15.11.2018

#thisisnotconsent Nach Vergewaltigungs-Prozess: Tanga-Fotos gegen "Victim blaming"

Wenn's nach einer Anwältin geht, sollten Frauen ihre Spitzentangas in Zukunft lieber im Schrank behalten, wenn sie keinen Sex wollen. Der Hashtag #thisisnotconsent zeigt, wie Menschen auf ihre fragwürdige Denkweise reagieren.

Foto: iStock/chrisboy2004

Wenn's nach einer Anwältin geht, sollten Frauen ihre Spitzentangas in Zukunft lieber im Schrank behalten, wenn sie keinen Sex wollen. Der Hashtag #thisisnotconsent zeigt, wie Menschen auf ihre fragwürdige Denkweise reagieren.

Auf Instagram und Twitter kursieren zurzeit viele Posts mit dem Hashtag #thisisnotconsent – und Bildern von knapper Unterwäsche. Was es damit auf sich hat.

Fühlen Sie mal in sich hinein:

  • Wenn ich Sie frage, ob aufreizende Wäsche, kurze Röcke und ein tiefer Ausschnitt eine Einladung zum Geschlechtsverkehr sind – was würden Sie antworten?
  • Wenn ich Sie frage, ob eine Frau, die nachts alleine draußen unterwegs ist, einfach damit rechnen muss, in eine Ecke gezerrt und überfallen zu werden – was würden Sie antworten?
  • Wenn ich Sie frage, ob Personen, egal welchen Geschlechts, die sich gegen größere Personen, egal welchen Geschlechts, schlechter wehren können, nicht mehr auf die Straße gehen sollten – was würden Sie antworten?

Anders herum gefragt: Wenn jemand ein lautes "Nein" nicht akzeptiert und dennoch weitermacht – was würden Sie antworten?

Immer wieder gibt es Vorfälle, Situationen, in denen solche Fragen auftauchen – und eigentlich sollten sie einfach zu beantworten sein. Und doch verblüffen uns immer wieder Aussagen wie die einer Verteidigerin im irischen Cork, die einem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer eine Mitschuld ausgesprochen hatte, indem sie ihre Spitzenunterwäsche als Grund für einvernehmlichen Geschlechtsverkehr genannt hatte. Was folgte, war ein Aufschrei in den sozialen Medien: Unter #thisisnotconsent zeigten zahlreiche Twitter- und Instagram-Nutzer ihre Solidarität mit dem Mädchen.

#thisisnotconsent: Gericht entscheidet für den Angeklagten – wegen Unterwäsche

Was war passiert? In Cork stand dieser Tage ein 27-jähriger Brite vor Gericht. Der Vorwurf: Vergewaltigung eines 17-jährigen Mädchens in einer Gasse in der Stadt. Das Mädchen bis dato: noch Jungfrau. Das Urteil: Freispruch. Die Crux an der Geschichte: aufreizende Unterwäsche.

Der Angeklagte selbst hatte die Tat im Prozess abgestritten. Er und das Mädchen hätten sich nach wilder Knutscherei in eine Gasse verzogen und seiner Schilderung nach einvernehmlich Sex gehabt. Danach hatte ihn das Mädchen wegen Vergewaltigung angezeigt. Auf ihrer Seite steht ein Zeuge: Er habe gesehen, wie der Mann das Mädchen am Hals gepackt und gewürgt und dann mehrere Meter zum mutmaßlichen Tatort gezerrt habe. Der Angeklagte widerspricht: Der Zeuge habe die Situation falsch gedeutet. Zeugen für die Tat selbst habe es zudem nicht gegeben.

Was nun aber vielen sauer aufstößt, ist die Aussage der Verteidigerin des Angeklagten. Diese hatte sich nämlich im Abschlussplädoyer an die Jury wie folgt geäußert: "Schließt die Beweislage die Möglichkeit aus, dass sie [Anm. d. Red.: die Klägerin] sich zu dem Angeklagten hingezogen fühlte und offen dafür war, jemanden zu treffen und mit ihm zusammen zu sein? Sie müssen sich anschauen, wie sie angezogen war. Sie trug einen String-Tanga mit der Vorderseite aus Spitze."

Macht provokative Kleidung eine Vergewaltigung zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr?

Ihre Argumentation also: Das Mädchen habe den Geschlechtsverkehr mit ihrer Kleiderwahl provoziert – daher könne man davon ausgehen, dass der Sex einvernehmlich war.

Die Argumentation des Anwalts des Mädchens, sie habe vorher noch nie Geschlechtsverkehr gehabt und offensichtlich nicht ihr Einverständnis gegeben, kam hingegen wohl nicht an – ebensowenig die Aussage des Zeugen.

Nach Beraten der Jury (acht Männer, vier Frauen) wurde der Angeklagte schließlich einstimmig freigesprochen. Und das gefällt vielen Menschen im Internet gar nicht.

Ihr Vorwurf: Ganz klares "Victim Blaming" – also das Verantwortlichmachen des Opfers für die Tat. Unter dem Hashtag #thisisnotconsent, zu Deutsch etwa "Das ist keine Einwilligung" teilen immer mehr Instagram- und Twitter-Nutzer zurzeit Fotos oder Bilder von Tangas oder auch kritische Zeichnungen in den sozialen Medien.

Instagram-Nutzer zeigen Solidarität mit Tanga-Bildern

Viele der Beiträge triefen geradezu vor Ironie und Sarkasmus. String-Tangas seien definitiv kein Argument, um eine Vergewaltigung zu billigen und ihr das Ausmaß und die Tatschwere zu nehmen.

Eine Userin nahm die Debatte zum Anlass, sich bei der Verteidigerin zu bedanken – und gleich noch einmal Verhaltensregeln für Frauen in Erinnerung zu rufen: "Vergesst alles, was wir tun, um sexuelle Gewalt zu vermeiden, Leute, anscheinend müssen wir nur unsere Tangas wegwerfen, Gott sei Dank hat Elizabeth O'Connell [Anm. d. Red.: die Verteidigerin des Angeklagten] uns das gesagt." Ein Ausschnitt aus der verlinkten Liste: "Gegenden vermeiden, die man nicht kennt, Getränke abdecken, behaupten, nicht allein unterwegs zu sein, niemals High Heels zum Ausgehen anziehen, wenn man etwas trinken will, am besten gar nicht trinken, behaupten, man habe seine Periode... Zusatz: Niemals einen Spitzentanga anziehen, damit die Leute wissen, dass ich es nicht darauf anlege, vergewaltigt zu werden"

Andere Nutzer fragen nach einer Liste mit "zugelassenen Unterwäsche-Modellen" der Verteidigerin, "da sie ja anscheinend wisse, welche Modelle Einverständnis vermitteln und welche nicht".

Auch deutsche Twitternutzer melden sich mittlerweile zu Wort und beziehen Stellung...

... oder reagieren ironisch:

Warum die Schlussfolgerung, man nähme Geschlechtsverkehr aufgrund der Höschenwahl hin, kaum Sinn ergibt, beschreibt diese Nutzerin ganz treffend:

Ein irischer Comiczeichner hatte zudem eine Skizze erstellt und geteilt, die das Problem "am seidenen Faden" packt:

In Cork hat es mittlerweile sogar einen Protestmarsch gegeben:

Hunderte Protestierende seien demnach durch die irische Stadt in Richtung des Gerichts gelaufen, in der der Prozess abgehalten worden war.

Kleidung spielt in Irland wohl regelmäßig eine Rolle im Gericht

In Irland seien einer EU-weiten Umfrage nach übrigens rund neun Prozent der Bevölkerung der Meinung, man müsse für Geschlechtsverkehr nicht nach dem Einverständnis des Gegenübers fragen, wenn das Gegenüber "provokativ" gekleidet sei. Das schreibt die irische "Independent" in einem Nachbericht. Dort heißt es auch: "In Vergewaltigungsprozessen werden regelmäßig Details über die Kleidung des mutmaßlichen Opfers genannt." Das erzählt Noeline Blackwell, Chefin einer irischen Organisation, die Missbrauchsopfer unterstützt. "Es wird sehr, sehr regelmäßig angesprochen, wie jemand gekleidet war, die Menge, die der- oder diejenige getrunken hat, warum sie nicht geschrien haben, wenn sie doch in Schwierigkeiten gesteckt hätten."

Auch das "National Womens Council of Ireland" kritisiert die Vorgehensweise, Kleidung als Anhaltspunkt in Prozessen zu nutzen, scharf. Unterwäsche als Verteidigungsgrund für den mtumaßlichen Täter im Prozess zu nutzen, sei "nicht akzeptabel", sagt Ellen O'Malley Dunlop, die Vorsitzende des Rates. "Vergewaltigung ist Vergewaltigung, und kein Opfer von Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch nimmt das auf sich. Es ist eine Gewalttat und hat nichts mit Sex zu tun." Urteilende in solchen Prozessen sollten ihrer Meinung nach ein spezielles Training durchlaufen, um für solche Fälle gerüstet zu sein.

"Nein heißt nein": Ist gegenseitiger Respekt zu viel verlangt?

Auch hierzulande gab es in der Vergangenheit immer wieder Proteste zu ähnlichen Themen und Vorfällen. Als nach der Silvesternacht 2015 auf 2016 Frauen zur "Armlänge Abstand" geraten wurde, zog dies ein lautes Echo in den Sozialen Medien nach sich. Auch dort hatten sich viele bereits kritisch geäußert.

Aber "Victim Blaming" scheint in den Köpfen vieler Menschen verankert zu sein. Immer wieder hört man Aussagen wie "Naja, so wie sie angezogen war, braucht sie sich nicht wundern." Daran schließt sich lückenlos die Debatte um "No means no" – "Nein heißt nein" – an. Aber sollte uns nicht allen klar sein: Sobald ein Mensch – und das schließt jeden ein – ein klares "Nein" äußert, ist dem auch Folge zu leisten. Ja, man kann sich durchaus umentscheiden. Sie hat erst Interesse gezeigt, möchte aber nicht weitergehen? Dann ist das zu akzeptieren. Eine Vergewaltigung bringt nicht nur körperliche, sondern auch große seelische Folgen mit sich, etwa posttraumatische Belastungsstörungen. Es ist eine Gewalttat, die nicht hinzunehmen ist. Viele Opfer schämen sich dennoch und schweigen lieber – auch aufgrund von solchen "Victim Blaming"-Fällen, denn die verängstigen nur noch mehr.

Wo ist der gegenseitige Respekt?

Eine Anmerkung von uns dazu: All das hat mit gegenseitigem Respekt zu tun. Und dieser Respekt sollte auch von Vertretern des Rechtsstaates und jedem, der das Opfer einer sexuellen Straftat irgendwie für sein Schicksal verantwortlich macht, ausgehen. Eigentlich nennt sich das gesunder Menschenverstand. Und auf genau den sollten wir uns alle noch einmal zurückbesinnen. Dass die Diskussion um Themen wie sexuelle Gewalt oder auch "ledglich" ungewollte sexuelle Anzüglichkeiten sicher keine leichte ist, zeigt die #metoo-Debatte, die auch in Deutschland Wellen geschlagen hat.

Der #thisisnotconsent-Protest scheint nun aber zumindest in Irland Kreise zu ziehen. Es soll nun untersucht werden, wie sexuelle Nötigung in Zukunft verhandelt werden soll.

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