Aktualisiert: 13.06.2020 - 21:22

Weder nur Mann noch nur Frau Als nichtbinäre Person wurde ich schon "genderverwirrter Idiot" genannt

Alexander Hölzl ist 42 Jahre alt, weder nur Mann noch nur Frau, aber mit männlichen und weiblichen Attributen ausgestattet. Ein Erfahrungsbericht aus dem Leben einer nichtbinären Person.

Foto: Visual Kings

Alexander Hölzl ist 42 Jahre alt, weder nur Mann noch nur Frau, aber mit männlichen und weiblichen Attributen ausgestattet. Ein Erfahrungsbericht aus dem Leben einer nichtbinären Person.

Glücklich zwischen den Geschlechtern leben: Das ist es, was Alexander Hölzl will. Warum das Leben als nichtbinäre Person dennoch nicht immer einfach ist, erzählt der/die 42-Jährige im Interview.

"Nichts ist nur männlich oder nur weiblich. In jedem Menschen stecken sowohl die einen als auch die anderen Anteile", sagt Alexander Hölzl, 42 Jahre alt und mit Attributen beider Geschlechter versehen. "Nicht nur mein Geist, auch mein Körper hat sich immer gegen das Leben als Mann gewehrt", erzählt er oder vielmehr sie BILD der FRAU gegenüber. Wobei der Artikel – ob männlich, ob weiblich – letztlich auch gar nicht so wichtig ist, denn in Schubladen pressen lassen will sich Alexander Hölzl nicht mehr. Ein Leben abseits der klassischen Geschlechteraufteilung: Interview mit einem nichtbinären Menschen.

Alexander Hölzl ist nichtbinär: Anrede als Herr oder Frau? Egal

"Ich bin ein 42-jähriger, non-binary lebender Mensch aus Leonding, Oberösterreich", steigt Alexander Hölzl in das Interview ein. Womit sich gleich der erste springende Punkt aufdrängt: Wer mit nichtbinären Personen bislang kaum Erfahrungen gesammelt hat, wird sich fragen, wie denn wohl die korrekte Anrede lautet: Herr? Frau? Ganz anders? "Ich kann es nicht erzwingen, ob ich als Frau oder als Mann gelesen werde", sagt Alexander Hölzl, die Fremdwahrnehmung beruhe auf Faktoren wie Körperform, Körpersprache und Stimme.

"Deswegen ist mir die Anrede nicht so wichtig, auch wenn in meinem Pass mittlerweile ein 'F' steht und ich vor dem Gesetz eine Frau bin." Den männlichen Namen hat sie behalten, "wobei Alex ohnehin unisex ist". Wer sich die Freiheit nehme, frei von Gender-Stereotypen zu leben, gestehe eben auch jedem Menschen das Recht zu, die Ansprache ihr gegenüber so zu wählen, "wie er mich sieht bzw. empfindet".

"Eine weibliche Seele in einem männlichen Körper"

"Ich bin eine weibliche Seele, die in einem männlichen Körper zur Welt kam und der man durch Erziehung, Kindergarten, Schule und Pubertät eine Rolle aufzwingen wollte, die ich dauerhaft nicht erfüllen konnte" – so beschreibt Alex den Zustand, in dem sie sich befindet. Warum die Bezeichnung nichtbinär dennoch passt, auch wenn sie von weiblichen und männlichen Anteilen spricht? "Weil ich eine Realistin bin und die männliche Pubertät nicht ungeschehen gemacht werden kann. Sie ist ein Teil von mir. Die jahrelange gesellschaftliche und kulturelle Indoktrinierung des 'Mannseins' hinterlässt Spuren, die sich tief in die eigene Identität eingebrannt haben."

Das Geschlecht, sagt Alexander Hölzl, sei für sie eine Symbiose aus Körper und Geist: "Auch wenn ich mich als weibliches Wesen identifiziere, bin ich keine Frau. Ich kann keine Periode bekommen, nicht schwanger werden und keinen weiblichen Orgasmus empfinden." Keine Gesichtsfeminisierung, Stimmband-Straffung, Brustvergrößerung oder operative Geschlechtsangleichung – kurz: kein Eingriff könnte daran je etwas ändern.

Frauen dürfen sich männlich geben, aber Männer, die ihre weibliche Seite zeigen: undenkbar

Dass irgendwas anders ist als bei den anderen, hat Alex schon als Kind festgestellt: Sie – damals noch er – sei "alles andere als ein typischer Junge" gewesen. "Es war hart, ständig zu hören, dass ich mich, nur aufgrund meines geborenen Geschlechts, nicht für gewisse Sachen und Kleidung interessieren darf. Wenn man das immer wieder eingetrichtert bekommt, von den eigenen Eltern, den Kindergärtnerinnen, den Lehrern, den Mitschülern, den Medien, dann beginnt man, sich für die eigenen Gefühle, Interessen und Neigungen zu schämen."

Mädchen hätten diese Limitationen nicht, dürften alle Farben tragen, Hosen anziehen und Pirat spielen. "Wenn aber ein Junge eine Prinzessin sein will oder sich für Kleider begeistert, geht die Welt unter", ereifert sich Alex. Die fehlende Gleichberechtigung beginnt mit dieser Ungleichbehandlung, sagt sie – und sie hält an. Denn gerade Frauen hätten ein Problem mit nichtbinären Menschen, obwohl sie sich so maskulin geben dürfen, wie sie wollen, sich nach Lust und Laune am Kleiderschrank des anderen Geschlechts bedienen, kurze Haare, kein Make-up, Hosen und flache Schuhe tragen können, "ohne deswegen als Crossdresser oder Transvestit beschimpft zu werden".

Männer hingegen sollen nach altertümlichen Stereotypen leben. "Erfüllt man das nicht, gilt man als abartig, schwul bzw. tuntig und wird allerhöchstens als Kumpeltyp toleriert, kommt aber als Sex- und Lebenspartner nicht infrage. Make-up und Kleider sehen Frauen als ihr Exklusivrecht, sie zeigen keinerlei Verständnis, wenn sich Mann dafür interessiert."

Eine Befreiung, endlich so leben zu können? Ja

Nicht nur der Geist, auch der Körper hätten sich immer gegen das Leben als Mann gewehrt, sagt Alex: "Mein Körper produziert sehr viel natürliches Östrogen, so dass eine weibliche Hüfte, Taille und ein Busen entstanden, ganz ohne Hormontherapie. Ich hab auch keine Haare auf der Brust, sehr wenig Bartwuchs, eine weibliche Körperbehaarung und Fettverteilung." Früher habe sie das durch gezieltes Krafttraining wegtrainiert – heute, sagt sie, genießt sie ihren Körper: "Ich liebe meine langen Haare, schminke mich, wenn ich Lust habe und trage die Kleidung, die zu meiner Figur passt – ganz egal, ob sie in der Männer- oder Frauenabteilung zu finden ist."

Emotionen leben, auf die Gefühle hören, weinen, Angst zulassen können: "Es ist unbeschreiblich befreiend, nicht ständig stark sein zu müssen, nicht über alles die Kontrolle zu haben, kreativ und verrückt sein zu dürfen. So viele Männer schreiben mir jede Woche, dass sie mich für meine Freiheit beneiden, während sie ein heimliches Doppelleben führen und den Ausgleich in Fake-Identitäten im Internet, Fetischen und Dominas suchen." Auferlegte Rollenbilder seien es, die Menschen einschränken und krankmachen. "Besonders die Männer, die noch viel stärker in ihrer Welt gefangen sind."

... und nein, weil die Welt drumherum damit nicht zurechtkommt

Doch seit Alex Hölzl in einer Gender-Kampagne wöchentlich auf den Social Networks über ihr nichtbinäres Leben berichtet, sich schminkt und femininer kleidet, reagiert das Umfeld eher ablehnend: "Die meisten meiner Freunde haben sich von mir abgewandt", erzählt sie bedauernd. Und: "Der Großteil meiner Familie denkt, ich habe ein psychisches Problem oder eine Midlifecrisis, und auch viele regionale Kunden haben deswegen die Zusammenarbeit mit meiner Firma gekündigt."

In ihrer Heimatstadt, in der Alex auch politisch aktiv war, sei sie früher vor jeder Gemeinderatsitzung ermahnt worden, sich korrekt zu kleiden, also im Anzug zu erscheinen. Und bei Wahlen innerhalb der Wirtschaftskammer, einer österreichischen Interessenvertretung, in der sie für ihre Branche zuletzt an der Spitze der Funktionäre saß, sei sie bei den letzten Wahlen als Spitzenkandidat/in schlichtweg übergangen worden.

Anfeindungen? Sind leider an der Tagesordnung

Das Unbekannte, Neue, das Aufbrechen tradierter Gesellschaftsformen macht Menschen oft hilflos und ängstlich, manchmal sind sie ratlos und überfordert. Doch in diesem Fall geht es darüber auch hinaus: "Die Verweigerung binärer Geschlechterrollen macht manche Leute richtig aggressiv", berichtet Alexander Hölzl. Als "genderverwirrter Idiot" sei sie schon bezeichnet worden, sie solle doch besser "die Fresse halten“, aus ihrer Heimat verschwinden – sogar, dass Freaks wie sie vergast gehören, musste sie sich schon anhören. Das habe auch zur Folge, dass ihre Expertise öfter hinterfragt und ihr Wissen angezweifelt werde.

Dabei gehe es doch nur darum, dass Gender keine Binarität, sondern ein Spektrum ist, "wie auch aktuelle wissenschaftliche Studien belegen", betont Alex. DNA und Chromosomen seien längst nicht komplett entschlüsselt, "wieso also weigern sich so viele daran zu glauben, dass es mehr zwischen Mann und Frau gibt?"

Auch Morddrohungen habe sie in den letzten Jahren erhalten – sie sei eine Schande für ihre Eltern. "Auch wenn es nur Einzelfälle sind: Die Liste der Angriffe, Übergriffe und Diskriminierungen ist mittlerweile lang", sagt die 42-Jährige. "Es ist schrecklich, wie hasserfüllt die Gesellschaft geworden ist."

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Auch Sam Smith hat sich als nichtbinär geoutet. Der Sänger ließ seine Follower über Instagram wissen, dass er nicht mehr mit einem männlichen Pronomen bezeichnet werden möchte. Erst kürzlich hat Model und Schauspielerin Cara Delevingne verkündet: "Ich werde immer pansexuell bleiben" . Das heißt, dass für sie bei der Partnerwahl Geschlechter und Geschlechtsidentitäten keine Rolle spielen.

In Sachen Geschlechtergleichstellung ist noch viel zu tun. Ein Lichtblick war die in Deutschland 2017 eingeführte Ehe für alle: Ein kleiner Schritt weg von Diskriminierung. Immerhin. Aber noch längst nicht das Ende eines langen Weges.

Noch viel mehr interessante Interviews, zum Beispiel über eine kunterbunte Regenbogenfamilie, haben wir auf unserer Themenseite für Sie gesammelt.

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