31.03.2020 - 17:02

Wutrede bei "Hart aber fair" Minister Heil fordert: Adidas hat bitte trotz Corona Miete zu zahlen!

Sportausstatter Adidas muss seine Geschäfte aufgrund der Corona-Krise derzeit schließen und kündigte einen Mietenstopp für April an – sehr zum Unmut vieler Kunden und auch der Politik.

Foto: imago images / Jens Schicke

Sportausstatter Adidas muss seine Geschäfte aufgrund der Corona-Krise derzeit schließen und kündigte einen Mietenstopp für April an – sehr zum Unmut vieler Kunden und auch der Politik.

Aufgrund der Coronavirus-Krise hatten Adidas und weitere große Händler angekündigt, für ihre Shops im April keine Miete zu zahlen. Das stößt sauer auf. Das Unternehmen reagierte – Arbeitsminister Hubertus Heil allerdings auch.

Die wirtschaftlichen Schäden, die die lebenswichtigen Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 mit sich bringen, sind gigantisch – unter anderem im Einzelhandel. Denn wo keiner einkaufen darf, wird auch kein Geld eingenommen. Wo kein Geld reinkommt, können weder Mitarbeiter noch Rechnungen gezahlt werden. Von Miete ganz zu schweigen. Wo kleine und mittelständische Unternehmen hier ganz schön in die Bredouille kommen, nutzen derweil große Händler wie Adidas, Deichmann und H&M ein neues Gesetz und überlegen, im April keine Miete zu zahlen. Warum das verwerflich ist, stellt nun Arbeitsminister Hubertus Heil in einer Wutrede bei "Hart aber fair" noch einmal klar. Aber auch die Großunternehmen äußern sich.

Hubertus Heil erbost über Mieten-Pläne von Adidas und Co

Im ARD-Talk "Hart aber fair" äußerte sich der Arbeitsminister (SPD) sehr kritisch und erbost über die Pläne des Großunternehmens Adidas, in seinen Geschäften im April teilweise auf Mietzahlungen zu verzichten. Diese Kritik trifft gleichzeitig andere Großunternehmen, die dies ebenfalls angekündigt hatten, darunter Bekleidungshändler H&M und Schuhgeschäft Deichmann. Doch müssen große, börsennotierte Unternehmen, bei denen es nicht um die reine Existenz geht, so einen Schritt unternehmen?

"Ich bin stinksauer, das muss man auch mal sagen!" So bricht es am Montagabend aus Heil heraus: "Für die [Anm. d. Red.: Adidas] ist das Gesetz nicht gemacht!" Er sei kein Jurist, aber das werde im Zweifelsfall die Gerichte beschäftigen, droht er.

Er geht dabei auf ein neues Gesetz ein, das im Zuge der Corona-Krise beschlossen wurde, um Unternehmen vor dem Ruin zu schützen. "Das Gesetz ist für die gemacht, die in Zahlungsschwierigkeiten sind, ihre Mieten nicht zahlen können, nicht für Unternehmen, die Rücklagen haben", betonte Heil. "Wer Vorteile dieses Landes nutzt, hat auch Verpflichtung, seine Interessen nicht über alle zu stellen." Schon am Wochenende gab es enorme Kritik an den Vorstößen der Großhändler um Adidas. Der Sportwarenhändler sowie auch Deichmann hatten sich derweil auch schon zu Wort gemeldet – die schnelle Reaktion wiederum mache Heil froh, sagte er.

Auch der Hamburger Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) sieht in den Überlegungen der Händler eine Ausnutzung der Solidaritätsmaßnahmen. "Wenn diese Hilfsinstrumente in wenigen Tagen auf die Beine gestellt werden, kann man gar nicht alle Missbrauchstatbestände mal eben schnell ausschließen", so Dressel. "Das sind die schnellsten Gesetze ever, die in Deutschland in diesen Tagen gemacht werden. Da kann man nicht noch eine Woche lang herumprökeln, welche Missbrauchsmöglichkeiten man ausschließen muss. Deshalb ist es jetzt wichtig, dass sich alle moralisch verhalten und die Hilfsinstrumente nicht missbrauchen."

Adidas und Deichmann äußern sich: Man stehe mit Vermietern in Kontakt

Bei Adidas äußerte man sich nun. Trotz Milliardengewinnen im abgelaufenen Geschäftsjahr sollte ursprünglich vorerst keine Miete für die wegen der Corona-Krise geschlossenen Läden fließen. Eine Unternehmenssprecherin bestätigt: "Es ist richtig, dass Adidas, wie viele andere Unternehmen auch, vorsorglich Mietzahlungen temporär aussetzt, wo unsere Läden geschlossen sind." Man sei dazu mit den betreffenden Vermietern in engem Austausch.

Doch die Reaktion auf die Kritik kam: Man habe sich nun entschlossen, zumindest privaten Vermietern seiner Adidas-Filialen trotz Schließungen unverändert Miete zu zahlen: "Wir haben sie ausgenommen, sie werden ihre April-Miete wie gewohnt erhalten", erklärte Unternehmenschef Kasper Rorsted am Montag gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Allerdings würden die meisten eigenen Geschäfte von großen Immobilienvermarktern und Versicherungsfonds angemietet. Diese hätten derweil für die Maßnahme der vorläufigen Mieteneinstellung "überwiegend Verständnis gezeigt".

Zudem werde diese Woche Kurzarbeit für Produktion, Lager und Mitarbeiter in den selbst betriebenen Läden beantragt. Doch wochenlange Einschränkungen würden auch bei Adidas zu "massiven wirtschaftlichen Verwerfungen führen, deutlich schlimmer als in der Finanzkrise 2008/2009", so der Unternehmenschef. Zuvor schon kündigte Rorsted an, vorübergehend auf die Auszahlung von 50 Prozent seines Gehaltes zu verzichten. Außerdem verzichte die Führungsebene unterhalb des Vorstandes ebenso vorübergehend auf 30 Prozent der Bezüge.

Eigentümer der Schuhhandelskette Deichmann, Heinrich Deichmann, zeigte sich bestürzt über die Anfeindungen aus der Gesellschaft. Gegenüber der Deutschen Presse Agentur erklärte er, man wolle den "Menschen dienen". Es treffe ihn sehr hart, dass nun unterstellt wird, Deichmann würde sich an der Krise bereichern wollen. Zudem sei es niemals die Absicht gewesen, keine Mieten mehr zu zahlen: "Wir haben unsere Vermieter gebeten, unsere Mieten zu stunden", erklärt er. Jedoch werde man selbstverständlich weiterzahlen und helfen, gerate ein Vermieter in wirtschaftliche Bedrängnis. Dennoch sei ein Entgegenkommen der Vermieter notwendig, angesichts der Maßnahmen der Regierung.

Auch für Deichmann sei die Corona-Krise eine Herausforderung. "Wir sind in 30 Ländern tätig. In 28 Ländern sind unsere Geschäfte geschlossen und wir können überhaupt nicht absehen, wann diese Schließungen enden." Daher wolle er seine Mitarbeiter und ihre Arbeitsplätze schützen, schließt Deichmann.

Krise überstehen? Umdenken gefordert

Die Kritik an den Vorstößen der großen Ketten war außerdem, dass jeder der Anbieter auch einen gut laufenden Onlineshop anbietet, weshalb dort nicht mit solch gravierenden Umsatzeinbußen gerechnet werden müsste, als sie kleineren Anbietern ohne entsprechende Online-Vertriebsmöglichkeit bevorstehen.

Die Rufschädigung ist jedenfalls in Zeiten von Social Media gewiss: Zahlreiche Kunden rufen nun zum Boykott der bockenden Unternehmen auf. Unter anderem zündete SPD-Bundestagsabgeordneter Florian Post ein altes Adidas-Shirt an. Das Video ging auf Twitter viral und bekam viel Zuspruch:

Anders löst das Problem übrigens unter anderem der englische Sportartikelhersteller "New Balance": Man will dort nun Atemschutzmasken für Krankenhäuser herstellen:

Auch Kosmetik-Hersteller, etwa Beiersdorf (Nivea), schwenken gerade um und wollen Desinfektionsmittel statt Pflegekosmetik herstellen. Doch andere machen Geschäft mit der Krise: Preise bei Schutzkleidung explodieren. Und andere Branchen haben andere Probleme: Keine Saisonarbeiter wegen Corona: Wer hilft jetzt bei der Ernte?

Es gibt aber auch schönere Überlegungen: Wie sich unser Leben positiv verändern könnte

Mehr zum Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.

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