08.11.2019

30 Jahre Mauerfall Flucht-Drama: "Wir wussten nicht, ob wir uns je wiedersehen"

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Katrin Linke und Karsten Brensing auf dem Petersplatz ihrer Heimatstadt Erfurt. 2009 sind sie hierher zurückgezogen.

Foto: Jörg Riethausen

Katrin Linke und Karsten Brensing auf dem Petersplatz ihrer Heimatstadt Erfurt. 2009 sind sie hierher zurückgezogen.

Ein Jahr lang hatten Katrin Linke und Karsten Brensing ihre gemeinsame Flucht aus der DDR geplant. Nun teilen sie ihre Geschichte mit BILD der FRAU.

2019 feiert Berlin und Deutschland das Jubiläum des Berliner Mauerfalls im Jahr 1989. BILD der FRAU liefert dazu die Geschichte von Katrin Linke und Karsten Brensing – ein Paar das von ihrer Flucht aus der DDR erzählt.

30 Jahre Mauerfall: Unglaubliche Geschichte über die Flucht aus der DDR

Plötzlich steht da dieser Zaun. Wir sind mit Katrin Linke und Karsten Brensing auf dem Erfurter Petersberg, wollen Fotos für diese Reportage machen. Zwei Meter ist die Absperrung hoch, lässt sich nicht verschieben, rüberklettern geht auch nicht.

Doch Karsten Brensing hat schnell einen kleinen Spalt entdeckt. "Da gehen wir jetzt durch!". Von Mauern oder Zäunen haben sich Katrin und Karsten, heute beide 52 Jahre alt, noch nie aufhalten lassen. Auch nicht im August 1989.

Damals sind sie unter Einsatz ihres Lebens aus der DDR in den Westen geflohen. Passend zum Jubiläum der Wiedervereinigung erzählen sie BILD der FRAU ihre unglaubliche Geschichte.

Sie beginnt im Sommer 1988. Ihr Cousin sitzt wegen Republikflucht im Gefängnis. Katrins einer Bruder ist schon seit einem Jahr im Westen, der zweite hat den Ausreiseantrag bereits gestellt. "Ich wollte zu ihnen", beginnt Katrin. "Ich verspürte ein riesiges Ungerechtigkeitsgefühl.".

Auch Katrins Kumpel Karsten will weg. Der Erfurter fühlt sich vom Staat gegängelt. Karsten: "Ich wollte Meeresbiologe werden, sollte mich dafür aber von meiner West-Verwandtschaft lossagen. Mein Zorn auf das System wurde immer größer.".

Die jungen Leute schmieden Fluchtpläne. Sie wollen ihr Glück über den Ostblock versuchen, mit gefälschten Visa über die Sowjetunion nach Japan raus. Oder, wenn das nicht gelingt, von Ungarn durch den Neusiedler See in die Freiheit schwimmen.

Woche um Woche trainieren Katrin und Karsten im See, sie joggen sich die Lunge aus dem Leib, üben fasten, um länger ohne Nahrung auszukommen, machen alles zu Geld, was sie nicht brauchen.

"Es tat weh, Mutter nicht einzuweihen"

Als es endlich darum ging zu flüchten, so sagte Katrin, tat es weh " Mutter nicht einzuweihen. Sie ahnte es, sagte leise 'Sei vorsichtig', als wir uns umarmten."

Am 4. Juli 1989 fliegen Katrin und Karsten ab Leipzig in den "Urlaub" nach Moskau. Von dort geht's nach Taschkent in Usbekistan, wo ihnen ein Brieffreund aus Japan gefälschte Visa überreichen soll.

Die beiden warten am Flughafen, vier Tage lang. Der Mann kommt nicht. Katrin und Karsten sind enttäuscht, erschöpft. Also Ungarn! Sie fliegen nach Budapest. In der Botschaft kriegen sie keine Pässe zur Ausreise. An der Grenze zu Österreich werden sie geschnappt, landen eine Nacht im Knast.

Der Fluchtwille bleibt, wird immer stärker. Doch schwimmen? Katrin kriegt Panik. Die Dunkelheit, der Wellengang, die steilen Uferböschungen. "Und ohne Brille tauchen, sich unter Wasser orientieren? Ich hatte Angst.".

Die Freunde streiten, vertragen sich wieder, rücken noch näher zusammen. Aus ihrer Freundschaft wächst die Liebe, die sie durchhalten lässt.

Und dann kommt sie doch noch, die große Chance

Beim Trampen zum Balaton, Ungarns Plattensee, lernen Katrin und Karsten zwei junge Frauen aus Stuttgart kennen. "Wir möchten euch helfen", sagt eine. Karsten fragt sofort: "Nehmt ihr Katrin auf der Rückfahrt mit?" Die schaut ihn ungläubig an. Er nimmt sie in den Arm. "Wir schaffen es nur getrennt.".

Eine Woche später, es ist der 13. August 1989. Antje und Anke, um die 19 Jahre alt, warten im VW Polo am Treffpunkt. Katrin küsst Karsten. "Das war schwer, wir waren so viele Wochen zusammen. Nun sollte ich allein fort."

Sie fährt mit den Frauen los. Kurz vor der Grenze legt sie sich in ihr Versteck in der Rückbank, die Frauen spannen Schaumstoff über sie. "Je näher wir Hegyeshalom kamen, desto wilder schlug mein Herz.". "Noch 20 Meter", ruft Antje Katrin zu. "Noch 15..."

Katrin: "An der Grenzkontrolle hab ich mich kaum getraut zu atmen." Jede Sekunde fühlt sich an wie ein Jahr, die Gedanken rasen: Was wird aus mir, wenn sie mich entdecken?

"Passports!" Anke reicht sie dem Grenzer. "Ungarn very beautiful." Er winkt den Polo weiter. Dann hört Katrin den erlösenden Satz: "Wir sind durch." Sie kann's kaum glauben.

Für Karsten beginnt die eigentliche Flucht

Als Karsten abends aus der Telefonzelle Katrins Bruder im Westen anruft, gibt der grünes Licht. "Sie hat Wien erreicht, du kannst los." Karsten: "Das hat mir Kraft gegeben – für meine letzte Etappe."

Zwei Tage später, 15. August, 22.30 Uhr. Weil der geplante See zu wenig Wasser hat, steht Karsten nun am ungarischen Ufer der Donau, bei Mohács.

Jeans und Hemd hat er im Gebüsch versteckt. Mit Taucheranzug und Schnorchel lässt er sich ins dunkle Wasser gleiten. "Die Donau nahm mich auf. Ich schwor mir, dieses Gefühl nie zu vergessen.".

Eine Nacht lang schwimmt er, treibt mit der Strömung. "Die Donau war breiter, als ich berechnet hatte, aber ich kam voran." Bis ihn Suchscheinwerfer eines Patrouillenboots streifen. "Ich dachte: Das war's. Mein Herzschlag klang wie ein Vorschlaghammer." Das Boot dreht ab. Weiter...

Um 5.40 Uhr erreicht er Jugoslawien, steigt bei Bátina aus dem Wasser, am Ende seiner Kraft. Zwei Angler bringen ihn in die Stadt, von dort aus fährt er nach Belgrad, erhält im Konsulat Geld und Dokumente zur Weiterfahrt nach München.

Das warten hat ein Ende

Vier Tage später, im Aufnahmelager in Gießen. Katrin schläft kaum noch. Ob Karsten es schafft? Dann sieht sie sein blaues Poloshirt. Sie rennt los. "Wir konnten uns nicht mehr loslassen, haben nur noch gelacht.".

Drei Monate später fällt in Berlin die Mauer. Da sind Katrin und Karsten schon mittendrin im neuen Leben. Sie studieren, jobben, ziehen später von Göttingen nach Kiel und Berlin. Urlauben in Südamerika, Israel und Amerika, leben ein Jahr in Florida, wo Karsten nun endlich Delfine erforscht.

Katrin zieht Fotos aus einem Karton. "1997 haben wir im Segelschiff den Atlantik überquert. Die Welt war riesig und wunderschön." Ihre Augen funkeln neugierig. Immer noch.

Heute arbeitet Katrin als Wissenschaftsjournalistin fürs Fernsehen, Karsten ist Meeresbiologe und schreibt Bestseller. 2009 kehrten beide nach Erfurt zurück, wo sie ein Haus bauten und ihre Zwillinge bekamen (heute 6).

Was die beiden wieder in ihre alte Heimat zog? "Die Grundstückspreise", scherzt er. Sie lacht. Sagt nachdenklicher: "Hier wird mir warm ums Herz, in dieser Landschaft sind alle Wunden geheilt. Nachts kann man hier sogar Glühwürmchen sehen.".

Glühwürmchen, die die Freiheit haben, überall hin zu fliegen. So wie Karsten und Katrin heute im vereinten Deutschland. In dem Ost und West nur noch Himmelsrichtungen sind.

BUCH-TIPP: Über ihre Flucht haben Katrin Linke und Karsten Brensing auch ein Buch geschrieben: "Eine Liebe ohne Grenzen"(Lübbe, 22 Euro).

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Erleben Sie, wie dieser Zeitzeuge den Mauerfall erlebt hat:

"Immer noch Gänsehaut" - Mauerfall-Zeitzeuge ist den Tränen nah

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Erinnern Sie sich noch daran wie David Hasselhoff seinen Kult-Auftritt an der Berliner Mauer hinlegte? Pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls startet er seine Deutschland-Tournee. Auf der will Hasselhoff sich auch an einem Udo-Jürgens-Klassiker versuchen.

Auch Deutschlands beliebtes Schlager-Sternchen Nicole (55) erinnert sich an den Mauerfall zurück.

Sie haben Lust auf viele weitere spannende Geschichten? Dann lesen Sie mehr auf unserer Themenseite rund um TV-Sendungen.

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