiven Corona-Spuck-Tests, bei denen man Speichel mit einer Lösung vermischt und auf den Testträger tröpfelt. Da muss man nicht in die Nase oder den Rachen gehen. Und spucken kann jeder! Wenn die Zulassung da ist, müssen die Tests auch in jeder Kita ankommen. Dafür werde ich mich vehement einsetzen – versprochen!

Klartext-Runde mit Familienministerin Franziska Giffey
Klartext-Runde mit Familienministerin Franziska Giffey
von der Redaktion

Schnelltests lösen leider nicht das Problem, das wir Erzieherinnen und Erzieher schon so lange haben: zu wenig Anerkennung, zu wenig Lohn!

Liebe Frau Rottstedt, Sie haben Recht: Ihre Arbeit und die Ihrer Kolleginnen ist systemrelevant. Deshalb verdienen Sie mehr Wertschätzung, dafür kämpfe ich schon seit Jahren und habe im Ministerium auch ein spezielles Team eingesetzt, das an Maßnahmen zur Aufwertung der sozialen Berufe arbeitet. Bisher bekommen nur etwa 30 Prozent der Auszubildenden eine Vergütung. Einige profitieren zwar vom Meister-Bafög, aber dennoch kann es nicht sein, dass man es sich leisten können muss, Erzieherin oder Erzieher zu werden! Eine anständige Bezahlung sorgt dafür, dass mehr Leute engagiert diesen Beruf ergreifen. Und mehr Erzieherinnen und Erzieher brauchen wir auch für mehr Kita-Plätze und mehr Qualität.

Es bewirbt sich kaum einer.

Wir haben im Jahr über 30.000 junge Absolventinnen und Absolventen, Tendenz steigend. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass die bleiben. Wir müssen auch diejenigen halten, die schon länger dabei sind. Dafür braucht es bessere Arbeitsbedingungen, eine gute Bezahlung und Perspektiven zur Weiterqualifizierung. Erzieherin zu sein, ist nicht nur ein schöner Beruf, es soll sich lohnen, auch finanziell. Das will ich voranbringen. Auch mit den Maßnahmen im Gute-KiTa-Gesetz.

Die berufstätige Doppel-Mama

Lisa Schölzel (29) aus Bautzen in Sachsen ist Juristin in Elternzeit. Die Zweifach-Mama (ihre Kinder sind 4 Jahre und 8 Monate alt) musste nach der Geburt der Tochter ihr Referendariat verschieben, weil sie keine Betreuung für die Kleine fand. Aus Verzweiflung klagten die Eltern den Kita-Platz ein: "Aber das kann ja nicht sein, es gibt seit 1996 ein Recht darauf. Frauen, die Job und Familie vereinbaren wollen, liegen noch viele Steine im Weg.

Frau Giffey, Corona hat einmal mehr gezeigt: Wir sind in Sachen Gleichberechtigung noch nicht da, wo wir sein müssten – den Großteil der Betreuungsarbeit fangen in der Krise Mütter auf. Was tun Sie, damit berufstätige Frauen nach der Pandemie nicht noch mehr abgehängt werden? 90 Prozent meiner Freundinnen arbeiten Teilzeit, weil es an guter Betreuung mangelt…

Ministerin Franziska Giffey: Dazu gehört der weitere Kitaplatz-Ausbau, der auch vom Bund unterstützt wird. Das Recht auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter ist genauso wichtig. Das ist auch ein Ziel im Koalitionsvertrag. Ich will das schaffen, damit mehr Frauen aus der Teilzeitfalle kommen, bessere Aufstiegschancen haben und später keine Rentenlücke. Und damit alle Kinder gleich gute Bildungschancen haben. Aber die Bundesländer müssen zustimmen. Einige, vor allem Westen und Süden des Landes, tun sich da weiter schwer… Ich bleibe aber natürlich dran.

Uns würde schon helfen, wenn die Kinderkrankentage flexibler einsetzbar wären… 10 Tage ich, 10 Tage mein Mann: Warum dürfen Familien nicht selbst entscheiden, wie sie sich das aufteilen?

Wir haben die Kinderkrankentage jetzt in der Corona-Krise schnell und unbürokratisch auf 20 Tage pro Elternteil und Kind verdoppelt, für Alleinerziehende sogar auf 40 Tage pro Kind. Damit unterstützen wir Eltern bei der Vereinbarkeit. Diese Tage können flexibel, auch tageweise, genommen werden. Falls es nicht anders geht, können Tage übertragen werden, wenn der Arbeitgeber zustimmt. Mit der Aufteilung auf beide Elternteile wollen wir einen Anreiz für mehr Partnerschaftlichkeit setzen, so dass am Ende nicht wieder nur der Elternteil zu Hause bleibt, der weniger verdient – denn das sind meistens die Frauen.

Für meine Tochter mussten wir den Kita-Platz einklagen. Und jetzt stehen wir bei unserem Sohn wieder vor einem Betreuungs-Problem: Er hat ab September einen Platz, ich kehre im Juni in den Job zurück. Warum fehlen immer noch so viele Kita-Plätze?

Wir vom Bund unterstützen den Ausbau mit dem schon fünften Kitaplatz-Investitionsprogramm und kommen da gut voran. Fast 800.000 neue Plätze haben wir seit 2008 aus Bundesmitteln finanziert. Aber ein Gebäude reicht nicht, es braucht auch gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher.

Es mangelt nicht nur am Personal! Wir haben im Ort eine große Kindertagesstätte, die Gebäude platzen aus allen Nähten….

Wenn das so ist, dann sagen Sie Ihrem Bürgermeister oder der Bürgermeisterin, dass es dieses Investitionsprogramm gibt, mit dem wir Kitaplatz-Bau, Erweiterungen und Sanierungen mit einer Milliarde Euro zusätzlich unterstützen. Wir haben hier noch mehrere hundert Millionen Euro quasi abholbereit liegen…

Ist für Familien ohne Kita-Platz ein Überbrückungsgeld geplant? Man muss die Lücke, in der man nicht arbeiten kann, ja auch finanziell wuppen.

Wir haben weitreichende Elterngeldregelungen für drei Jahre Elternzeit. Damit lässt sich das Warten auf einen Kitaplatz überbrücken. Und ab September verbessern wir zwei weitere Hilfen: Es wird zusätzliche Elterngeldmonate für Frühchen-Eltern geben und verbesserte Regelungen für das ElterngeldPlus und den Partnerschaftsbonus. Außerdem kann zusätzlich zum Kindergeld auch noch der Kinderzuschlag beantragt werden, wenn man ein kleines Einkommen hat. Das können mehrere hundert Euro im Monat sein, die das Familienbudget entlasten.

Die "Arche"-Mitarbeiterin

Carolin Hofmann (41) leitet den Bereich Familienarbeit und Lernförderung beim Kinderhilfswerk "Arche e.V." in Hamburg-Jenfeld. 700 Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Familien fängt sie mit ihrem Team auf – normalerweise. Jetzt musste sie wegen der Corona-Regeln viele wegschicken. Eine Katastrophe: "Der direkte Austausch ist so wichtig! Viele Familien fühlen sich im Stich gelassen."

Wir haben Kinder, die wohnen mit der Familie zu fünft auf 35 Quadratmetern, mussten dort in Quarantäne. Wir hatten Selbstmordversuche bei Kindern, die den Druck zu Hause nicht aushalten. Wie lösen wir all die Probleme, die sich jetzt so zuspitzen, Frau Giffey?

Ministerin Franziska Giffey: Ich verstehe Sie so gut! Ich habe 16 Jahre im Brennpunkt-Stadtteil Berlin-Neukölln unter anderem als Bildungsstadträtin und Bürgermeisterin gearbeitet. Und die Kinder, von denen Sie sprechen, vor Augen: ohne eigenes Zimmer, ohne eigenen Schreibtisch, manchmal sogar ohne eigenes Bett. Darum bin ich ja so eine Befürworterin von Öffnungsschritten. Wir haben zwar Hilfsangebote wie die "Nummer gegen Kummer" und das Elterntelefon, aber keine Hotline, kein Chat kann die persönliche Begegnung ersetzen. Diese Kinder haben das Recht auf Notbetreuung. Es gibt auch in den Schulen spezielle Lerngruppen, die geöffnet bleiben müssen. Pochen Sie darauf!

Tun wir. Aber in unserem Stadtteil waren die Notfall-Plätze teilweise komplett belegt. Als eine Schule mehr Kinder zulassen wollte, wurde sie vom Amt zurückgepfiffen. Wir haben zu viel Reglementierung. Jedes Kind ist anders!

Jedes bedürftige Kind braucht eine Fürsprecherin wie Sie, Frau Hofmann, die erklärt, kämpft, den Austausch mit den Einrichtungen sucht. Das ist so wichtig und toll, dass Sie das tun und dafür möchte ich Ihnen von Herzen Danke sagen

Und was sage ich verzweifelten Familien, die nichts mehr haben, den Kindern keine Winterjacke kaufen können – aber allein auf den Antrag für einen Überbrückungskredit vier Wochen warten müssen?

Kennen diese Familien wirklich alle Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten? Den Kinderzuschlag von bis zu 205 Euro pro Kind und Monat zum Beispiel oder das Bildungs- und Teilhabepaket, mit dem Kindern aus Familien mit wenig Einkommen oder aus Hartz IV-Familien kostenlose Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr, kostenloses Mittagessen und vieles mehr zusteht? Viele Angebote und Ansprüche sind weiter zu wenig bekannt, Millionen Euro werden nicht abgerufen, das macht auch mich nicht zufrieden. Da wollen wir besser werden.

Weil das alles zu kompliziert für die Leute ist! Wann kommt endlich das bedingungslose Grundeinkommen für Kinder?

Sie meinen wahrscheinlich die Kindergrundsicherung. Die will ich auf jeden Fall mit anschieben. Das wird aber erst etwas für die nächste Legislaturperiode. Im Kern geht es ja darum, alle Familienleistungen zu einer zusammenzubringen und einfacher zu machen. Das ist der finanzielle Teil der Unterstützung. Aber daneben braucht es auch eine gute Infrastruktur für Bildung und Betreuung – gute Kitas, gute Ganztagsangebote für Grundschulen. In der SPD habe ich an einem Konzept dafür mitgearbeitet.

Überfällig ist auch, dass in Schulen nicht nur Lehrer sitzen. Sondern auch Psychologen und Sozialarbeiter, jedes 3. Kind zeigt bereits Verhaltensauffälligkeiten. Wie wollen Sie die psychischen Belastungen sonst auffangen?

Sie haben Recht. Wir brauchen Schulstationen mit professioneller Schulsozialarbeit und auch Elterncafés. In meiner Neuköllner Zeit haben wir die an jeder Brennpunktschule eingerichtet. Aber das kostet: jede Station mindestens 100.000 Euro pro Jahr. Das muss man politisch wollen. Schulsozialarbeit ist auch jetzt in und dann nach der Pandemie wichtig. Gratis-Nachhilfe-Unterricht kommt dazu. Uns allen ist ja klar, dass wir nicht einfach da weitermachen können, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Der Tagesrhythmus der Kinder hat sich verändert – wir können nicht erwarten, dass sie einfach so weiter „funktionieren“. Wieder in den normalen Alltag zu finden, wird nicht leicht und sicher dauern. Aber es braucht da – wie überall – auch Zuversicht.

Zuversicht? Viele Familien verlieren gerade die Hoffnung!

Zuversicht, dass es auch wieder besser wird. Diese Zuversicht müssen wir Erwachsenen vermitteln. Und allen Kindern und Jugendlichen Zeit bei der Rückkehr in den Alltag lassen, wir dürfen nicht zu viel Druck machen. Kinder müssen vor allem wieder Spaß haben dürfen, Freunde treffen, unbeschwert sein können.

Neben Franziska Giffey musste sich auch schon Gesundheitsminister Jens Spahn unseren kritischen Leserinnen stellen: Jetzt reden wir – und Jens Spahn hört genau zu!

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