Aktualisiert: 04.05.2020 - 20:22

Infektionen und Covid-19 Coronavirus: Warum gibt's in Ostdeutschland so wenige Fälle?

Im Osten Deutschlands gibt es weit weniger Corona-Fälle als in anderen Bundesländern. Woran liegt das und sind die Lockerungen daher gerechtfertigt? Denn was eigentlich für Familien gedacht ist, wird sicher umfassender genutzt.

Foto: imago images / Bernd März

Im Osten Deutschlands gibt es weit weniger Corona-Fälle als in anderen Bundesländern. Woran liegt das und sind die Lockerungen daher gerechtfertigt? Denn was eigentlich für Familien gedacht ist, wird sicher umfassender genutzt.

Beim Blick auf die Bundesländer fällt auf: Im ehemaligen Osten der Republik gibt es im Vergleich etwa mit NRW oder Bayern viel weniger Coronavirus-Fälle. Woran liegt das? Und verspielt man diesen Vorsprung mit zu starken Lockerungen?

Epidemiologen und Virologen, allen voran Christian Drosten, sind sich einig: Je mehr Zeit vergeht, desto mehr wird Deutschland in Sachen Corona "durchmischt". Gibt es jetzt noch einzelne Infektions-"Hot-Spots", wird sich die Zahl der Infizierten irgendwann weiter verteilen. Doch beim Blick auf die aktuellen Zahlen fällt auf: In den östlichen Bundesländern sind weniger Menschen vom Coronavirus betroffen als in den westlichen Ländern. Ausnahme: Berlin.

3 Thesen: Darum ist Ostdeutschland weniger vom Coronavirus betroffen

Egal, ob der Blick auf die absoluten Zahlen oder auf die Infektionszahlen pro 100.000 Einwohner fällt: Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verzeichnen weit weniger Coronavirus-Fälle als beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Bayern. Woran das liegt, hat die Deutsche PresseAgentur (dpa) bei Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen erfragt. Seine Anwort: "Es kommen schon immer mehrere Aspekte zusammen":

  • 1. These: Ausbreitung vor allem über jüngere Menschen – Sind Menschen weniger mobil und bleiben eher zuhause, könnte das die Virusausbreitung entschleunigen: "Wir gehen oft in erster Linie davon aus, dass Alter ein Risikofaktor für schwere Erkrankungen ist", sagt Zeeb der Deutschen Presse-Agentur. "Das stimmt auch, aber die Ausbreitung ist zu Beginn wahrscheinlich tendenziell vor allem über jüngere Menschen erfolgt, über Reisende." Wenn gar nicht erst Virus eingetragen werde, wirke das auch "protektiv" für die möglicherweise ansonsten schwerer betroffene Gruppe.
  • 2. These: Niedrige Bevölkerungsdichte – Oft werden Scherze über leere Landstriche im Osten gemacht. Die Abwanderung macht sich auf dem Land stark bemerkbar. "Gerade Mecklenburg-Vorpommern fällt mit niedrigen Zahlen auf: Ein Bundesland mit sehr geringer Bevölkerungsdichte und viel ländlicher Struktur." Das Ganze sei aber nicht so einfach schwarz und weiß zu beschreiben. Bremen etwa habe trotz hoher Bevölkerungsdichte wenig Fälle. Große Feste wie Karnevalsveranstaltungen, die ein echter Virenherd werden können, gibt es im Westen Deutschlands häufiger. "Solche Feste und Zusammenkünfte moderieren und verändern das Krankheitsgeschehen eindeutig", bestätigt Zeeb.
  • 3. These: Finanzielle Gründe – weniger Geld fürs Reisen: Ein Hauptgrund für anfangs explodierende Infektionszahlen etwa in Bayern, Baden-Württemberg oder Hamburg ist Zeebs Meinung nach auch das Reisen (Stichwort Ischgl). Im Osten seien solche Berichte seltener. "Das Reiseziel hat ja durchaus auch etwa mit dem sozioökonomischen Status des Reisenden zu tun", erklärt er mit Blick auf die im Osten durchschnittlich geringeren Gehälter: "Ausführliche Winterurlaube können besonders Leute machen, die ausführlich Geld haben."

Außerdem spiele die frühzeitige Prävention eine große Rolle. Denn als die ersten Fälle da waren und die ersten Maßnahmen zum Eindämmen der Epidemie beschlossen wurden, hatte es in den östlichen Bundesländern noch kaum Fälle gegeben – erneut Berlin ausgenommen. Ein Glücksfall, sagt Zeeb: "Das ist ja das Optimale, wenn man Prävention früh genug einführt, damit eben nichts passiert."

Lockerungen in Sachsen-Anhalt: Trotzdem zu viel, zu früh?

Dass nun in der Bevölkerung vermehrt der Schrei nach Lockerungen der Beschränkungen laut wird, ist dabei normal: Es ist ja schließlich nichts passiert. Charité-Virologe Christian Drosten nennt das ein "Präventionsparadox".

In Sachsen-Anhalt dürfen sich nun statt nur zwei, gleich fünf Personen treffen, die nicht in einem Haushalt leben. Kein anderes Bundesland geht einen so drastischen Schritt nach vorn. Warum? Familiäre Bindungen: Man wolle "die Familie einschließlich der direkten Linie nach unten und oben" wieder zusammenkommen lassen, erklärte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in einer Pressekonferenz., "also Tochter oder Großeltern". Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) sprach davon, dass "Besuche von Enkelkindern bei Großeltern" ebenfalls wieder erlaubt sein sollten – was kritisch gesehen dagegen spricht, gerade die Risikogruppe vor Infektionen zu schützen. Aber mehr nicht: "Mehrere Hausstände dürfen nicht zusammen kommen, sonst wird es eine Fete", sagte Haseloff. Ob sich das einhalten lässt und nicht mehrere "Klein-Feten" hintereinander daraus werden, müsse man sehen.

In anderen Bundesländern im Osten des Landes wird ähnlich argumentiert, nur ohne konkrete Daten. Jedoch geben die Landesregierungen zu verstehen, gehe das nur mit "Sicherheitspuffer" (freie Intensivbetten) und mit der Möglichkeit, die Schritte schnell wieder rückgängig machen zu können, sollten die Infektionszahlen nun ansteigen.

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Tuberkulose-Impfung? "Nicht belegt"

Übrigens gibt es noch eine weitere Theorie, warum der Osten scheinbar besser mit dem Coronavirus klarkommt: Die BCG-Impfung gegen Tuberkulose, die in der ehemaligen DDR verabreicht wurde. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) laufen dazu mehrere klinische Studien. Doch RKI-Präsident Lothar Wieler betonte auf einer Pressekonferenz: "Diese Hypothese wird von manchen Wissenschaftlern in den Ring geworfen, sie ist nicht belegt." Stattdessen verweist auch er auf soziale und demografische Faktoren.

Wie auch immer der Unterschied zustande kommt und wie auch immer man die Lockerungen und deren Unterschiede in den Bundesländern wahrnimmt: Letztere geben auch eine Chance – nämlich, zu sehen, inwiefern sie überhaupt möglich sind und wie schnell sie im Ernstfall wieder rückgängig gemacht werden können. Zumindest in weniger dicht besiedelten Gegenden.

Und weiterhin gilt natürlich trotz Lockerungen: Abstand halten, Hände waschen, Nieshygiene und wenn krank: zuhause bleiben!

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