10.05.2019

Bewegende Geschichte Ina Milert: Ich habe meine Tochter an die Drogen verloren

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Fünf Jahre kämpfte Ina Milert um ihr Kind – vergeblich. Ihre bewegende Geschichte hat sie BILD der FRAU erzählt.

Foto: Ulrike Schacht, privat (Collage BILD der FRAU)

Fünf Jahre kämpfte Ina Milert um ihr Kind – vergeblich. Ihre bewegende Geschichte hat sie BILD der FRAU erzählt.

Ina Milerts Tochter Lea stirbt, als sie gerade einmal 18 Jahre alt ist: Die Übermacht der Drogen ist zu groß, die Mutter kann ihr nicht mehr helfen.

Lea aus Hamburg ist 13 Jahre jung, als sie abrutscht. Crack, Heroin. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag springt sie in den Tod. Verkraften, sagt ihre Mutter Ina, kann man das wohl nie: "Ich würde alles geben für eine zweite Chance." Die tragische Geschichte einer verzweifelten Mutter, die ihr Kind an die Drogen verloren hat: Ina Milert erzählt sie BILD der FRAU – auch, um andere Jugendliche zu warnen, was Sucht anrichtet.

Drogentod mit 18: die bewegende Geschichte von Ina Milert und Tochter Lea

Sie wirkt nicht wie der Typ Mutter, der sein Kind kontrolliert. Aber an jenem 31. März 2003 treibt ein mütterlicher Instinkt sie an den Familien-Computer. "Ich rief den Chat auf, in dem Lea sich mit ihren Freunden schrieb." Und plötzlich steht da dieser Satz: "Ich will mir Heroin besorgen " Ihr Kind? Heroin? Mit 13? Ina Milerts Herz setzt aus.

"Ich war 27, als Lea 1989 auf die Welt kam", sagt Ina. Sie zeigt Bilder auf dem Handy: Lea als Baby, Lea bei der Einschulung, Lea im Urlaub auf Fuerteventura. "Sie war bildhübsch, hochintelligent und so fantasievoll, so begabt. Höchstens etwas Selbstbewusstsein fehlte ihr, sie war immer sehr zurückhaltend."

Das ändert sich in der Pubertät. "Plötzlich hing sie mit Leuten rum, die ich nicht kannte, kam später aus der Schule heim. Sie fing an zu klauen. Wir stritten oft, ich bat einen Kinder- und Jugendpsychologen um Hilfe. Der riet mir nur, mehr Grenzen zu setzen." An dem Tag, an dem Ina von dem Heroin liest, stürzt sie in Abgründe – und handelt sofort. "Ich schickte Lea mit ihrem Vater nach Zypern. Ich hoffte, dass sie den Mist in der Sonne vergisst." Lea weint, tobt am Telefon. "Sie hat mir so gefehlt. Als sie schwor, dass sie sich wirklich ändert, habe ich sie nach vier Wochen heimgeholt." Doch nur wenige Monate später schreibt Lea in ihr Tagebuch:

15.9.2003 "Ich will auf dieser Scheißwelt nicht mehr leben."

Leas Auf und Ab

Lea ist verzweifelt, klammert sich an ihren Freund Tarek, ein brutaler Typ. Er schlägt sie krankenhausreif. Ina: "Ich hab ihm Hausverbot erteilt, Lea gesagt, sie müsse sich sofort trennen." Doch das Mädchen schafft es nicht, rutscht an Tareks Seite immer tiefer in die Drogensucht. "Ich fand in ihrem Zimmer Crackpfeifen und blutige Spritzen." Versuche, mit Lea zu reden, scheitern. "Sie schmiss Sachen nach mir, schrie mich an." Die Mutter, selbst depressiv, muss in die Psychiatrie. Lea kommt kurz in eine Pflegefamilie, später bricht sie die Schule ab. Nach jedem Streit mit Tarek dröhnt sie sich zu.

6.1.2004 "Mir geht’s voll scheiße, ich finde eigentlich gar keinen Lebensgrund mehr."

Es geht auf und ab. Mal ist Lea wie ein schutzbedürftiges Kind, das der Mutter liebe Zettel schreibt, mit ihr shoppen und ins Kino geht, nachts neben ihr schläft. "Das waren Momente der Hoffnung." Aber sie halten nur kurz.

27.10.2004 "Es ist so schwer: Erst ist alles so schön bunt, dann fall' ich wieder in die dunkle Tiefe. Nur die ist länger da ... "

Drei Mal fährt Ina ihre Tochter in die Entgiftungsklinik, drei Mal bricht Lea ab. "Sie schämte sich, aber die Sucht war stärker." Auch der Aufenthalt in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie hilft nicht. Im Mai 2005 stellt das Jugendamt alle Hilfe ein. Da ist Lea knapp 16 Jahre alt.

Noch einmal schafft sie es, in die Normalität zurückzukehren, holt ihren Schulabschluss nach. Danach stürzt sie ab. Konsumiert alles, was sie am Hauptbahnhof kriegt. Bezahlt vom Taschengeld? Leas Mutter schüttelt traurig den Kopf, sie hat die Tagebücher ihrer Tochter gelesen: "Vielleicht auch von Freunden oder falschen Liebhabern", sagt sie.

2.6.2007 "Bin 18 geworden und habe die beschissensten Wochen meines Lebens hinter mir."

Der tragische Unfall

Am 6. September 2007 fährt Lea mit Freunden in den Hansapark. Es soll ihr letzter Ausflug werden. Ina: "Man sah ihr an, dass sie ihr Leben kaum noch ausgehalten hat.".

Es kommt der 7. September 2007, ein regnerischer Tag. "Vormittags rief Lea an, ohne etwas zu sagen. Abends kam sie nicht heim. Aber das war längst normal." Um 22.30 Uhr klingelt die Polizei. "Ihre Tochter hatte einen Unfall, wir bringen Sie ins Krankenhaus.".

Später erfährt Ina: Ihr Kind hat Crack geraucht, ist von der Brücke gesprungen, in die Tiefe gestürzt. Die Ärzte können Lea nicht retten. Morgens um 8.25 Uhr wird die Beatmungsmaschine abgestellt. Ina erlebt es wie im Nebel. "Ohne Valium hätte ich den Tag nicht überlebt.".

Wie schafft es eine Mutter, so einem Verlust zu verarbeiten? "Niemand sagt, dass ich es geschafft habe", sagt sie. "Ich denke pausenlos an sie, frage mich ständig, was ich hätte besser machen können.".

Der Umgang mit dem Verlust des Kindes

Am Anfang liegt Ina in Leas Jogginghose auf dem Sofa, wie krank, gelähmt. Sie kann nicht mehr in die Stadt fahren, wo sie shoppen waren. Gibt sich keine Mühe mehr mit ihrem Aussehen. "Alles war egal." Dann beginnt Ina Tagebuch zu schreiben. Sie liest Trauerbücher, geht laufen, macht Yoga, schafft sich einen Kleingarten an. "Ich bin zum Therapeuten und zur Elterngruppe gegangen", sagt sie. "Und habe einfach weitergeatmet." Die Mutter erkennt: Es wird nie mehr so, wie es war – aber es gibt ein anderes Leben. "Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich weitermachen kann."

Als Hilfe für andere Eltern hat Ina Milert ein Buch geschrieben. "Vielleicht kann Leas Schicksal dazu beitragen, dass Jugendlichen die Lust auf Drogen vergeht." Auf der ersten Seite steht ein Gruß, der einem das Herz zerreißt: "Für Lea. Danke für die gemeinsame Zeit. Ich hätte dich so gern besser kennengelernt.".

Inas Rat an andere Eltern

Was ich heute anders machen würde:

  • Informieren Sie sich schon vor der Pubertät, welche Drogen es gibt und wie sie wirken, auch wenn das Thema nicht aktuell ist. Falls es das einmal wird, sind Sie vorbereitet, um mit Ihrem Kind zu reden.
  • Versuchen Sie im Ernstfall, die Sucht von dem Kind als Person zu trennen. Ich musste viele Beschimpfungen von meiner Tochter einstecken und kämpfte gegen sie, bis ich lernte: Ein süchtiger Mensch ist nicht er selbst.
  • Liebe, Nähe und Wärme tun gut. Aber ein Kind kommt leider nur allein von den Drogen los. Auch wenn es hart ist: Machen Sie Ihre Tür zu, wenn es sich dem Entzug verweigert. Es muss "ganz unten" sein, um etwas zu ändern. Kuscheln rund um die Uhr hilft ihm nicht.
  • Gehen Sie mit Ihrem Kind zur Drogenberatung.

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Auch Jutta Andresen hat ihre Tochter verloren – allerdings durch einen Autounfall. Es bricht ihr das Herz – dennoch nimmt sie irgendwann Kontakt zum Unglücksfahrer und dessen Familie auf. Mit seiner Mutter ist sie heute befreundet – und hat zusammen mit ihr die ganze bewegende Geschichte aufgeschrieben.

Noch viel mehr Geschichten rund um starke Frauen lesen Sie auf unserer Themenseite.

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