31.03.2020 - 18:20

NDR Podcast Virologe Christian Drosten mahnt: Wissenschaftler sind keine Entscheider!

Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité ist durch unzählige Interviews und TV-Auftritte der breiten Masse bekanntgeworden.

Foto: imago images / IPON

Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité ist durch unzählige Interviews und TV-Auftritte der breiten Masse bekanntgeworden.

Virologe Christian Drosten ist sicherlich das Gesicht, das vielen Menschen durch die Corona-Krise bekannt wurde. Für viele steht er auch als der kompetente Ratgeber der Wissenschaft im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Dass diese Stellung auch Schattenseiten mit sich bringt, ist eines der Themen über das Drosten im aktuellen "NDR" Podcast spricht.

Kein Thema beherrscht die Berichterstattung aktuell dermaßen, wie das Coronavirus und der Versuch, die Pandemie zu stoppen. Der durch unzählige Interviews und TV-Auftritte der breiten Masse bekanntgewordene Virologe Christian Drosten informiert zu diesem Thema im "NDR" Podcast. In der aktuellen Folge spricht der Virologe von der Berliner Charité darüber, warum er das Tragen einer Maske beim Einkaufen für eine gute Idee hält und welch kritischen Blick er auf die Medien, auch im Umgang mit seiner eigenen Person, im Zuge der Corona-Krise wirrft.

Corona-Krise: Virologe Christian Drosten über die neusten Entwicklungen

Deutschland reagiert mit einem Kontaktverbot, Ausgangsbeschränkungen und Schließungen von Geschäften, um die Ansteckung mit dem Coronavirus innerhalb der Bevölkerung zu verringern. Zu Beginn des Gesprächs spricht Drosten darüber, dass er das Gefühl habe, dass " sich so ein bisschen eine Phase eingestellt hat, wo für alle es jetzt erst mal darum geht, sich an die jetzige Situation zu gewöhnen."

Glücklicherweise habe man in Deutschland diese Maßnahmen relativ früh gestartet, so dass es Deutschland relativ gut gehe. Gerade mit Blick auf andere Länder, wie etwa Italien oder Spanien. Dass dem so sei, liege vor allem an den frühen Tests: "Wir haben extrem früh in der Breite eine ganz große Kraft in der Diagnostik ausgerollt. Wir haben deswegen ganz früh unsere Fälle bemerkt. Das liegt eben daran, dass man gleich am Anfang schon diese Münchener Kohorte hatte, wo es klar wurde: Mit großer Kraft kann man das verhindern, dass sich das weiter ausbreitet. Das war ja eine Erfolgsgeschichte, diese Münchener Kohorte, dass man die so kontrolliert hat." Weiterhin führt Drosten aus, dass wir vielleicht das Land seien, das am besten Diagnostik macht.

"Ein bisschen Glück gehabt"

Der Virologe spricht aber aber auch davon, dass wir "im Moment auch ein bisschen Glück gehabt" haben und bezieht sich dabei auf den Übertragungsweg, der wohl dazu führte, dass das Durchschnittsalter von Infizierten in Deutschland mit 48 Jahren relativ jung ist. In Italien lag das Medianalter über eine lange Zeit bei 81 Jahren.

"Es sind eben tatsächlich, ich will mal sagen, die Karnevalsflüchter gewesen, die viel aus Italien hier eingeschleppt haben, und das sind sportliche Leute, die gehen in der Zeit Skifahren. Auch außerhalb der Karnevalszeit waren das viel Skifahrer, die es eingeschleppt haben. Das sind natürlich dann jüngere Altersgruppen. Diese Altersgruppen bleiben dann in ihren Kontaktnetzwerken häufig auch im selben Alter und übertragen in diesen Netzwerken weiter," so Drosten.

Doch die Eintragung des Coronavirus in Seniorenpflegeheime stelle den Beginn einer neue Entwicklung dar und es werde zu einem Ansteigen der berichteten Fallsterblichkeit kommen. "Zum einen, man sieht das jetzt schon an den Statistiken, also unsere Fallsterblichkeit ist jetzt nicht mehr 0,2 bis 0,4, sondern die geht jetzt so in den Bereich 0,8 Prozent. Das liegt einfach daran, dass plötzlich jetzt andere Altersschichten betroffen sind." Er stimme dem richtigen Wunsch von Herrn Spahn zu, dass viel Testen wichtig sei. Dennoch gibt Drosten auch zu bedenken: "Ich denke aber, es ist auch wichtig, dass wir uns nicht nur sagen müssen: Wir testen und testen und testen. Sondern, dass wir auch sagen müssen: Wir testen die Richtigen. Wir richten unsere Kraft darauf aus, wo das Problem wirklich liegt. Das wird in den kommenden Wochen natürlich auch immer wichtiger werden."

Mundschutz tragen? "Das ist weiterhin eine höfliche Geste"

Auf die kleinen Dinge, die wir alle tun können, weist der Virologe ebenfalls noch einmal hin: Abstand halten! Diese Regelung, um die Pandemie einzudämmen ist sicherlich eine der Wichtigsten. Auch das Tragen einer Maske befürwortet Christian Drosten: "Das ist eine gute Idee. Das ist eine höfliche Idee. Ich schütze den anderen gegen meine möglicherweise ja noch gar nicht ausgebrochene Infektion. Vielleicht weiß ich selber gar nichts darüber. Aber ich signalisiere meiner Umgebung: Egal, was mit mir ist, ihr seid vor mir immerhin in dem Sinne geschützt, wenn ich spreche, nicht irgendwelcher Speichel durch die Gegend fliegt oder, wenn ich huste, dass die gröbsten Tröpfchen in diesem Stoff hängenbleiben. Ich finde, das ist weiterhin eine höfliche Geste."

Leider habe der Virologe bei seinen Einkäufen in Berliner Supermärkten bisher die Erfahrung gemacht, dass er meist, bis auf zwei, drei andere, der Einzige war, der eine Maske trug und sie wurden merkwürdig angeschaut. Selbst wenn also momentan Masken geschneidert werden würden, sei die soziale Akzeptanz dafür in der Realität noch nicht so richtig angekommen: "Aber in der wirklichen Realität draußen, sieht es anders aus als auf Twitter, wo interessierte Leute sich zusammenfinden. In der Realität draußen ist die Wahrnehmung noch nicht angekommen, dass das eine höfliche Geste ist, die man hier ausüben kann in seiner Umgebung."

"Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet und mir wird schlecht dabei"

Der Virologe Christian Drosten sprach auch darüber, warum er es in der letzten Woche vermieden habe, Interviews zu geben oder sich im Fernsehen zu zeigen.

"Weil ich das Gefühl habe, dass inzwischen auch das visuelle Bild von Wissenschaftlern belegt wird mit Projektionen, die gar nicht existieren und dass Wissenschaftlern Dinge, auch mir natürlich, aber auch anderen Wissenschaftlern, Dinge angehängt werden, die so nicht stimmen. Ich habe gestern beispielsweise eine E-Mail bekommen, in der ich persönlich verantwortlich gemacht wurde für den Selbstmord des hessischen Finanzministers", erklärt er. "Wenn solche Dinge passieren, dann ist das für mich schon ein Signal dafür, nicht, dass wir nah an der Grenze sind, sondern, dass wir über eine Grenze von Vernunft schon lange hinaus sind in dieser mediengeführten öffentlichen Debatte."

Weiter: "Und ich habe damit langsam wirklich ein Problem. Die Wissenschaft bekommt damit langsam wirklich ein Problem mit dieser doppelten Aussage, die sowohl von der Politik, wie auch von der Wissenschaft kommt. Beide Seiten sagen, die Politik trifft die Entscheidungen und nicht die Wissenschaft. Das sagt sowohl die Politik, wie auch die Wissenschaft. Dennoch wird weiterhin immer weiter dieses Bild des entscheidungstreffenden Wissenschaftlers in den Medien produziert. Wir sind hier langsam an einem Punkt, wo dann demnächst auch die Wissenschaft in geordneter Weise den Rückzug antreten muss, wenn das nicht aufhört."

Es wäre wichtig, einen Schritt zurückzutreten und nicht zu dramatisieren und zu überzeichnen: "Es gibt Zeitungen, die malen inzwischen nicht nur in den Wörtern, sondern in Bildern, Karikaturen von Virologen. Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet und mir wird schlecht dabei. Ich bin wirklich wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht werden, das Medien zeichnen wollen, um zu kontrastieren. Das muss wirklich aufhören."

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