Aktualisiert: 20.10.2020 - 18:03

Verletzend und unnötig Kulturelle Aneignung an Halloween: Deshalb sollten Sie Ihr Kind nicht als "Indianer" verkleiden

Ganz gleich, wie niedlich es auch aussieht: Wählen Sie für Ihr Kind lieber ein anderes Halloween-Kostüm. Denn Indianer- oder Geisha-Verkleidungen sind Beispiele für kulturelle Aneignung.

Foto: iStock.com/PeopleImages

Ganz gleich, wie niedlich es auch aussieht: Wählen Sie für Ihr Kind lieber ein anderes Halloween-Kostüm. Denn Indianer- oder Geisha-Verkleidungen sind Beispiele für kulturelle Aneignung.

Was haben Indianer-, Geisha- und "Tag der Toten"-Kostüme gemeinsam? Genau – sie alle sind Beispiele für kulturelle Aneignung. Weshalb Sie an Halloween lieber ein anderes Kostüm wählen sollten.

Pinterest bietet Inspiration für jeden Bereich des täglichen Lebens – egal, ob Sie auf der Suche nach leckeren Rezepten sind oder Ihr nächstes DIY-Projekt planen. Auch für Halloween findet sich auf dem Portal natürlich massig Inspiration! Der alte irische Festtag wird mittlerweile weltweit gefeiert und weckt auch in Deutschland in vielen Menschen den Wunsch, sich kreativ zu verkleiden. Besonders beliebt, gerade bei Kindern: Indianer, Geisha, orientalische Prinzessin und ähnliche Kostüme.

Schon vor einiger Zeit ist Kritik an diesen Kostümierungen laut geworden. Letztes Jahr bat eine Kindertagesstätte aus Hamburg die Eltern darum, ihre Kinder nicht als Indianer zu verkleiden. Jetzt findet sich auch auf Pinterest ein Beitrag, in dem darum gebeten wird, von "kultureller Aneignung" abzusehen. Doch was ist das überhaupt und warum ist es schlimm? Deshalb sollten Sie Ihr Kind an Halloween nicht als Indianer und Co verkleiden!

(Der Begriff "Indianer" selbst ist hochproblematisch und wird in diesem Artikel nur deshalb genutzt, weil viele Halloween-Kostüme eben genauso tituliert werden. Auf die Problematik des Begriffs wird weiter unten noch einmal genauer eingegangen.)

Kulturelle Aneignung: Was ist das? Und was hat es mit Halloween zu tun?

"Kulturelle Aneignung" bedeutet kurz gesagt, dass sich diejenigen, die der dominierenden Mehrheitskultur angehören, an der Kultur von Minderheiten bedienen und diese vereinnahmen. Besonders heikel: Oft wurden Minderheiten gerade für ihre Zugehörigkeit zu dieser Kultur verfolgt und noch lange später deshalb diskriminiert. Für Merkmale, die ihre Zugehörigkeit zur Minderheitenkultur zeigten, wurden sie von der Mehrheit ausgegrenzt, ausgelacht und angegriffen. Dass die Mehrheitskultur die Kultur derjenigen, die sie so lange ausgegrenzt hat, jetzt benutzt, um sich auf Partys damit zu schmücken und daraus Vergnügen zu schöpfen, empfinden viele als ungerecht. Der Minderheit wird ihre Kultur "weggenommen", was einer weiteren Demütigung gleichkommt.

Viele kulturelle Merkmale, die in Halloween-Kostümen – genauso übrigens auch in Karnevals-Kostümen – verwendet werden, haben außerdem eine hohe religiöse Bedeutung, zum Beispiel der Federschmuck der indigenen Völker. Diese Merkmale für ein Halloween-Kostüm zu benutzen, empfinden viele Angehörige der jeweiligen Gruppe als Kränkung.

Mehrheitskultur bedeutet in diesen Zusammenhang übrigens nicht zwangsweise, dass es auf der Erde mehr Angehörige dieser Kultur gibt. Es kommt auf den Zusammenhang an. Es mag zwar weitaus mehr Chinesen als Deutsche geben – wer für eine Halloween-Feier in Deutschland ein Chinesen-Kostüm wählt, spielt aber meistens mit rassistischen Stereotypen und reiht sich ein in eine lange Kette rassistischer Diskriminierungen, die Immigranten in diesem Land oft erleben mussten und noch immer müssen.

"Wir sind eine Kultur, kein Kostüm"

Besonders eindrucksvoll adressiert eine Kampagne der Universität Denver das Problem der kulturellen Aneignung. Auf den Plakaten der "We’re a culture, not a costume"-Kampagne (deutsch: Wir sind eine Kultur, kein Kostüm) halten Studenten verschiedener ethnischer Abstammung Bilder von verkleideten Personen hoch, deren Kostüme ihre Kultur imitieren. Oft findet die Imitation auf verunglimpfende Art und Weise statt, die sich über die entsprechende Kultur lustig macht. So hält ein Student, der vermutlich aus dem Nahen oder Mittleren Osten stammt, ein Foto von jemandem hoch, der sich als Terrorist verkleidet hat.

Auf einer Version der Plakate prangt der Spruch: "Du denkst, es ist harmlos – aber du bist nicht die Zielscheibe". Damit weist die Kampagne auf einen wichtigen Aspekt hin. Selbst, wenn Sie vielleicht denken mögen, dass "doch nichts dabei" ist, sich als Indianer zu verkleiden, kommt es darauf gar nicht an. Es kommt darauf an, was jene denken und fühlen, deren Kultur durch derartige Kostüme imitiert wird. Ihnen sollte überlassen werden, zu beurteilen, ob die Verkleidungen harmlos sind oder nicht. Dazu ist natürlich zu sagen, dass es auch hier verschiedene Meinungen gibt – während die einen sich von solchen Kostümen verletzt fühlen, haben andere kein Problem damit. Allein die Kampagne beweist jedoch, dass diese Darstellungen sehr wohl für viele problematisch sind.

Kann ein Kostüm wertschätzend sein?

Natürlich ist nicht jedes Kostüm dermaßen unsensibel wie das oben erwähnte Terroristenkostüm. "Ich mache mich nicht über die Kultur lustig – ich wertschätze sie mit meinem Kostüm!" ist ein Statement, das in diesem Zusammenhang gerne fällt. Da stellt sich allerdings zwangsweise die Frage: Wirklich?

Nehmen wir beispielsweise das oben erwähnte Indianer-Kostüm. Zum einen ist der Begriff "Indianer" an sich bereits problematisch. Es handelt sich dabei um eine Fremdbezeichnung für die indigenen Völker Amerikas – diese stammt jedoch von den Kolonialisten, die Ureinwohner selbst haben eine solche Sammelbezeichnung nie verwendet. Kein Wunder: Gab es doch über 2.000 Stämme mit eigenen Bräuchen, Sprachen und Gewohnheiten, die durch eine solche Bezeichnung in einen Topf geworfen und unsichtbar gemacht werden. Übrigens: Nicht alle dieser Stämme trugen Federschmuck. Welchen Indianer-Stamm soll ein Kostüm genau darstellen und wie wird das erreicht? Jemand, der sich die Wertschätzung einer anderen Kultur auf die Fahne geschrieben hat, sollte diese Frage beantworten können.

In den meisten Fällen verkörpert eine billige Verkleidung mit der Bezeichnung "Indianer"-Kostüm inklusive Plastikfedern und –fransen leider vermutlich weder aufrichtiges Interesse noch Wertschätzung, sondern ist und bleibt einfach eine Imitation indigener Kulturen, die auf überkommenen Stereotypen basiert.

Absolutes No-Go: Blackface

Nicht nur an Halloween ist ein absolutes No-Go das sogenannte Blackfacing. Blackfacing bedeutet, dass eine weiße Person sich das Gesicht dunkel schminkt, um auf diese Weise eine Schwarze Person zu imitieren. Entstanden ist Blackfacing als eine Theaterpraxis in den USA im 18. Jahrhundert, hierbei wurde es für klischeehafte, belustigende Darstellungen Schwarzer Menschen benutzt.

Nach zahlreichen Diskussionen und Skandalen im Zusammenhang mit Blackfacing hat sich das Wissen darum, dass diese Praktik unangemessen ist, heute glücklicherweise weitgehend durchgesetzt. Selbstverständlich gilt das ebenso an Halloween! Das bedeutet nicht, dass Sie oder Ihr Kind sich nicht als Schwarze Personen des öffentlichen Lebens verkleiden dürfen – doch bitte sehen Sie von dunkler Gesichtsbemalung ab. Es gibt sicherlich weitaus kreativere Methoden, um zu vermitteln, wen Sie mit Ihrem Kostüm darstellen möchten.

Politisch korrekt? Ja, bitte!

Häufig fällt in Zusammenhang mit den Debatten um kulturelle Aneignung und Co der Vorwurf, man wolle doch nur politisch überkorrekt sein. Dabei sind die meisten vermutlich gar nicht darauf aus, vor einem imaginären Gericht einen Orden für politische Korrektheit zu erhalten. Es geht vielmehr darum, andere Menschen durch das eigene Verhalten nicht zu verletzen oder vor den Kopf stoßen zu wollen. An sich also eine gute Sache. Wenn diese auch noch politisch korrekt ist, was ist falsch daran?

Natürlich hat jeder eine andere Meinung zu oben genannten Kostümen. Vielleicht ist in der Kindergartengruppe Ihres Kindes gar niemand, der sich durch eine der genannten Verkleidungen verletzt fühlen könnte. Doch ist es selbst in diesem Fall nicht die bessere Wahl, Ihrem Kind kulturelle Sensibilität nahezubringen, indem Sie ihm vermitteln, dass manche Kostümierungen keine gute Idee sind, weil sie andere Leute verletzen? Vermutlich wird kein Kind das Halloween-Fest im Kindergarten weniger genießen, weil es nicht als Mexikaner gehen durfte – vorausgesetzt, Sie finden ein anderes, originelles Kostüm. Das dürfte alles andere als schwierig sein: Schließlich gibt es allein auf Pinterest Tausende andere, kulturell sensiblere Kostüme, die mit Sicherheit für ein Halloween-Kostüm mit Wow-Effekt sorgen!

Mehr rund um den irischen Festtag finden Sie auf unserer Themenseite Halloween! Wie wäre es zum Beispiel mit diesen 10 skurrilen Fakten: Wissen Sie, was ursprünglich an Halloween statt Kürbissen ausgehöhlt wurde? Für schaurige Stimmung sorgt auch das richtige Fernsehprogramm: Die Redaktion empfiehlt: Die besten Gruselfilme aller Zeiten! Und als TV-Snack eignet sich unser saftiger Kürbiskuchen amerikanischer Art ganz hervorragend!

Tolle Empfehlungen zur Adventszeit

Tolle Empfehlungen zur Adventszeit

Beschreibung anzeigen
Eine Marke der FUNKE Mediengruppe