Aktualisiert: 09.10.2020 - 21:11

Eine der letzten Überlebenden Sie hat Auschwitz überlebt: Ruth Klüger ist gestorben

Ruth Klüger bei ihrer Rede im Bundestag 2016. Am Dienstag ist die Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende im Alter von 88 Jahren gestorben.

Foto: imago images / Eibner

Ruth Klüger bei ihrer Rede im Bundestag 2016. Am Dienstag ist die Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende im Alter von 88 Jahren gestorben.

Die österreichisch-amerikanische Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger ist gestorben. Sie wurde 88 Jahre alt.

Die österreichisch-amerikanische Schriftstellerin, Auslandsgermanistin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger ist am Dienstag in ihrer Wahlheimat Kalifornien gestorben. Sie wurde 88 Jahre alt. Ruth Klüger ist vor allem bekannt für ihre Autobiographie "weiter leben", die sie 1992 im Alter von 61 Jahren veröffentlichte.

Von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" besprochen und hoch gelobt, verhalf "weiter leben" Ruth Klüger zu spätem Ruhm. Sie schildert darin ihre Kindheit als Jüdin im von den Nationalsozialisten besetzten Wien, den Aufenthalt in verschiedenen Konzentrationslagern, unter anderem Auschwitz, ihre Jugend im Nachkriegsdeutschland und ihre Emigration in die USA.

Doppelte Minderheitenrolle: Ruth Klüger ist gestorben

"Die Kriege gehören den Männern", schreibt Ruth Klüger in "weiter leben" – und brachte mit ihrem Buch zum ersten Mal eine weibliche Perspektive in den bis dato von Männern dominierten Holocaust-Diskurs ein. Konsequent richtet sie in "weiter leben" das Wort an ihre Leserinnen. Die Begründung dafür: Männer läsen sowieso nur von anderen Männern Geschriebenes.

Geschlechterfragen waren Ruth Klüger ein zutiefst wichtiges Anliegen, das sie nicht nur in ihren literaturtheoretischen Werken, sondern immer wieder auch in "weiter leben" und dem Nachfolgewerk "unterwegs verloren" thematisierte. Sie brachte zwei Dinge zusammen, die bis dahin in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zusammengehört hatten: die Diskriminierung von Juden und die Diskriminierung von Frauen. Für sie in ihrer doppelten Minderheitenrolle ließen sich diese Erfahrungen nicht trennen.

Streitbar bleiben

Was Ruth Klüger erlebt hatte, ließ sie sich nicht nehmen. Sie bestand auf dem Wahrheitsanspruch ihrer Autobiographie. Die Bezeichnung Roman für "weiter leben" lehnte sie ab, schließlich handelte es sich dabei keineswegs um eine erfundene Geschichte.

Ruth Klüger blieb stets streitbar. Sie verzieh es den Deutschen nie, was sie ihr und ihrer Familie angetan hatten. Sie ließ sich nicht versöhnen. Ihr ganzes Leben lang arbeitete sie sich an ihrer Vergangenheit ab. 2016 hielt sie anlässlich des 71. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eine Rede im Bundestag.

Ruth Klüger hält eine Rede im Bundestag

An andere richtete sie ähnliche Ansprüche: In "weiter leben" debattiert sie mit einem imaginierten Lesepublikum – und fordert von diesem ebenfalls, streitbar zu bleiben, zu hinterfragen, Mut zur Auseinandersetzung zu haben.

Eine Geschichte mit Happy End

Klüger weist in "weiter leben" selbst darauf hin, dass ihre Geschichte eine Geschichte mit Happy End sei – schließlich habe sie überlebt. Auch deshalb sei "weiter leben" so ein Erfolg gewesen. Und doch: Auf diese Geschichte könne der Leser sich nicht verlassen. Neben ihr rückten die Geschichten all jener in den Hintergrund, die es nicht geschafft hatten – die Millionen Geschichten jener, die in den Konzentrationslagern ermordet worden waren, die nicht das Glück gehabt hatten, zur Ausnahme zu werden.

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