Aktualisiert: 12.04.2020 - 13:52

Mit dem Virus leben lernen Corona-Experten: 4-Phasen-Plan zur Lockerung der Beschränkungen

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen

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Szenarien gibt es viele, wie es mit der Corona-Krise in Deutschland weitergehen soll. Hygiene-Experten zeichneten ein solches auf – und das Innenministerium reagiert jetzt.

Die Ausgangsbeschränkungen machen der Bevölkerung zu schaffen. Besonders leiden aber – nebst denen, die das Coronavirus Sars-CoV-2 und die dadurch ausgelöste Krankheit Covid-19 gesundheitlich angreift – viele Arbeitnehmer und auch Arbeitgeber. Die wirtschaftlichen Einbußen sind gigantisch. Daher überlegen sich Experten mögliche Szenarien, wie die Lockerung der Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie aussehen könnte. Und möglicherweise auch schon bald soll. Dafür gibt es aber ein paar Voraussetzungen...

Lockerung der Corona-Einschränkungen in 4 Phasen: Erst Einzelhandel, Restaurants und Schulen

Klar ist: Lockerungen in größerem Ausmaß wird es erst geben, wenn gesichert ist, dass unser Gesundheitssystem nicht überfordert wird - und auch, wenn die Ausbreitung besser beobachtet werden kann. Aber es muss auch irgendwann weitergehen. Anhand von Szenarien entwickelt die Bundesregierung zurzeit Pläne, wie das Leben in Deutschland in den kommenden Wochen langsam wieder hochgefahren werden soll. Sofern denn gewisse Kriterien erreicht werden. Bislang gelten die Einschränkungen bis 19. April, doch es ist damit zu rechnen, dass der Stichtag noch in weitere Ferne rückt. Einen genauen Termin für die Lockerung der Einschränkungen will die Bundesregierung laut Regierungssprecher Steffen Seibert noch nicht nennen. Dafür sei es einfach noch zu früh.

Ein Konzeptpapier des Innenministeriums sieht Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen vor. Demzufolge sollen zuerst Einzelhandel, Restaurants und zumindest in bestimmten Regionen auch wieder Schulen geöffnet werden. Doch Großveranstaltungen und private Feiern bleiben wohl noch länger ein Traum in den Köpfen der Bevölkerung. Sprich: Auf gefüllte Fußballstadien, Messen und Kongresse werden wir wohl noch einige Zeit verzichten müssen.

Ansteckungsrate muss unter 1 sinken

Die im Konzeptpapier erwähnten Lockerungen können nur dann umgesetzt werden, wenn die Ansteckungsrate unter 1 sinkt und dort bleibt. Die Ansteckungsrate, in Fachkreisen auch Basisreproduktionszahl oder R0-Wert genannt, besagt, dass statistisch gesehen ein Infizierter weniger als einen anderen Menschen ansteckt. Interessant ist dazu auch die Verdoppelungszeit, die sich laut Robert-Koch-Institut (RKI) in vielen Bundesländern verlangsamt hat. So lag sie etwa in Nordrein-Westalen zuletzt bei 13, 3 Tagen, in Baden-Württemberg bei 12,2 Tagen und in Bayern bei neun Tagen. Berlin meldet 13,6 Tage, Hamburg 10,6 Tage. Laut Kanzlerin Angela Merkel solle eine Verdoppelungszeit von bis zu 14 Tagen angestrebt werden. Erst dann könne man über Lockerungen nachdenken.

Zudem müssten Infizierte und deren Kontaktpersonen möglichst innerhalb von 24 Stunden identifiziert werden können und unter Quarantäne gestellt werden. Dann könne man die Pandemie langfristig unter Kontrolle bringen. Mit Einschränkungen bis 2021 ist aber zu rechnen – und dann gibt es hoffentlich auch einen wirsamen Impfstoff.

Maskenpflicht im öffentlichen Bereich?

Ebenfalls heiße es im Papier laut Nachrichtenagentur Reuters, dass das Tragen von Masken in Bussen und Bahnen, in Fabriken und in Gebäuden, etwa zum Einkaufen, verpflichtend werde, sobald ausreichend Masken vorhanden seien. Bis dahin gilt: Vor allem medizinische Atemschutzmasken sollen medizinischem Personal vorbehalten sein.

Zudem könnten bestimmte Wirtschaftszweige als "Inseln" den Betrieb wieder aufnehmen, sofern dort nicht zu viel Kundenkontakt bestehe.

Vier Kriterien gibt es, die also bedacht werden müssen:

  1. muss bestimmt werden, wo die Ansteckungsgefahr am höchsten ist.
  2. muss klar sein, für wen eine Ansteckung besonders gefährlich ist. Anhanddessen kann man diese Gruppen besonders schützen.
  3. muss beobachtet werden, was sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft besonders wichtig ist.
  4. muss bedacht werden, wie gut sich Schutzmaßnahmen in den jeweiligen Bereichen umsetzen lassen.

Das sind die Punkte, die eine interdisziplinäre Expertengruppe nach Aufforderung der NRW-Landesregierung, einberufen von Armin Laschet, aufgestellt hat.

Hygiene-Experten erarbeiten 4-Stufen-Plan

Hygiene-Experten haben zudem einen Plan aufgestellt, über den das normale Leben nach der Coronavirus-Pandemie langsam wieder Fahrt aufnehmen soll. Dieser Plan sieht vier Stufen vor. Diese Vier-Phasen-Strategie für eine kontrollierte Deeskalation der Maßnahmen zur Kontrolle der Covid-19-Pandemie stammt von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Gleichzeitig sind dort die Voraussetzungen genannt, die für das Aufheben von Quarantänemaßnahmen erfüllt sein müssen. Aber auch hier will man nicht über ein Datum spekulieren, erklärt der Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit bei der DGKH, Peter Walger, bei einer Pressekonferenz: "Das Datum ist abhängig von Fakten, die jeden Tag neu analysiert werden müssen."

Phase 1 sei die "gesellschaftliche Quarantänisierung", in der wir uns derzeit befinden würden. Die Phasen im Überblick:

Phase 1: "Gesellschaftliche Quarantänisierung"

Das Ziel dieser ersten, zurzeit noch aktiven Phase ist nach Meinung der Experten die Eindämmung und Verlangsamung der Pandemie sowie Vermeiden einer Überlastung der kritischen Versorgungsstrukturen: Sprich: Das Gesundheitssystem dürfe möglichst nicht mit zu vielen gleichzeitigen Fällen überlastet werden. Ebenso gehört hier aber auch etwa die Versorgung der Bevölkerung dazu.

Phase 2: Schrittweise Wiedereröffnung von Einrichtungen öffentlichen Lebens

Sobald die Maßnahmen von Phase 1 gut greifen und ein Zusammenbrechen des Gesundheitssystems nicht mehr zu befürchten sei, könne man dann in Phase 2 übergehen, die "beginnende kontrollierte Rücknahme der Quarantä­ni­sierung bei gleichzeitiger Sicherung hygienischer Rahmenbedingungen und Verhal­tens­weisen". Dazu gehören der Rückgang der Zahl der Infektionen, aber auch der Rückgang der Zahl der Sterbefälle, Intensivaufnahmen und der beatmungspflichtigen schweren Fälle. Ein weiteres Kriterium könne zudem das Ausmaß der natürlichen Immunisierung sein. Die medizinische Versorgung, insbesondere im Bereich der Krankenhäuser und vor allem Intensivstationen, müsse für den Übergang in Phase 2 sichergestellt sein.

Weiterer Weg in Phase 2 sei dann die schrittweise Wiedereröffnung von Schulen, Kitas, Universitäten sowie anderen Einrichtungen öffentlichen Lebens. Dabei müsste aber weiterhin strikt darauf geachtet werden, Abstand zu wahren und Kontakte zu vermeiden, so gut es nur geht. Ebenso extrem wichtig: Hygieneregeln einhalten, darunter regelmäßiges Händewaschen und Nies- und Hustettikette einhalten. Zudem müssten Menschen aus den Risikogruppen, also vorerkrankte sowie ältere Menschen strikt separiert werden.

Auch sei wichtig, dass Menschen vermehrt Mund-Nasen-Masken tragen: "Die Devise lautet: jede textile Maske ist besser als gar keine Maske." Denn mit einer textilen Maske etwa schützt man sich zwar nicht selbst, dafür aber andere. Denn auch wenn man selbst keine Symptome verspürt, kann man dennoch erkrankt und damit ansteckend sein. Mehr dazu: Stoff, Kaffeefilter und Co: Hilft ein selbstgemachter Mundschutz?

Phase 3: Beschränkungen aufheben – unter Beibehalt der Hygieneregeln

Sobald dann der Erfolg von Phase 2 sichtbar sei, könne man in Phase 3 übergehen. Dies sei laut DGKH der Fall, wenn Daten über den Immunitätsstatus der Bevölkerung vorliegen. Erforderlich hier sind dann auch wirksame Medikamente sowie ein Impfstoff. "Aufhebung der Quarantänisierung unter Beibehaltung der hygienischen Rahmenbedingungen" nennt die DGKH diese Phase. Sprich: Auch Versammlungen größerer Gruppen können hier wieder stattfinden, wenn für Hygiene gesorgt ist.

Phase 4: Ende der Pandemie

Stehen Medikamente sowie ein Impfstoff zur Verfügung, der anschlägt und die Immunisierung der Bevölkerung vorantreibt, könne man kontrolliert in Phase 4 übergehen – in der dann auch das Ende der Coronavirus-Pandemie ausgerufen werden könne.

DGKH-Präsident Martin Exner aber sagt auch, dass es weiterhin regelmäßige saisonale Covid-19-Epidemien geben könne, ähnlich wie es auch beim Influenza-Virus ist. Doch dann sei man immerhin nicht mehr völlig unvorbereitet, auch da dann ein Impfstoff zur Verfügung stehe und sich eine natürliche Herdenimmunität gebildet habe. Ein wichtiger Unterschied zwischen Coronavirus Sars-CoV-2 und Influenza-Virus ist zudem, dass sich das neue Coronavirus bei weitem nicht so schnell zu wandeln scheint wie das Influenza-Virus. Eine Immunität könnte daher längerfristig wirken.

Aktueller Stand: Höhepunkt von Phase 1

In der Vergangenheit als "Motor für die Verbreitung von Sars-CoV-2" genannte risikoreiche Großevents wie etwa Karneval, aber auch Partys und andere Großveranstaltungen seien abgesagt und weitgehend als Übertragungswege gestoppt.

Problem zurzeit sind jedoch nicht kontrollierbare, "maximal dramatische Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen", nennt Walger einen jener Bereiche, die durch die Maßnahmen nicht zielgerecht erreicht würden. Das Problem lasse sich anhand chinesischer Daten und Erfahrungen besser fassen: Demnach finde die Mehrzahl der Übertragungen im engen familiären Umfeld statt – im Zusammenleben mit einem Infizierten. Die "Hot Spots" der Übertragung seien daher aufgrund der generellen Kontaktsperren nicht mehr Fremdveranstaltungen, sondern Pflege- und Altenheime sowie enge familiäre Wohnverhältnisse.

Um Heime als "weiteren Brandbeschleuniger" der Pandemie auszuschließen, müsse daher hier "nachjustiert" werden. Jedoch seien diese "Hochrisikobereiche" durch "den eklatanten Mangel an Schutzausrüstung doppelt bedroht". Mitarbeiter von Heimen sowie ambulante Pflegemitarbeiter müssten mit Schutzausrüstung, insbesondere Mund-Nasen-Schutz versorgt sein und es müsse hier strategisch getestet werden.

Lockerung der Beschränkungen in zwei Geschwindigkeiten?

Man könne aber laut Strategiepapier vielleicht in zwei Geschwindigkeiten fahren, indem man die Maßnahmen "in vulnerablen Bereichen", etwa eben in Pflegeeinrichtungen, verschärfe und sobald möglich in den weniger gefährdeten Bevölkerungsgruppen entspanne. "Von größter Bedeutung ist die Unterscheidung der Bevölkerungsgruppen nach Bedroh­lich­keit durch Intensivaufenthalt, Beatmung und Tod und nicht nach Risiko durch Infek­tion generell", heißt es in dem Strategiepapier.

Infektionen in jüngeren Altersgruppen sowie unter eigentlich Gesunden könnten demnach tatsächlich zu einer natürlichen Immunität beitragen. Auch so könne sich die Ausweitung der Pandemie verlangsamen. Jedoch muss auch dies kontrolliert passieren. Denn wie aktuelle Fälle zeigen, sind auch junge, eigentlich nicht vorerkrankte Menschen trotz allem nicht unverwundbar. So gibt es auch unter Gesunden immer wieder schwere Infektionen, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen.

Bis die ersten Lockerungen der Corona-Einschränkungen kommen, gelten erst einmal noch die Bußgeldkataloge der Bundesländer. Und auch darüber hinaus müssen weiterhin die Hygieneregeln gelten. Zudem müssen wir uns sicherlich noch eine lange Zeit mit den Abstandsregeln anfreunden – und in Corona-Zeiten auch besser den Ausweis dabei haben.

Jetzt gilt noch: Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote: Welches Verhalten ist wo richtig?

Mehr Infos, Neuigkeiten und Tipps im Umgang mit dem Coronavirus lesen Sie auf unserer Themenseite. Auch interessant etwa: Coronavirus: Diese Begriffe sollten Sie kennen

Coronavirus-Glossar: Begriffe, die Sie jetzt kennen sollten
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Hier finden Sie den 4-Phasen-Plan als Lageeinschätzung der DGKH nochmal in ausführlicher Form.

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