19.12.2019 - 17:45

Eine Kinderdorfmutter erzählt So feiern meine Schützlinge und ich gemeinsam Weihnachten

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Uschi Krause (Mitte) arbeitet seit 23 Jahren als Kinderdorfmutter. Im Interview erzählt sie, wie sie mit ihren Schützlingen im Kinderdorf Weihnachten feiert.

Foto: Hanna Irabi / Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke

Uschi Krause (Mitte) arbeitet seit 23 Jahren als Kinderdorfmutter. Im Interview erzählt sie, wie sie mit ihren Schützlingen im Kinderdorf Weihnachten feiert.

Uschi Krause ist Hausmutter in einem Kinderdorf. Dort lebt sie zusammen mit Kindern, die nicht bei ihren Familien aufwachsen können, gibt ihnen so ein Zuhause. Im Interview erzählt sie, wie sie alle zusammen die Weihnachtszeit und das Fest verbringen.

Plätzchenduft liegt in der Luft, das ganze Haus leuchtet weihnachtlich, der Flur hängt voller Adventskalender für die sieben Kinder, die hier leben. Uschi Krause und ihr Mann Andreas arbeiten seit 23 Jahren als Kinderdorfeltern. Zusammen mit einem kleinen Erzieherteam geben sie Kindern, die nicht bei ihren Familien aufwachsen können, ein Zuhause.

Die Weihnachtszeit zählt für die Kinder zu der schönsten des Jahres, die Tage sind mit Basteln, Wunschzettel Schreiben und Backen gefüllt, die Kinder sind aufgeregt, zählen die Tage bis zum Heiligen Abend. Dann wird die Familie mit den leiblichen Kindern der Krauses und den ehemaligen Kinderdorfkindern, die die Festtage bei der Familie verbringen wollen, noch größer als normalerweise. Wie alle zusammen im Kinderdorf Weihnachten feiern, erzählt Uschi Krause im Interview.

Interview mit Kinderdorfmutter Uschi Krause: So feiert sie mit ihren Schützlingen Weihnachten

Wie kamen Sie und Ihr Mann auf die Idee, Hauseltern zu werden?

Uschi Krause: Das ist eine lange Geschichte. Ich war vorher viele Jahre Kitaleiterin, musste mich zur Wende neu orientieren und habe mich hier als Erzieherin beworben. Ein Jahr habe ich hier als Erzieherin gearbeitet, habe mich sehr wohl gefühlt, fand es sehr interessant, wie das funktioniert, mit so vielen Kindern zu leben. Dann wurde ich gefragt, ob ich Hausmutter werden will. Ich habe zuerst etwas gezögert, aber mein Mann war Feuer und Flamme, er meinte, für mich wäre das genau das richtige. Seitdem machen wir das hier, mit vielen Höhen und Tiefen natürlich, man braucht Nerven wie Drahtseile. Aber es ist eine sehr interessante Aufgabe, sehr abwechslungsreich, langweilig wird’s nie.

Wie versuchen Sie, den Kindern, die zu Ihnen kommen, zu helfen?

Meine Herausforderung ist, jedes Kind dort abzuholen, wo es steht. Ich muss ein Gefühl für das Kind entwickeln und mir überlegen, wie ich ihm helfen kann, mit dem Päckchen, das es zu tragen hat, klarzukommen. Unsere Aufgabe ist, die Kinder ein Stück zu begleiten, ihnen ein anderes Verständnis von Familie zu geben, als das, was sie gelernt haben. Es ist toll zu sehen, dass viele Kinder, die hier bei uns gelebt haben, jetzt ihren Weg gehen.

Wer wohnt aktuell alles bei Ihnen im Haus?

Sieben Kinder zwischen 8 und 13 Jahren, unser Hund Gjafar, mein Mann und ich. Es sind drei Geschwisterpaare und ein Einzelkind, insgesamt sechs Mädchen und ein Junge. Außerdem bekommen wir Unterstützung von zwei Erzieherinnen, die aber nicht hier im Haus leben, sondern uns im Alltag unterstützen.

Die Kinder haben viel Mitspracherecht bei der Gestaltung ihrer Zimmer

Haben die Kinder alle ein eigenes Zimmer?

Ja, die Kinder haben bis auf ein Geschwisterpaar, das fast im selben Alter ist und sich sehr gut versteht, alle ein Einzelzimmer. Uns ist wichtig, dass die Kinder viel Mitspracherecht bei der Gestaltung ihrer Zimmer haben, was die Einrichtung oder die Farbe der Wände betrifft. Vieles haben sie auch selber gestaltet, alles ist sehr individuell. Eigentlich fast wie bei eigenen Kindern.

Nun steht Weihnachten vor der Tür. Die Kinder freuen sich sicher schon. Gibt es zu Weihnachten bestimmte Rituale?

Ja, seit vielen Jahren wird bei uns vormittags am 24. der Baum geschmückt. Dann mache ich die großen Weihnachtstüten und Weihnachtsteller für die Kinder und meine leibliche Familie fertig, 20 Stück, für jeden einen. Wenn es aufs Kaffeetrinken zugeht, ziehen die Kinder sich alle schick an. Wir zünden Kerzen und Räucherkerzen an, alle Lichter im Haus leuchten. Um 16 Uhr klopft der Weihnachtsmann, der seit 12 Jahren jedes Jahr zu uns kommt, ans Fenster. Er bekommt vorher eine Mail mit Infos über die Kinder von mir – natürlich positiv und ressourcenorientiert. Die liest er dann aus seinem großen roten Buch vor. Die Kinder staunen ihn dann immer mit großen Augen an, wenn er weiß, was gerade gelaufen ist, das ist so herrlich. Wenn er fertig ist, singen die Kinder ihm etwas vor und überreichen selbst gemalte Bilder.

Und dann ist Geschenkzeit?

Ja, danach packen die Kinder ihre Geschenke aus und spielen damit. Wir sind Weihnachten mit meinen Kindern und den mir anvertrauten Kindern insgesamt ja meist mindestens 15 Personen, das ist schon sehr turbulent, das hat mit ruhig und besinnlich nichts zu tun. Wenn die Kinder alle ausgepackt haben, kommen sie mit ihren Geschenken. Sie wollen uns natürlich auch etwas Gutes tun, mit Dingen, die sie geschrieben oder gebastelt haben, tolle Sachen.

An Heiligabend gibt's einen großen Topf mit Würsten

Bei so vielen Personen im Haushalt, wie groß oder klein fällt der Gabentisch aus?

Ich denke, die Kinder bekommen oftmals wirklich die Sachen, die sie sich gewünscht haben. Und natürlich jede Menge Süßigkeiten. Ich versuche, über das Jahr immer mal was zurückzulegen, um den Kindern zu Weihnachten eine Freude zu machen.

Gibt es Regeln/Vorgaben beim Verschenken, damit sich niemand benachteiligt fühlt?

Ja, für jedes Kind steht dasselbe Budget zur Verfügung. Ich lasse mir die Wünsche von den Kindern aufmalen, aufschreiben, aufkleben – je nachdem, wie sie es gerade können. Es hat sich noch nie jemand benachteiligt gefühlt, weil sie ja ihre Wünsche selber alle abgeben. Die Kinder strahlen, sie freuen sich, wenn sie dann alles aufgebaut sehen. Wie lange es hält, ist natürlich manchmal eine andere Frage (schmunzelt).

Steht etwas Besonderes auf dem Fest-Speiseplan? Gibt es eine Weihnachtstradition, die alle gerne essen?

An Heiligabend gibt es immer einen großen Topf Würste, bestimmt 60 Stück, das lieben die Kinder. Abends gibt es dann einen Karpfen, inklusive Karpfen küssen, am ersten Feiertag eine Gans mit Rotkohl und am zweiten Feiertag immer Kaninchen und Grünkohl. Mein Mann ist unser Chefkoch, das macht er für sein Leben gern. Da bin ich ihm auch sehr dankbar, weil die Kinder mich doch sehr vereinnahmen an den Feiertagen.

Dürfen alle mithelfen?

"Alle" ist bei so vielen Kindern natürlich ein bisschen schwierig. Aber es gibt vereinzelt Sachen, wo die Kinder ein bisschen unterstützen dürfen. Zum Beispiel Klöße machen oder Gemüse und Salat schnippeln, das lieben sie. Und sie gucken, gucken, gucken. In die Töpfe, in den Ofen, wenn die Klöße hochkommen, da sind sie alle dabei.

An den Wochenenden wird ganz viel gemeinsam gebacken

Bei so vielen Personen – passen eigentlich alle an einen Esstisch?

An einen Esstisch passen wir Heiligabend nicht mehr, es wird dann noch ein kleiner Tisch dazu gestellt. Da sitzen dann die kleineren Kinder, zum Beispiel meine Enkelkinder. Und das ist auch völlig ok für die, die können da ordentlich rummatschen und sind da völlig zufrieden.

Was geht meistens schief zu den Festtagen, worüber trotzdem alle lachen können?

Manchmal bekommen wir Spielzeug geschenkt, bei dem die Batterien fehlen. Dann sind die Kinder natürlich enttäuscht. Deswegen versuchen wir, immer ein paar Batterien vorrätig zu haben. Bis jetzt haben wir die Sachen dann immer noch zum Laufen bekommen.

Gibt's vorher eine gemeinsame Weihnachtsbäckerei?

Selbstverständlich. Wir backen immer mal an den Wochenenden, das können sie alle und das machen sie gerne mit.

Wie wichtig ist es den ehemaligen Kinderdorfkindern, an Weihnachten dabei zu sein?

Einigen sehr. Muss ich einfach so sagen. Gerade denjenigen, die noch keine eigene Familie gegründet haben, ist es ganz wichtig, hier dabei zu sein. Ein Mädchen habe ich vor kurzem gefragt, was sie sich zu Weihnachten wünscht, da hat sie geschrieben "ich möchte einfach nur bei euch sein, Spaß haben, die Düfte und gutes Essen wie in meiner Kindheit genießen." Das hat mich schon berührt. Hier ist immer Spaß und Trubel, und ich freue mich über jeden, der kommt.

  • Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke: In zehn Bundesländern und rund 450 Einrichtungen sind sie für Kinder und Familien da, die Hilfe suchen und brauchen. Kindern, die aus verschiedenen Gründen nicht zu Hause leben können, geben sie ein Zuhause. Liebevoll, beschützt und zuverlässig in Kinderdorffamilien oder familienähnlichen Strukturen. 2.200 Mitarbeitenden bieten Hand und Hilfe in Kinderdörfern, Wohngruppen, Schulen, Kitas, Familienzentren, Jugendtreffs, Fachstellen für Kinderschutz, Kliniken, im Frauen- und Kinderschutzhaus und zusätzlich in der Alten- und Behindertenhilfe.

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Wohl die wenigsten Menschen waren schon einmal in einem Hospiz, geschweige denn in einem Kinderhospiz. Dabei ist gerade dies ein Ort der Lebensfreude, sagt der Schauspieler Falk-Willy Wild. Er ist Botschafter der Björn-Schulz-Stiftung, der unter anderem das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gehört. Im Interview verrät er, was wir alle von den kleinen, mutigen Patienten lernen können.

Wie ist eigentlich die rechtliche Lage bei Kinderheim-Plätzen? Wer finanziert sie? Wer hat einen Anspruch darauf? Viele Fragen rund um Rechtsthemen beantworten wir Ihnen auf unserer Themenseite.

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