Aktualisiert: 31.08.2020 - 21:23

Signalwirkung Gleichstellung im Stadtbild: Der Siegeszug der Ampelfrauen

Eine Ampelfrau in Köln-Ehrenfeld. Hier gibt es die Verkehrswächterinnen seit 2009.

Foto: imago/Manngold

Eine Ampelfrau in Köln-Ehrenfeld. Hier gibt es die Verkehrswächterinnen seit 2009.

In Deutschland gibt es sie, in Litauen ebenfalls und seit Kurzem auch in der indischen Metropole Mumbai. Deshalb setzen immer mehr Städte auf die Ampelfrau!

Die Old Cadell Road liegt an der Westküste der indischen Metropole Mumbai. Sie verbindet die Stadtteile Dadar und Mahin, zwei belebte, wuselige Bezirke mit vielen bekannten, religiösen Stätten. Etliche touristische und religiöse Sehenswürdigkeiten liegen direkt an der Old Cadell Road, beispielsweise der Siddhivinayak-Tempel, der der Hindu-Gottheit Ganesha gewidmet ist, der Shivaji Park, der größte Park der Stadt, oder Mahin Dargah, der Schrein eines Sufi-Gelehrten. Seit August gibt es auf der Old Cadell Road eine weitere Besonderheit: An den Ampeln, die den Verkehr an den Querstraßen regeln, sorgen jetzt Ampelfrauen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr!

Deshalb gibt es jetzt Ampelfrauen in Mumbai

Wie der SPIEGEL berichtete, wurden in Mumbai 240 Ampelmännchen durch Ampelfrauen ersetzt. Der Grund für den Austausch: Man wolle für mehr Gleichstellung der Geschlechter im Stadtbild sorgen. Dem Mumbai Mirror zufolge bekräftige die Existenz allein männlicher Ampelmännchen laut der Stadtverwaltung Mumbais geschlechtsspezifische Diskriminierung.

Was damit genau gemeint ist: Frauen sollen sich im Stadtbild stärker repräsentiert fühlen. Die Ampelfrauen sollen ausdrücken, dass die Stadt allen gehört – nicht nur den männlichen Bewohnern. Vielen mag sich die Dringlichkeit dieser Maßnahme nicht erschließen, schließlich gibt es, wenn es um fehlende Gleichstellung geht, genug andere Brandherde. Und ganz ehrlich: Die Anwesenheit einer Ampelfrau wird vermutlich niemanden am Ausüben sexualisierter Gewalt hindern.

Doch schlussendlich ist es mit dem, was wir sehen, genau wie mit dem, was wir hören und sagen: So wie Sprache unsere Realität formt, gewöhnen wir uns auch daran, überall immer nur männliche Figuren zu sehen. Die Botschaft, die dadurch suggeriert wird, ist klar: Diese Stadt ist für Männer gemacht. Vielleicht denken Sie sich jetzt: "Das ist doch nur eine Figur, ist doch egal, ob sie einen Rock trägt oder nicht" – aber drehen Sie die Situation mal gedanklich um: Wären plötzlich alle Piktogramme weiblich, wie viele Männer würden sich "mitgemeint" fühlen?

Auch in Deutschland gibt es Ampelfrauen

Indien ist nicht das erste Land, das die Ampelfrauen eingeführt hat. Der baltische Staat Litauen konnte 2018 auf 100 Jahre Frauenwahlrecht zurückblicken. Um dies zu zelebrieren, wurden in der Hauptstadt Vilnius an einigen Ampeln Ampelfrauen installiert. Deutschland war sogar noch früher dran: Bereits 2004 gab es in der sächsischen Stadt Zwickau die ersten Ampelfrauen, Dresden folgte 2005, Köln und Bremen zogen 2009 und 2010 nach.

Aufmerksamkeit erregte auch die Debatte um die Ampelfrauen in der bayerischen Stadt Sonthofen. Anlässlich des Weltfrauentags 2013 hatte man die Verkehrswächterinnen dort an einigen Ampeln eingeführt. Bereits einige Jahre später drohte jedoch schon wieder die Demontierung. Die Augsburger Allgemeine Zeitung berichtete über den Grund: Das weibliche Symbol widerspricht leider den aktuell gültigen "Richtlinien für Lichtsignalanlagen" des Bundesverkehrsministeriums. Laut diesem müssen Lichtsignale so schlicht wie möglich sein und dürfen keine störenden Elemente enthalten. Der Zopf und der Rock, die die Ampelfrau schmücken, sind offenbar einfach "too much". Und so kam es im Oberallgäu zum Kampf um die Ampelfrauen. Letztlich verlor Sonthofen sein Leuchtsignal der Gleichstellung – allerdings nicht offiziell. Man wolle sich stattdessen einfach um wichtigere Dinge kümmern, so ein Vertreter des Landrats.

Wie könnte eine frauenfreundliche Stadt aussehen?

Ob in Mumbai oder Sonthofen: Zweifelsohne sind Ampelfrauen eine schöne Geste. Natürlich reicht diese Geste allein aber nicht aus, um von einer frauenfreundlichen Stadt zu sprechen. Damit Frauen sich in einer Großstadt gesehen und mitgedacht fühlen, müssen viele grundlegende Dinge nachhaltig verändert werden.

Feministinnen bemängeln bereits seit Längerem, dass sich der Aufbau einer durchschnittlichen Großstadt eher an einer typisch männlichen als einer typisch weiblichen Lebensrealität orientiert. Heute nähern sich diese Realitäten zwar immer weiter an, dennoch gestaltet frauenunfreundliche Stadtplanung den Alltag vieler Frauen nach wie vor unnötig schwer: Das beste Beispiel dafür ist laut Leslie Kern, Geografie- und Geschlechterstudien-Professorin und Autorin des Buches "Feminist City", die Aufteilung von Städten in Wohn-, Markt- und Geschäftsviertel. Während viele Männer immer noch nur morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause fahren, pendeln Frauen tendenziell eher zwischen vielen verschiedenen Stationen. Sie gehen neben bezahlter Arbeit häufigen Haushaltstätigkeiten wie Einkaufen oder dem Chauffieren der Kinder nach und müssen dabei oft weite Wege zwischen den unterschiedlichen Vierteln zurücklegen. Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Nerven.

Ein weiterer Aspekt, den Leslie Kern anspricht, ist, dass Frauen häufiger auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind als Männer. Diese sind aber nur allzu oft alles andere als frauenfreundlich: Fehlende oder kaputte Aufzüge stellen Frauen mit Kinderwagen vor ein kaum überwindbares Hindernis, schlecht beleuchtete, unbelebte Bahnstationen hingegen sind ein echtes Sicherheitsrisiko.

Nicht nur in Sonthofen gab es Streit um die Ampelfrau, weil sie gegen das Verkehrsrecht verstößt. Auch in Sachsen-Anhalt kam es zu Diskussionen. Weniger streng ist man hingegen in Emden, der Heimatstadt von Otto Waalkes: Hier gibt es seit 2019 ein Otto-Waalkes-Ampelmännchen! Und auf dem Elbdeich sollen jetzt Piktogramme klarstellen, dass Schafe auf dem Deich immer den Vortritt haben.

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