21.03.2019

Gewicht ist nur das Symptom Nicole Jäger: "Weiblichkeit ist ein Lebensgefühl"

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Comedy-Star Nicole Jäger ist für viele Frauen Vorbild und Inspiration.

Foto: Reinaldo Coddou H.

Comedy-Star Nicole Jäger ist für viele Frauen Vorbild und Inspiration.

Nicole Jäger tourt weiter mit ihrer Show "Nicht direkt perfekt". BILD der FRAU sprach mit dem Comedy-Star über Weiblichkeit und Körperlichkeit.

Weiblichkeit – ihr Lieblingsthema im Gepäck tourt Nicole Jäger durch Deutschland. Schnell wird klar: darüber zu sprechen, hat immer auch etwas mit Körperlichkeit, Selbstakzeptanz und Verletzbarkeit zu tun. Deshalb gibt es in ihrem Stand-up-Comedy auch ernste Parts.

"Humor ist sehr heilsam und man kann mit ihm über Themen sprechen, über die man sonst nicht sprechen kann", sagt Nicole Jäger. "Ich glaube, ich kann meinem Publikum zumuten, dass sie lachen und nach Hause gehen und nachdenken." Gründe zum Nachdenken gibt sie ihm viele mit auf den Weg, ohne dabei den Zeigefinger zu heben. Denn: "Ich spreche über nichts, was ich nicht auch selbst erlebt habe. Ich finde Humor nur in Dingen, die ich selber witzig finde oder tragisch. Dazu muss ich sie im Regelfall selbst erlebt haben. Die Verletzungen, über die ich spreche, habe ich selbst erfahren und ich erfahre sie noch." Ein Aphorismus von Roland Rinnau bringt es auf den Punkt: Komik ist Tragik in Spiegelschrift.

Nicole Jäger: Weiblichkeit ist mehr als ein Geschlecht – es ist ein Lebensgefühl

"Ich weiß nicht, wie es ist, keine Frau zu sein. Insofern habe ich nur wenig Vergleichsmöglichkeiten, aber ich finde Weiblichkeit einfach unheimlich toll", sagt Nicole Jäger. Während sie das Weiche, Runde und Feminine mag, haben andere Frauen ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Weiblichkeit. Vielleicht auch, weil Mädchen häufig sehr früh vermittelt wird, dass sie eine Erwartung erfüllen und einer Norm entsprechen müssen. Das hinterlässt Spuren (manchmal auch Schäden), die Jahrzehnte später noch tief im Denken, Handeln und Fühlen verankert sind. Wenn Nicole Jäger in ihrer Show von Weiblichkeit, Körperlichkeit und Sexualität spricht, gibt sie ihren Zuhörern das Gefühl, mit ihren Problemen, Ängsten und Zweifeln nicht allein zu sein.

Sie selbst hat jahrelang mit Frauen gearbeitet, die ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbildlich ausgefüllt haben. Sie selbst blieben dabei jedoch auf der Strecke, haben den Kontakt zu sich und ihrer Weiblichkeit verloren, weil sie jahrelang damit beschäftigt waren, sich anzupassen und die Erwartungen anderer zu erfüllen: Sei lieb, sei brav, sei bescheiden, sei nicht wild, sei nicht laut! Tu‘ dies nicht und tu‘ das nicht! Fragen wie 'Empfinde ich mich als Frau? Als Wesen? Als was empfinde ich mich? Oder bin ich nur diejenige, die Geld nach Hause bringt und dafür zuständig ist, anderen das Leben schön zu machen?‘ kamen in dieser Zeit zu kurz.

"Ich würde gern allen Frauen raten: Bleib doch mal stehen, wo immer du in deinem Leben stehst und fang an zu gucken, was du wirklich willst. Ist das Leben, das du lebst, das Leben, das du wirklich willst oder das du glaubst, das du leben musst?", sagt Nicole Jäger. "Weiblichkeit ist viel mehr als ein Geschlecht. Bei mir ist es ein Lebensgefühl. Ich stehe morgens auf und bin eine Frau und gehe abends ins Bett und bin eine Frau. Ich lebe wie eine Frau, ich arbeite wie eine Frau und ich habe Sex wie eine Frau."

Frauen werden über ihren Körper definiert

Weiblichkeit hat viel mit Körperlichkeit zu tun. Warum sind so viele Frauen unzufrieden mit sich selbst? Auch heute noch ist es nahezu unmöglich, das eine ohne das andere zu thematisieren. Deshalb ist der Körper auch ein Thema in ihrem Bühnenprogramm. "Man kann das Thema Weiblichkeit nicht ohne Körperlichkeit ansprechen", erklärt der Comedy-Star. "Aber nicht, weil das theoretisch nicht gehen würde, sondern weil wir überhaupt noch nicht bereit dafür sind und Frauen immer noch über ihren Körper definiert werden."

Ein gemachtes Problem. Das Absurde: "Sie können noch so erfolgreich und noch so berühmt sein, noch so viel Geld verdienen und noch so viel auf die Kette kriegen, noch so intelligent sein, sie können die Beste im Bett sein, die beste Ehefrau und Mutter sein – das ist völlig egal. Am Ende des Tages wird ein Strich drunter gezogen und gefragt: Wie sieht sie eigentlich aus?"

Selbst bei den mächtigsten Frauen der Welt wird gefragt, was sie tragen, ob sie geliftet sind oder gemachte Brüste haben. Wer im Focus steht und schlecht abschneidet, weil er einer Norm nicht entspricht, wird als minderwertig abgewertet. Dabei gibt es gar keine Norm. Nicole Jäger: "Der weibliche Körper ist schön – und zwar nicht obwohl er klein, groß, dick oder dünn ist, sondern WEIL er es ist."

"Ich hasse auch dieses Relativieren", sagt Nicole Jäger. Ein paar Beispiele: Also für eine alte Frau ist sie echt noch ganz gut angezogen. Für eine dicke Frau hat sie ein echt schönes Gesicht. Dafür, dass sie zweifache Mutter ist, hat sie eine echt gute Figur. "Übrigens sind das keine Komplimente, das sind alles Beleidigungen."

Gewicht ist nicht das Problem, sondern das Symptom

"Für mich war ein ganz wichtiger Punkt, festzustellen, ich bin eine Frau, ich darf einen dicken Arsch haben", erklärt Nicole Jäger. "Das ist völlig in Ordnung. Das macht mich nicht weniger zu einer Frau. Das macht mich zu einer Frau mit einem dicken Po. Ich habe übrigens auch Cellulite und hässliche Knie – das ist völlig in Ordnung. Zur Weiblichkeit gehört ein Gefühl von Attraktivität. Damit meine ich nicht, einer Norm zu entsprechen. Dazu gehört, an sich zu erkennen, was ist schön und was ist nicht so schön, und ob ich das trotzdem toll finden kann. Die Antwort ist übrigens: Ja!"

Selbstakzeptanz und Veränderung schließen sich für Nicole Jäger nicht aus. Im Gegenteil. "Der wichtigste Punkt der ganzen Abnehm-Arie, die ich hinter mir habe, war nicht zu checken, dass Schokolade mehr Kalorien hat als ein Apfel. Ich bin übergewichtig, nicht bescheuert! Das war mir schon klar. Wichtig war zu verstehen, wo ist meine Problematik und warum habe ich so wenig mit meinem Körper zu tun."

Nicole Jäger nahm ihren Körper und ihre Seele als zwei voneinander getrennte Dinge wahr. Der Körper war nicht gut genug, darunter litt auch die Seele. Doch um die hat sie sich nicht gekümmert, weil es ja um den Körper ging. Dieses Phänomen beobachtete sie auch bei anderen Frauen, die mit ihrer Weiblichkeit und ihrem Körper ein Problem hatten: "Ich hatte eine Praxis voll mit Frauen, die alle 50, 60, 70 Kilo abgenommen hatten, operiert und trotzdem totunglücklich waren, weil sie feststellen mussten: 'Gewicht war gar nicht mein Problem‘ – nein, natürlich nicht. Gewicht war nur das Symptom. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, was wir wollen und brauchen und an dem Punkt 'Ich bin o.k.‘ gar nicht erst ankommen."

Veränderung ist ohne Selbstakzeptanz nicht möglich

Seit dieser Erkenntnis hat Nicole Jäger 180 Kilo abgenommen. "Heute nehme ich weiter ab und das ist gut, weil ich mich damit gut fühle. Aber das ist nur ein Teil meiner Existenz. Und wenn ich 20 Kilo weniger wiege, bin ich immer noch die gleiche Frau – nur mit 20 Kilo weniger oder halt mehr."

Abschätzige Blicke und Beleidigungen bekommt sie jedoch auch heute noch zu sehen und zu hören. Die Verletzungen, die Nicole Jäger thematisiert, kennen sowohl Frauen als auch Männer: "Wir fühlen uns so schlecht, weil wir uns und andere so schlecht behandeln. Und damit meine ich auch, dass wir als Gesellschaft schlecht miteinander umgehen. Der Grund warum ich mich schlecht fühle, bist du. Der Grund warum du dich schlecht fühlst, bin ich. Darüber spreche ich."

Nicole Jäger auf Tour

Ihr Bühnenprogramm „Nicht direkt perfekt“ strapaziert gehörig die Lachmuskeln und manchmal eben auch die Tränendrüse. Vor allem aber gibt es jedem Einzelnen die Möglichkeit, sich selbst und sein Gegenüber besser zu verstehen und zu akzeptieren – so wie sie oder er ist. Denn normal ist eben nicht das "Cosmopolitan Covergirl", normal ist, dass jede Frau und jeder Mann einzigartig sind.

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