27.05.2020 - 18:07

Psychologe gibt Tipps Wie man mit Verschwörungstheoretikern in der Familie umgeht

Verschwörungstheorien können im Familienalltag zu Konflikten führen.

Foto: iStock/PeopleImages

Verschwörungstheorien können im Familienalltag zu Konflikten führen.

Viele Menschen setzen in Zeiten von Corona auf Verschwörungstheorien. Was ist, wenn ein Familienmitglied daran glaubt? Ein Psychologe gibt Tipps.

Seit Wochen ist das Zusammenleben und der Alltag von Millionen Menschen durch die Corona-Pandemie auf den Kopf gestellt. Mittlerweile gibt es zwar wieder deutliche Lockerungen, doch bis vor Kurzem noch durften Verwandte und Freunde sich nicht treffen, Geschäfte und Restaurants mussten schließen und Reisen wurden gänzlich untersagt.

Durch diese Ausnahmesituation sind zuletzt vor allem Menschen in den Fokus getreten, die gegen die Einschränkungen des Staates sind und nicht zuletzt daran glauben, dass die Pandemie und ihre Auswirkungen von langer Hand geplant gewesen seien. Die Rede ist von Verschwörungstheoretikern. Sie haben oft krude Ideen und Vorstellungen, glauben zum Beispiel an Zwangsimpfungen oder daran, dass "Microsoft"-Gründer Bill Gates allen Menschen Mikrochips implantieren lassen will.

Schon mit fremden Menschen darüber zu diskutieren, fällt schwer. Doch was ist, wenn Verschwörungstheoretiker in der eigenen Familie sind? Wie geht man mit nahen Verwandten um, die sich ihre höchsteigene – zumeist seltsame Meinung — zur Ausbreitung des Coronavirus gebildet haben?

Verschwörungstheoretikern in der Familie: Psychologe gibt Tipps

Es ist definitiv kein leichtes Unterfangen, weiß Thomas Dürst. Der Diplom-Psychologe aus Berlin arbeitet auch während der Corona-Pandemie mit Menschen zusammen, die unter den Folgen der Krise leiden. "Aus meiner Erfahrung neigen eher labile, ängstliche Menschen zu Verschwörungstheorien", sagt er. "Corona ist nicht so handhabbar wie andere Krisen oder Hürden im Leben." Schließlich sei das Virus nicht sichtbar und es sei unklar, ob man überhaupt Symptome bekomme. "Die unsichtbare Gefahr wirkt bedrohlich und viele empfinden deshalb Kontrollverlust."

Weder Virologen noch Politiker kannten das Virus zu Beginn der Pandemie wirklich gut. Auch deshalb mussten sie Informationen und Regelungen den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft anpassen. Widersprüchliche Informationen und ein Hin-und-Her in der Corona-Strategie seien deshalb "ein guter Nährboden für Verschwörungstheorien, weil noch keine einheitlichen Erklärungen für das Virus greifen", so der Diplom-Psychologe. Auch spannend: Thomas Dürst hat in einem Interview Tipps für Psychisch Erkrankte in Quarantäne gegeben.

"Verschwörungstheorien wirken der Angst entgegen"

"Ich sehe es durch meine tägliche Arbeit so: Der Mensch sehnt sich nach Ursachenerklärungen. Denn damit können auch Verantwortung und Schuld leichter zugewiesen werden. Das wiederum führt zur Beruhigung labiler Menschen. Verschwörungstheorien sind eine Möglichkeit der Strukturierung in Zeiten von Corona und wirken für viele der Angst entgegen", sagt Dürst. Denn sowohl die medizinische als auch die wirtschaftliche Situation könnten als Bedrohung wahrgenommen werden.

Doch wie verhalte ich mich zum Beispiel, wenn der Partner, der Vater, die Mutter oder die Großeltern an Verschwörungstheorien glauben? Eines macht wenig Sinn: mit Druck an die Person heranzutreten. Der Diplom-Psychologe erklärt: "Voll gegen die Ideologie zu argumentieren, könnte zu einer größeren Bedrohung für das Familienmitglied werden und Verschwörungstheorien sogar noch festigen."

Es hänge davon ab, wie die Familie im Alltag miteinander kommuniziere. Vor allem bei einer angespannten familiären Situation könnte es schwer werden, weiß der Diplom-Psychologe: "Fronten verhärten sich vor allem dann, wenn wenig konstruktive Kommunikation möglich ist. Und diese Fronten könnten bei verkrusteter Struktur noch stärker werden." Anders sehe es bei Familien aus, die vernünftig miteinander kommunizieren. Dann könne man versuchen, innerhalb der Familie das Gespräch zu suchen.

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Verständnis aufbringen, Interesse zeigen

Wie aber kommuniziert man richtig? "Es hilft, folgende Grundhaltung einzunehmen: Jeder Mensch mit einer Verschwörungstheorie hat einen Grund und eine gewisse Motivation, warum er daran glaubt. Ein guter Gesprächseinstieg, der zu wenig Stress führt: Bringen Sie Verständnis auf, interessieren Sie sich dafür, warum zum Beispiel der Großvater auf diese Ideen kommt", erklärt Dürst. Oft seien es biografische Gründe, die dazu führen, dass Menschen sich in Verschwörungstheorien wiederfinden würden, zum Beispiel Freiheitsentzug, der Jahrzehnte zurückliegt. Die Kontaktverbote in Corona-Zeiten würden Ängste von früher wieder aufleben lassen – und der Nährboden für die Verschwörungstheorie wäre geschaffen.

Wie sich unser Leben positiv durch Corona verändern könnte, lesen Sie hier.

Oft sind die Geschichten hinter den obskuren Ideen spannend, sagt Dürst. "Interesse für den Grund der Verschwörungstheorie aufzubringen, ist eine gute Gesprächsgrundlage, weil es keinen direkten Vorwurf gibt wie ‚Was liest du denn da wieder für einen Mist?’ Man muss die Meinung ja nicht teilen. Aber man kann das Gespräch zum Beispiel eröffnen mit: ‚Es wundert mich schon, wie du darauf kommst. Sag doch mal, wie kommst du zu solchen Überlegungen?‘"

Damit werde das Interesse an der Person signalisiert und außerdem Neutralität gewahrt. Der Blick hinter die Fassade kann oft tiefere Erkenntnisse hervorbringen. Oft kriege man im Gesprächsverlauf mit, dass gerade sensiblere Menschen doch noch mehr Ängste aus der persönlichen Lebensgeschichte heraus hätten als vermutet – und dass das größte Problem nicht Corona und auch nicht die Verschwörungstheorie an sich sei.

Psychotherapie nur in Ausnahmefällen vorschlagen

Wie geht man am besten auf diese Ängste ein? Hilft es gar, der Person eine Psychotherapie vorzuschlagen? "Ich würde mich damit eher zurückhalten, weil es als ein Angriff auf die eigene Überzeugung interpretiert werden könnte", sagt Thomas Dürst. Anders sieht es dagegen aus, wenn der Diskussionspartner im Gespräch eine Tür öffnet.

Dürst: "Manchmal erkennt derjenige im Dialog zum Beispiel: 'Jetzt wo ich über alles spreche, bin ich von der Theorie doch nicht mehr so überzeugt. Ich habe einfach wahnsinnige Angst.‘ Dann könnte man vorschlagen, sich mit professioneller Unterstützung helfen zu lassen. Aber das ist in Familien eher die Ausnahme."

Es kann in Familien also durchaus helfen, das Gespräch zu suchen, um dem Grund von Verschwörungstheorien auf den Grund zu gehen. Wichtig ist das gegenseitige Verständnis – und vielleicht führt das dann wirklich dazu, dass so manche Idee noch einmal überdacht wird.

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