23.03.2020 - 14:59

"Alltag" in Corona-Zeiten Ein Chirurg stellt klar: "Jede Hand wird gebraucht werden"

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Ein Chirurg gibt Einblicke in seinen Arbeitsalltag, der sich durch den Coronavirus schon jetzt verändert hat.

Foto: iStock [M]

Ein Chirurg gibt Einblicke in seinen Arbeitsalltag, der sich durch den Coronavirus schon jetzt verändert hat.

Die Corona-Pandemie macht den Menschen zu schaffen: Den einen, weil sie deutlich mehr in ihrem Job leisten müssen, den anderen, weil es für sie kaum mehr etwas zu arbeiten gibt. BILD der FRAU lässt die zu Wort kommen, die in der jetzigen Krise noch mehr meistern müssen als alle anderen. Heute erzählt ein Chirurg aus seinem aktuellen Arbeitsalltag.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 stellt unser ganz normales Leben völlig auf den Kopf. Einen Alltag, wie er sich bislang gestaltet hat, gibt es momentan nicht. Für niemanden. Das ist für uns alle nicht einfach – für manche allerdings ist es eine Herausforderung, die an die Grenzen geht. Denn zum einen müssen Menschen mit sogenannten systemrelevanten Berufen mitunter bis zur Erschöpfung arbeiten. Zum anderen fürchten Angestellte aus Tourismusbetrieben und kleinen Unternehmen, mit Kurzarbeit oder gar ohne Beschäftigung auskommen zu müssen.

Die Corona-Pandemie fordert uns alle, keine Frage. Doch hier sollen die zu Wort kommen, denen die momentane Situation noch mehr zusetzt als ohnehin schon und die das Leben in Zeiten von Corona jetzt schon an ihre Grenzen bringt oder bringen wird. Bei BILD der FRAU erzählen sie aus ihrem Alltag. Heute berichtet ein Chirurg von seinem Alltag in einer Klinik.

Das Leben in Zeiten von Corona: Ein Chirurg erzählt

Marius S.* (Name von der Redaktion geändert) ist 31 Jahre alt und arbeitet als Chirurg in einer großen Klinik im Norden Deutschlands. Noch stecken er und seine Kollegen nicht mittendrin in der Behandlung von Corona-Patienten, doch die Vorbereitungen auf diese Eventualität laufen bereits auf Hochtouren. Wir haben mit ihm über seinen Alltag in der Corona-Krise gesprochen.

BILD der FRAU: Welche Konsequenzen hat die Verbreitung des Coronavirus bislang auf Ihren Beruf? Wie hat sich Ihr beruflicher Alltag verändert?

Marius S.: Mein Arbeitgeber versucht so vielen Ärzt*innen wie möglich frei zu geben, bevor wir das vermutlich hohe Pensum der Coronafälle behandeln werden. Außerdem finden Schulung für mich in den Gebieten Beatmung und Intensivmedizin statt, sodass ich im Fall der Fälle ebenfalls CoVid19-Patienten behandle. Als Chirurg ist man sonst nicht mit solchen Fachbereichen primär betraut. Das bietet viele neue Facetten und macht meinen Beruf noch spannender.

Hat sich Ihr Arbeitspensum nun deutlich erhöht?

Aktuell hat es sich aus oben genannten Gründen eher reduziert, wobei das vermutlich nur eine Frage der Zeit ist. Wenn die Zahlen als Italien auch in Deutschland zutreffen, dann erwartet uns ein arbeitsintensiver Zeitraum in den Klinken. Jede Hand wird dann gebraucht werden.

Ungewisse Erwartungen an die Zukunft

Wie ist gerade die Stimmung unter den Kollegen?

Das Thema lässt mich und die Kolleg*innen vor, während und nach der Arbeit eigentlich nicht los. Jeder beschäftigt sich intensiv mit dem Coronavirus, das unseren Alltag im Moment bestimmt. Einige Kolleg*innen können bereits aus der Zeit in der Quarantäne berichten. Insgesamt ist die Stimmung somit sehr gemischt und die Erwartungen an die Zukunft ungewiss. Schließlich hat bisher niemand eine solche Situation erlebt.

Gibt es in Ihrem Bereich direkte Berührungspunkte mit Corona-Patienten?

Da ich in einem eher dünn besiedelten Gebiet lebe, kenne ich persönlich bisher keine Corona-positiv getesteten Patient*innen. Glücklicherweise gibt es auch in meinem erweiterten Bekannten und familiären Kreis keinerlei bekannte Infektionen mit dem Coronavirus. Allerdings spreche ich nahezu tägliche mit Nachbarn und versuche die aktuellsten Nachrichten mit medizinischem Hintergrund zu erläutern und die Angst zu nehmen bzw. auf die realen Risiken hinzuweisen. Trotz zahlreicher Möglichkeiten der Information über bekannte Medien scheint weiterhin ein Informationsdefizit vorzuherrschen.

"Während meiner Arbeit kann ich mich prinzipiell immer anstecken"

Wie groß ist Ihre Angst, sich im Dienst anzustecken? Gehen Sie dadurch anders mit Menschen um?

Während meiner Arbeit kann ich mich prinzipiell immer anstecken. Als Chirurg hantiert man zum Beispiel mit zahlreichen Instrumenten, an denen man sich verletzen kann. Zudem nehmen wir Patient*innen auf, die wir bisher nicht gekannt haben. Manchmal ist die Kommunikation aufgrund einer fehlenden gemeinsamen Sprache erschwert. Wir sind somit täglich Situationen ausgesetzt – auch bereits in der Zeit vor der jetzigen Coronavirus-Pandemie –, in denen man sich mit allen möglichen Dingen wie Hepatitis, HIV, Influenza, Tuberkulose, multiresistenten Keimen etc. infizieren kann. Für medizinisches Personal gehört der Schutz vor Infektionen zum ABC. Daher gibt es für uns im täglichen Umgang mit Patienten bisher kaum Veränderungen – bis auf die Wahrnehmung der Patient*innen, die sich nun tatsächlich als potenziell infektiös betrachten. Es wird auf einmal auf Hygiene geachtet – es wäre wünschenswert, wenn das auch in Zeiten der saisonalen Grippe in den Köpfen der Menschen bliebe.

Können Sie die Erlebnisse im Arbeitsalltag im Feierabend gut abschütteln?

Wenn ich mich zum Dienstende auf mein Fahrrad setze und die wenigen Kilometer mit frischer Nordseebrise genieße, ist das meiste bei Ankunft zu Hause bereits erledigt. Sterbende und totkranke Patient*innen verbleiben jedoch manchmal länger im Kopf. Es bleibt also abzuwarten, wie sich das während der Coronavirus-Zeit verändert.

Ärzte und Pflegekräfte sind keine lästigen Dienstleister!

Haben Sie denn das Gefühl, dass Sie genügend Anerkennung für Ihre Leistung zu erhalten?

In den letzten Jahren hat sich die Wahrnehmung für medizinisches Personal in der Bevölkerung sehr gewandelt. Man liest in den Medien, dass Kolleg*innen im Rettungsdienst angegriffen werden, in den Notaufnahmen Pflegepersonal körperlich attackiert wird, erste Hilfe am Unfallort aufgrund einer fehlenden Rettungsgasse nicht geleistet werden kann. Das ist eine äußerst erschütternde Entwicklung, da ich den Beruf ergriffen habe, um Menschen zu helfen und nicht zum lästigen Dienstleister degradiert zu werden. In der jetzt bevorstehenden Zeit wird den Menschen hoffentlich bewusst, wie sehr sie auf hingebungsvolle medizinische und vor allem menschliche Betreuung angewiesen sind. In den sozialen und öffentlichen Medien wird die Bedeutung zur Zeit offen dargestellt – ich hoffe sehr, dass das in der Zukunft nicht verhallt.

In welcher Form würden Sie sich mehr Unterstützung wünschen?

Für die Kliniken wird in erster Linie eine finanzielle Unterstützung notwendig sein. Schon vor der Pandemie waren viele Kliniken unterfinanziert. Durch das fehlende Planprogramm und die freigehaltenen Intensivstationsbetten verliert nahezu jede Einrichtung Einnahmen.

Ich denke, die Bevölkerung erkennt die Notwendigkeit eines ausgezeichneten Gesundheitssystems mit tollen Menschen, die in diesem System arbeiten. Die Wertschätzung und Dankbarkeit der Patient*innen und Angehörigen ist meist schon ausreichend. Ein bisschen Schokolade bei Entlassung erfreut sowohl die Stationsärtz*innen als auch die Pflegekräfte. (lacht)

Wird sich diese Erfahrung auf Ihr weiteres Leben auswirken? Wenn ja, inwiefern?

Auf die Frage kann man wahrscheinlich nur mit "ja" antworten. Wie sich das auf mich auswirken wird, hängt ganz besonders davon ab, wie hart uns die Pandemie treffen wird. Ich habe von italienischen Kolleg*innen die Schilderungen vor Ort gelesen und war fassungslos. Italien kann sich im Moment nicht einmal um die Verstorbenen kümmern, weil sie schier gar keine Zeit dafür haben. Es werden totkranke Patient*innen nicht mehr behandelt, weil es keine Kapazitäten dafür gibt. Die Vorstellung eines solchen Szenarios in meinem Leben ist surreal. Daher hoffe ich, dass wir das bei uns nicht erleben werden. Sollte es jedoch so sein, wird die größte Auswirkung auf mich die Bewältigung dieser Erlebnisse.

Hatten Sie in dieser schweren Zeit auch ein besonders schönes Erlebnis? Einen besonderen Moment der Nächstenliebe oder ähnliches?

Ich werde meiner Freundin einen Heiratsantrag machen. Sofern sie mit "ja" antwortet, wird das sicherlich das schönste Ereignis in dieser Zeit sein.

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Noch sind es keine Scharen an Corona-Infizierten, die in die Klinik, in der Marius S. arbeitet, strömen. Doch klar ist: Wenn die Zahl der Erkrankungen weiterhin exponentiell ansteigt, dann sind es vor allem auch die Ärzte und das Pflegepersonal, die die Auswirkungen der Pandemie besonders zu spüren bekommen werden.

Sie wollen wissen, wie sich die aktuelle Lage auf andere Berufsgruppen auswirkt? Lesen Sie hier über den Corona-Alltag einer Kassiererin Auch eine Yoga-Trainerin hat mit BILD der FRAU online über ihren Alltag gesprochen.

Auf unserer umfangreichen Themenseite zum Coronavirus informieren wir Sie über alles, worüber sich die Menschen derzeit den Kopf zerbrechen. Zum Beispiel, wie Sie sich am besten vor dem Coronavirus schützen können und welche Auswirkungen das Coronavirus Sars-CoV-2 auf Deutschland hat. Erfahren Sie außerdem, wie sich der Shutdown auf das ganze Leben auswirkt.

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