07.07.2020 - 21:32

Stillkontroverse Langzeitstillen: Abstoßend oder empfehlenswert?

Viele Mütter entscheiden sich für das Langzeitstillen. Sie stillen ihr Baby nicht nur als Säugling, so wie hier, sondern auch noch im Kleinkind- oder Kindesalter.

Foto: iStock / miodrag ignjatovic

Viele Mütter entscheiden sich für das Langzeitstillen. Sie stillen ihr Baby nicht nur als Säugling, so wie hier, sondern auch noch im Kleinkind- oder Kindesalter.

Die meisten Mütter hören nach einem halben Jahr mit dem Stillen auf. Doch nicht alle: Andere entscheiden sich für das Langzeitstillen – teils über mehrere Jahre hinweg. Ein Thema, das häufig für Diskussionen sorgt...

Können Mütter überhaupt irgendetwas richtig machen? Wer sich die erhitzten Debatten rund um Kita oder Karriere antut, muss gezwungenermaßen zu dem Schluss kommen: nein. Egal, worum es geht: Meistens werden Mütter entweder als Raben- oder als Helikoptermutter dargestellt. Einen Mittelweg scheint es nicht zu geben.

Wenigstens bei einer Sache scheinen sich die meisten einig zu sein: Stillen ist gesund. In der Tat: Muttermilch stärkt das Immunsystem des Babys, beugt Krankheiten wie Krebs oder Diabetes vor und schützt vor Adipositas. Außerdem liefert sie sämtliche Nährstoffe, die ein Baby in den ersten Lebensmonaten braucht. Deshalb sollten Mütter ihrem Baby die Brust geben – so der gesellschaftliche Konsens. So weit, so gut. Das bedeutet aber längst nicht, dass Stillen durchweg positiv konnotiert wäre – nur dann, wenn man es richtig macht. Und "richtig", das bedeutet in diesem Fall nicht nur unauffällig und versteckt, sondern auch bloß nicht zu lang. Kein Wunder, dass das Thema Langzeitstillen polarisiert wie kaum ein anderes…

Wie lang dauert eigentlich Langzeitstillen?

Stillen ist normal. 2006 fand die vom Robert-Koch-Institut geförderte KiGGS-Studie heraus, dass über 80 % aller Mütter in Deutschland stillen. Meist hören sie aber vor dem 1. Geburtstag ihres Kindes wieder damit auf: Die durchschnittliche Stillzeit betrug 7,5 Monate. Dafür, dass nicht länger gestillt wird, gibt es verschiedene Gründe: Oft macht der Wiedereinstieg ins Berufsleben das Abstillen notwendig. Manchmal freut sich die Mutter auch einfach darüber, sich wieder ein Stück Unabhängigkeit zurückzuerobern. Und dann ist da ja auch noch die Gesellschaft…

Bereits Mütter, die ihre Kinder länger als ein halbes Jahr stillen, sind oft komischen Blicken oder unsensiblen Fragen ausgesetzt. Ganz zu schweigen von Müttern, die sich für das Langzeitstillen entschieden haben. Ein Kind stillen, das bereits laufen und sprechen kann? Das kommt vielen merkwürdig, wenn nicht gar anstößig vor. Eine Wahrnehmung, an der die sexualisierte Sicht auf die weibliche Brust, der zufolge diese zu allem da ist außer ihrer evolutionären Hauptaufgabe, dem Stillen, nicht ganz unschuldig ist. Und doch gibt es sie – die Mütter, die sich über das gesellschaftliche Tabu hinwegsetzen und ihre Kinder 3, 4 oder auch mal 7 Jahre lang stillen.

Diese Vorwürfe bekommen Mütter, die langzeitstillen, zu hören

Ein Argument vieler Mütter: Warum sollte das, was dem Baby in den ersten Lebensmonaten guttut, später schädlich für das Kind sein? Viele sagen aus, zu merken, dass ihr Kind das Ritual brauche und genieße. Gegner des Langzeitstillens sehen das anders und konfrontieren Mütter, die sich für das Langzeitstillen entschieden haben, mit heftigen Vorwürfen.

Jade Beall ist Fotografin und Body-Positivity-Aktivistin. Sie fotografiert besonders viele Mütter. Außerdem ist Jade Beall bekennende Langzeitstillerin:

Die Mütter werden beschuldigt, ihre Kinder nicht aus deren Bedürfnis heraus zu stillen, sondern weil sie selbst die Nähe zum Kind zu sehr genössen und nicht loslassen könnten. Kritiker warnen vor negativen Folgen für die Kinder, die zu lange an der mütterlichen Brust hängen: Das Langzeitstillen mache die Kinder abhängig und unselbstständig, es binde sie zu eng an die Mutter. Weiterhin sei es schädlich, das Kind auch dann noch zu stillen, wenn es bereits alt genug sei, sich später daran zu erinnern: Es würde den Stillvorgang zu etwas machen, was den Kindern später peinlich sei und die Beziehung zwischen Mutter und Kind nachhaltig schädigen. Manche gehen sogar so weit, den Müttern Kindesmissbrauch vorzuwerfen.

All diese Anfeindungen und Anschuldigungen zeigen mehr als deutlich: Langzeitstillen ist in unserer Gesellschaft definitiv nicht akzeptiert!

Langzeitstillen: Was sagen die Experten?

Die Reaktionen, denen Mütter, die langzeitstillen, ausgesetzt sind, mögen manch einen verwundern – schließlich stehen diverse Experten dem Langzeitstillen weitaus aufgeschlossener gegenüber. So rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beispielsweise dazu, die Kinder auch nach dem sechsten Lebensmonat weiterhin zu stillen – bis zum "Alter von zwei Jahren und darüber hinaus". Selbstverständlich müsse ab 6 Monaten zusätzlich andere Nahrung beigefüttert werden. Interessant: Eine Altersgrenze, ab der das Stillen nicht mehr erlaubt ist, fehlt hier. Ebenso bei der Nationalen Stillkommission, die darauf hinweist, dass "Mutter und Kind die Stilldauer bestimmen". Auch die American Academy of Pediatrics empfiehlt "ein Jahr oder länger zu stillen", die Stilldauer solle dabei von Mutter und Kind gemeinsam bestimmt werden.

Übrigens: Auch, wenn es manch einem so vorkommen mag: Langzeitstillen ist keineswegs ein neuer Trend. Tatsächlich wird in den meisten Kulturen länger gestillt – und das nicht erst seit gestern, wie archäologische Funde von Kinderknochen belegen. Wussten Sie, dass sogar in religiösen Schriften wie der Bibel oder dem Koran auf das Stillen Bezug genommen wird? Der Koran empfiehlt eine Stilldauer von zwei Jahren. In der hebräischen Bibel variiert die Empfehlung je nach Quelle, meistens ist von 18 Monaten bis zu 3 Jahren die Rede. Berücksichtigt man alle Kulturen dieser Erde, ist von einer weltweiten Durchschnittsstilldauer von 30 Monaten auszugehen!

Fazit: Langzeitstillen? Entscheidung von Mutter und Kind

Ob das Langzeitstillen über einen Zeitraum von 6 bis 12 Monaten hinaus wirklich noch gesundheitliche Vorteile für das Kind bringt, ist umstritten. Es ist aber wahrscheinlich auch nicht schädlich. Wichtig ist, dass die Entscheidung, weiterhin zu stillen, nicht nur von der Mutter ausgeht, sondern mit dem Kind gemeinsam getroffen wird. Wenn das Kind hingegen keine Lust mehr hat, gestillt zu werden, sollte die Mutter diesen Wunsch akzeptieren und das Kind dabei unterstützen. Es gibt also keinen logischen Grund, das Langzeitstillen per se zu verteufeln – außer den, dass die Wenigsten von uns frei von gesellschaftlichen Normen und Prägungen sind.

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Quellen: brigitte.de, welt.de, kinder-verstehen.de, medela.de, focus.de, who.int, bfr.bund.de, pediatrics.aappublications.org, bibelwissenschaft.de, rki.de

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