Aktualisiert: 27.03.2020 - 18:09

Kaum Einschränkung, wenig Isolation Warum Schweden trotz Corona fast normal weitermacht

In Stockholms Straßen geht es nach wie vor lebhaft zu. Warum Schweden trotz Corona fast normal weitermacht.

Foto: imago images / TT

In Stockholms Straßen geht es nach wie vor lebhaft zu. Warum Schweden trotz Corona fast normal weitermacht.

Weltweit wird das soziale Leben durch das Coronavirus stark eingeschränkt, Menschen werden aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Anders in Schweden: Dort ist von Veränderung kaum etwas zu spüren. Warum das so ist.

Ausgangsbeschränkungen oder -sperren, soziale Isolation, Quarantäne: Weltweit sind Menschen jetzt mehr denn je auf sich gestellt, denn wegen des Coronavirus sollen sie zu Hause bleiben, um die Infektionsgefahr einzudämmen – in immer mehr Ländern müssen sie es sogar. Nicht so in Schweden: Das skandinavische Land hat einen anderen Weg gewählt und bislang kaum Restriktionen ausgesprochen. Warum das so ist – und ob wirklich alle mit dieser Lösung einverstanden sind.

In Schweden geht das Leben fast normal weiter – trotz Corona

Fotos vom gestrigen Donnerstag in Schweden zeigen: Die Menschen sitzen dort in Cafés, Kneipen und Restaurants dicht beieinander – Impressionen, die anderswo derzeit undenkbar wären. Und die Einwohner verhalten sich vollkommen korrekt: Nur Versammlungen von mehr als 500 Menschen sind verboten, Kindergärten und Schulen bis einschließlich der neunten Klasse haben weiter geöffnet, ebenso gastronomische Einrichtungen. Auch Skigebiete sind noch in Betrieb. Dabei hat das Coronavirus nicht vor Schweden halt gemacht: 2510 bestätigte Corona-Fälle sowie 42 Todesfälle (Stand. 26.3.) hat das Land laut der Weltgesundheitsorganisation zu vermelden

Warum es in Schweden anders läuft, liegt an Anders Tegnell. Der staatliche Epidemiologe berät die schwedische Regierung. Laut der "Zeit" argumentiert der Experte so: Schulen wegen des Coronavirus zu schließen, wäre bislang nicht als hilfreich nachgewiesen worden, schließlich seien weder in Italien noch China Schulen als Verbreitungsherd für das Virus identifiziert worden. Und: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe in China keinen einzigen Fall belegen können, bei dem sich ein Erwachsener nachweislich bei einem Kind angesteckt habe.

"Alle Maßnahmen, die wir treffen, müssen auch über einen längeren Zeitraum durchführbar sein", sagt Anders Tegnell. Deshalb bleiben die Schulen offen, Eltern können ungestört ihrer Tätigkeit nachgehen, und die Schweden tun sich leichter, die leichten Einschränkungen wegen Corona einzuhalten und vor allen Dingen zu akzeptieren. Allerdings gehört auch dazu, dass ältere oder gesundheitlich vorbelastete Menschen angehalten sind, sich weitestgehend zu isolieren. Und natürlich sollen alle schon bei den geringsten Symptomen zu Hause bleiben. Doch dann brauche es keine "weiteren Maßnahmen, deren Effekt sowieso nur sehr marginal ist", zitiert die "Zeit" Anders Tegnell.

Gründe für die eher langsame Ausbreitung in Schweden

Hat der schwedische Star-Epidemiologe recht mit seiner Strategie? Momentan zumindest sprechen die Zahlen für Tegnell: Sie steigen langsam, die Kurve bleibt flach. Das könnte aber auch daran liegen, dass

  • Schweden ein Land von großer Ausdehnung ist. Vor allem der ländliche Raum mit oft großen Abständen zwischen Wohnhäusern bietet dadurch eine eher geringe Ansteckungsgefahr.
  • laut "Zeit" die am häufigsten Infizierten zwischen 40 und 59 Jahre alt und damit weniger als andere Altersgruppen gefährdet sind, schwer zu erkranken. Die Zahl der Infizierten bei den Personen über 70 Jahren ist dagegen sehr gering, was die geringe Sterblichkeit erklären würde.
  • anders als vor allem in Südeuropa kaum mehrere Generationen einer Familie zusammen leben. Und: Die Schweden begrüßen sich selten mit Küsschen auf die Wange.

Kritk an Schwedens Umgang mit Corona

Doch längst nicht alle halten es für gut und sinnvoll, was Anders Tegnell vorgibt: Fredrik Elgh etwa, Professor für Klinische Mikrobiologie an der Universität von Umeå, ist mit dem Kurs laut der "Zeit" nicht einverstanden: Zusammen mit weiteren Fachleuten des Landes soll er sich deshalb bereits schriftlich an Tegnell und die Regierung gewandt, in einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen gesagt haben: "Ich bin zutiefst beunruhigt angesichts der Entwicklung. Ich würde am liebsten ganz Stockholm unter Quarantäne stellen."

Und "Bild" nennt Olle Kämpe als Gegner, Immunologie-Forscher am angesehenen Karolinska Institut und Mitunterzeichner des Briefs von Fredrik Elgh: "Ich habe das Gefühl, dass man die Ansteckungsgefahr bewusst hoch hält, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Das ist eine sehr zynische Einstellung, die Hunderten oder sogar Tausende von Menschen das Leben kosten kann."

Eine Änderung seines Kurses hält Anders Tegnell indes nicht für ausgeschlossen, wie er im Interview mit "Cicero" sagt: "Das könnte passieren. Unsere Regierung sagt, dass sie bereit ist, alle Arten von Entscheidungen zu treffen, wenn es nötig ist. Aber bis jetzt gehen die Zahlen nicht nach oben." Bleibt also abzuwarten, wie das Leben in Schweden weitergeht.

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