19.03.2020

Der Alltag im Zeichen des Virus Corona? "Ist alles so normal, wie es eben geht"

Von

Wie wird das Leben im Zeichen von Corona? Was verändert sich für uns und wie fühlt es sich an? Gedanken aus dem Homeoffice.

Foto: iStock/portishead1

Wie wird das Leben im Zeichen von Corona? Was verändert sich für uns und wie fühlt es sich an? Gedanken aus dem Homeoffice.

Wie fühlt sich das Leben in Zeichen von Corona an? Was macht der Ausbruch des Virus mit uns? Von Geometrie, dem Genuss des Rasenmähens und neuen Gemeinschaften.

Es ist Frühling geworden, ein Rasenmäher, der sich über die frisch aufblühende Wiese schiebt. Ein beruhigendes Geräusch, gleichmäßig, monoton. Zwischendurch das Zwitschern der Vögel, ansonsten Stille. Die Kinder sitzen im heimischen Wohnzimmer und brüten über ihren Hausarbeiten. Dieser Tag ist kein Samstagnachmittag, es ist 11 Uhr – ein normaler Arbeitstag an einem normalen Wochentag. Eigentlich. Aber alles ist anders. Jetzt. Die Angst vor der Ausbreitung des Coronavirus hat die ganze Familie in eine Art Zwangsgemeinschaft in die heimischen vier Wände verbannt. Ich sitze vor dem Computer, der sonst in einer quirligen Redaktion mit lauter fleißigen Redakteurinnen und Redakteuren steht, in der auch mal laut gelacht und viel diskutiert wird, Menschen beim Kaffee zusammenstehen oder zum nächsten Meeting rennen.

Jetzt sitze ich allein im Arbeitszimmer und schaue aus dem Fenster, sehe meinen Vater, wie er den Rasenmäher über das frische Grün schiebt. Ich liebe dieses Geräusch, umso mehr, als es Zeichen einer Normalität ist, die wir zurzeit missen müssen. Normal ist gerade wenig. Das Einkaufen wird zum Spießrutenlauf, die Sozialkontakte beschränken sich auf ein winkendes Hallo zwischen Nachbarn, der Wuhan-Shake mit den Füßen ist anfangs lustig, aber irgendwie auch immens traurig. Die Kleinen sollen ihre Großeltern nicht mehr umarmen, Freunde müssen den wöchentlichen Fernsehabend absagen, Konzerte, Restaurant- und Kinobesuche sind auf unbestimmte Zeit verschoben.

Corona und die Quarantäne: Was ist das für ein Gefühl?

Gestern war der vorerst letzte Tag in der Redaktion, die letzten Mitarbeiter trugen ihre Laptops und Bildschirme zur Tür heraus, verabschiedeten sich "auf bald". Man blickte sich länger als sonst in die Augen. Physische Nähe wird jetzt durch digitale Erreichbarkeit ersetzt. Grünpflanzen wurden auf einem Tisch gesammelt, Schnittblumen entsorgt, der täglich gelieferte Obstkorb war schon abbestellt. Als meine Kollegin und ich die Räume verließen, herrschte ungewohnte Stille. Noch einmal ansehen, nicht umarmen, einen lieben Gruß auf den Weg und ins Auto steigen. Meine Knochen fühlten sich bleischwer an. Als die Ampel auf Rot stand, sank mein Kopf auf das Lenkrad und als ich wieder nach oben blickte, sah mich ein Junge aus dem Busfenster an. Ich lächelte etwas müde und hob den Daumen, er lächelte zurück und erwiderte den Gruß. Seine Mutter strich ihm versonnen über den Kopf. Auch für ihn war es der vorerst letzte Schultag mit seinen Freunden.

Was ist das für ein Gefühl? Traurigkeit, Ungewissheit, Angst? Von allem etwas vielleicht. Wir wissen nicht, wann diese Situation vorbei sein wird, wann wir wieder gemeinsam feiern und uns beim Torbejubeln wieder in die Arme fallen dürfen. Nichts ist planbar. Wird sich das Leben grundlegend verändern? Aber viel wichtiger: Sind wir Menschen gar nicht so abgebrüht und anonym, wie wir uns immer einreden? Wir diskutieren, wir streiten, wir lieben, wir sind soziale Wesen und brauchen Nähe. Nur das dürfen wir zurzeit eben nicht.

Das Fernbleibenmüssen eint uns mehr, als wir denken

Das Fernbleibenmüssen. Eint es uns mehr, als wir denken? Ist diese komplett neue Situation auch eine Chance zu begreifen, wie wichtig der Alltag ist? Einkaufen, arbeiten gehen, den Kindern zuhören, wenn sie von ihrem Schultag erzählen. Alles, was von uns sonst "stressiger Alltag" geschimpft wird. Jetzt vermissen wir ihn. Wir brauchen diese Struktur, das Wissen, uns zur Arbeit bewegen zu können, um uns dann auf den Feierabend daheim zu freuen, mit der Familie im Park zu picknicken und sich mit den Freunden in der Kneipe die Köpfe heiß zu diskutieren.

Der 16-jährige Sohn bekam schon am Sonntag einen Lagerkoller und beschloss, zur Nachtzeit mit Kopfhörern seine stattlichen 1,90 um den Block zu tragen, um mal "durchzuatmen". Die 18-jährige Tochter und stolze Mieterin in einem Studentenwohnheim rief am selben Tag an und fragte, ob sie für einige Zeit "nach Hause kommen dürfe".

Während diese Zeilen geschrieben werden, stecken zwei kleine Menschen im Wohnzimmer die Köpfe über Division und Geometrie mit ihrer erwachsenen Schwester und der "besten Lehrerin der Welt" zusammen. Ein Zimmer weiter läuft eine Skypekonferenz zwischen dem Biolehrer und seinen Schülern des 11. Jahrgangs.

Die Rasenmähergeräusche sind inzwischen verstummt. Mein Vater füttert das Huhn, das sich die Frühlingssonne auf das weiße Gefieder scheinen lässt. "Du kannst uns nicht verbieten, die Kleinen zu sehen" – der Satz meines Vaters trifft ins Schwarze. Der gutgemeinte Rat, die Großeltern vom wirbeligen Nachwuchs fernzuhalten, den sie sonst vier Tage in der Woche nach Schule und Hort betreuen, klingt absurd. Beide Seiten haben sich darauf verständigt, das Kuscheln auszusetzen, lassen sich aber das gemeinsame Spielen im Garten nicht verbieten. "Ist alles so normal, wie es eben geht", philosophiert mein 10-Jähriger. Und der Kleinen, die ein Stück Kuchen in der Hand hält, ist das alles gerade egal.

Sie wollen mehr zum Thema wissen? Eine Familie berichtet, wie sie mit dem Coronavirus in Quarantäne lebt. Informieren Sie sich auch, was bei einem Verdacht auf Ansteckung zu tun ist und wie die aktuelle Situation beim Reiserecht ist: Bleiben Urlauber wegen Corona jetzt auf ihren Kosten sitzen?

In unseren Videos erfahren Sie mehr zum Coronavirus:

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen
Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen

Auch auf unserer Themenseite Coronavirus gibt es viele lesenswerte Artikel.

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen

Beschreibung anzeigen