07.10.2019

Stiftung Warentest Lebensmittelverpackungen: So können Sie Müll im Alltag vermeiden

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Obst und Gemüse in Plastik: Wieviel Verpackung muss sein?

Foto: iStock / VLG

Obst und Gemüse in Plastik: Wieviel Verpackung muss sein?

Unglaublich, aber wahr: 2016 stopfte jeder Bundesbürger durchschnittlich 103,5 Kilogramm privaten Verpackungsmüll in die Tonne. Der größte Anteil daran hat die Lebensmittelverpackung.

Unsere Lebensmittel sind verpackt, leider oft viel zu aufwändig. Wieviel Verpackung benötigen wir und wo ist Verpackung reine Umweltsünde? Stiftung Warentest wollte wissen, wieviel Verpackungsmüll tatsächlich in einem privaten Haushalt anfällt und wie er sich vermeiden lässt. Das sind die Ergebnisse.

Den ausführlichen Erfahrungsbericht lesen Sie hier.

Verpackungsmüll als Umweltsünde: Was benötigen wir wirklich?

Das Umweltbundesamt (Uba) rät dazu, Verpackungen zu nutzen, die möglichst wenig Material und Ressourcen benötigen. Mehrweg ist logischerweise besser als Einweg, und Getränke von regionalen Abfüllern sind "weitgereisten" Säften vorzuziehen.

Wenn in bestimmten Fällen nur Einweg möglich ist, sollte es aus nur einer Materialart gefertigt sein, um recycelt zu werden. Schlecht zu recyceln sind untrennbare Schichten verschiedener Materialien, dazu gehören auch rußgefärbte Stoffe und viele Bio-Kunststoffe. Diese werden zur Zeit noch verbrannt.

2016 landete die Hälfte des Plastikmülls in der Verbrennungsanlage, die andere Hälfte wurde als Recyclingrohstoff wiedereingesetzt. Das Problem: 11 Prozent der recycelten Kunststoffpackungen wurden nach Südostasien exportiert. Umweltschützer zweifeln aber an der dortigen Aufbereitungspraxis. Sie gehen vielmehr davon aus, dass dieser Müll entweder ins Meer gerate oder an Land vor sich hinrotte und sich zu gefährlicher Mikroplastik zersetze.

Die größten Umweltbelastungen entstehen natürlich schon bei der Herstellung: Cocktail-Tomaten aus beheizten Gewächshäusern oder Fleisch zum Beispiel haben neben dem Verpackungsproblem ein weitaus größeres Negativkonto seitens der Produktion. Auch hier sollte man auf saisonale Produkte und regionale Erzeugung achten.

Diese Verpackungen sind sinnvoll

Die meisten Lebensmittel und Drogerieprodukte, die täglich verbraucht werden, sind verpackt. Aus hygienischen Gründen sind einige Verpackungen wie Glasflaschen oder Kartons nicht zu vermeiden, da sie zum Beispiel Milch vor Keimen schützen.

Plastiktüten, deren Ausgabe im nächsten Jahr ohnehin verboten ist, werden von vielen Verbrauchern bereits gemieden. Ob Obstnetze, Jutebeutel oder Frischhaltedosen: Obst, Gemüse und Brot kann man in mitgebrachten, mehrfach zu benutzenden Verpackungen transportieren und aufbewahren.

Und die Ökobilanz? Auf die Frage, wie lange eine Mehrtasche genutzt werden muss, um die Umwelt zu entlasten, weiß die Deutsche Umwelthilfe: Wenigstens drei bis zehnmal, dann sei die Ökobilanz besser als die der Einwegplastiktüte. Mit einer Baumwolltasche müssen es mindestens 30 Einkäufe sein. Der Grund: Polyester sei umweltschonender zu produzieren als Baumwolle.

Der Griff zur Papiertüte ist keine Option, so die Umweltschützer: Theoretisch ist ihre Bilanz gegenüber der Plastiktüte nach vier Einkäufen erreicht, praktisch funktioniert das aber kaum, da Papiertüten schnell reißen. Die Ressourcen Holz und Chemikalien wandern somit in der Regel nach einem Gebrauch auf dem Müll.

Ganz ohne Verpackung? Das Hygiene-Problem

Wer aus ökologischen Gründen Fleisch, Fisch, Wurst, Käse an der Theke kauft, damit es unverpackt ist, kann mitunter Probleme bekommen. Wer sich eigene Dosen mitbringt, muss sich eventuell mit der Begründung der möglichen Keimverbreitung über die Dose mit der Papierverpackung an der Frischetheke zufriedengeben. Das ist von Laden zu Laden aber verschieden. Ausprobieren lohnt in jedem Fall.

Glas und Biokunststoff besser als herkömmliches Plastik?

Die Materialien Glas und Biokunststoff werden von vielen Verbrauchern als ökologischer eingeschätzt. Das stimmt aber nicht immer.

Mais, Kartoffeln, Holz werden als nachwachsende Rohstoffe für biobasierte Packungen eingesetzt. Die Gründe: Sie sind leicht und es fallen weniger Treibhausgase an als für die Herstellung erdölbasierten Plastiks. Das Umweltbundesamt sieht dagegen etliche Nachteile: Mais wird oft in Monokulturen unter Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden angebaut. Wird er für Verpackungen genutzt, kann er nicht mehr als Nahrungsmittel eingesetzt werden. Außerdem enthalten Bioverpackungen, wie herkömmliches Plastik, auch Zusatzstoffe.

Kompostpackung sind ein Problem: Packungen aus pflanzlichen oder fossilen Rohstoffen können hierzulande kaum verrotten. Denn, was sich „kompostierbar“ nennt, muss in 12 Wochen bei 60 Grad Celsius zu 90 Prozent abgebaut sein. Das Problem: Auf Komposten herrschen keine 60 Grad und in entsprechenden Kompostieranlagen wird Biomüll oft schon nach vier Wochen verwertet. Diese Alternativverpackungen werden zurzeit also noch verbrannt statt recycelt.

Die Sache mit dem Wasser: Mehrweg ja, aber lieber Glas oder Plastik?

Glas-Mehrwegflaschen für Mineralwasser sind zwar bis zu 50-mal befüllbar und gut recycelbar, allerdings ist der Energieaufwand für die Herstellung sehr hoch. Auch beim Transport ist die Ökobilanz nicht ideal: Für Transporte weiter als 100 Kilometer sind leichte Kunststoff-Mehrwegflaschen besser, da die Lkw weniger Sprit brauchen. Aber: Auch wenn viele wegen des Pfands in den Handel zurückkehren und recycelt werden – nur jede Dritte wird zu einer neuen Flasche. Einwegplastikflaschen sind dagegen gar keine Option.

Die Lösung: Trinken Sie Leitungswasser. Das reduziert die Flut der Flaschen um 1 250 Stück im Jahr. Wer es spritzig mag, greift zum Wassersprudler. In der Regel ist die Qualität des Leitungswassers einwandfrei. Kann man Wasser aus dem Hahn bedenkenlos trinken?

Milch in Glas-Mehrwegflaschen ist nur sinnvoll, wenn die Milch von regionalen Abfüllern stammt. Wenn Frischmilch von weiter weg kommt, sind leichte Kartons wie Tetrapak besser, da der Transport weniger Energie verbraucht.

Biogemüse in Plastik?

Leider wird Bioobst und -gemüse im Discounter immer noch in Plastik verpackt angeboten: Der Grund: Die Verpackungen sollen verhindern, dass Bioware mit Nicht-Bio-Produkten in Berührung kommt. Verpackungen ermöglichen außerdem den Abdruck von Pflichtangaben zu Herkunft und Öko-Kontrollstellen. Wer in reinen Bio-Märkten einkauft, kennt diese Besonderheit nicht, denn hier besteht kein Vermischungsproblem, die Pflichtangaben sind zudem auf Kreidetafeln ablesbar.

Große Packungen kaufen, wo es sinnvoll ist

Ein mittelgroßer Haushalt kann Verpackungsmüll einsparen, wenn er größere Packungen mit Lebensmitteln kauft. Dafür sollte das Lebensmittel aber lange genug haltbar sein. Ideal ist das bei Tee und Kaffee, hier werden Teebeutel und Kapseln unnötig. Wer größer einkauft, kann also den Verpackungsberg schrumpfen. Das funktioniert aber nur, wenn keine Lebensmittel weggeworfen werden müssen.

Unverpackt-Läden: Eine Alternative

Seit 2014 gibt es in Deutschland den ersten Unverpackt-Laden, heute ist ihre Zahl auf 140 gestiegen. Verkauft wird nur lose Ware. Jeder Kunde bringt also sein eigenes Gefäß/Behältnis mit, das gewogen wird. Dann kann man sich aus großen Spendern oder Tanks die benötigte Menge an Lebensmitteln abfüllen.

Der Vorteil: Es gibt null Verpackungsmüll. Der Nachteil: Die Auswahl ist naturgemäß begrenzt, vor allem Trockenware wird angeboten. Und der Preis ist auf Biohandel-Niveau. Außerdem benötigt man für den Einkauf durch das Abwiegen von Gefäß und Ware mehr Zeit.

Nachfüllpacks sparen Müll ein

Vor allem im Drogerie-, aber auch im Lebensmittelhandel können Nachfüllpacks eine Alternative sein. Waschmittel, aber auch haltbare Lebensmittel wie Salz können in größeren Nachfüllpacks effektiv sein. Achten Sie hier aber auch das Material und die Dicke des Nachfüllpacks sowie die Haltbarkeit des Lebensmittels.

Verpackungsmüll: Und was tut der Staat?

Doppelt verpackte Süßigkeiten, wenig Lebensmittel in luxuriös aufgeblähten Verpackungen, mehrfach eingeschweißte Lebensmittel, diese unnötigen Verpackungen gibt es zwar noch immer, aber: Das neue, seit Januar 2019 geltende Verpackungsgesetz reguliert Unternehmen stärker: Sie müssen jetzt beim zentralen Verpackungsregister Mengen und Materialien ihres Verpackungsmülls melden.

Je mehr Müll anfällt, desto mehr Geld kosten Sammlung, Recycling, Entsorgung durch ein duales System. Zwar war die Beteiligung an der Verwertung immer schon teuer für Unternehmen, viele Firmen aber drückten sich an der Mitfinanzierung, bis zu 90 Prozent sogar. Die Registrierung im Verpackungsregister soll die Zahlungsmoral jetzt verbessern und die Recyclingquote von 36 auf 63 Prozent steigern helfen.

Fazit: Sparen Sie da, wo es geht. Natürlich entscheidet auch der Geldbeutel, die persönliche Lebenssituation inkl. der Familiengröße, das eigene Zeitmanagement, ob jedes Lebensmittel im Bioladen gekauft oder selbst hergestellt werden kann. Allerdings lohnt es sich immer, die Augen offen zu halten und bewusster mit Verpackungsmüll umzugehen.

Quelle: Stiftung Warentest

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