01.03.2019

Juttas Tochter stirbt, Susans Sohn ist Schuld Freundschaft nach Unfalltod: Die bewegende Geschichte zweier Mütter

Jutta Andresen (l.) mit Susan, der Mutter des jungen Mannes, der für den Tod ihrer Tochter verantwortlich ist.

Foto: Jutta Andresen

Jutta Andresen (l.) mit Susan, der Mutter des jungen Mannes, der für den Tod ihrer Tochter verantwortlich ist.

Jutta Andresen hat ihre Tochter durch einen Autounfall verloren. Es bricht ihr das Herz – dennoch nimmt sie irgendwann Kontakt zum Unglücksfahrer und dessen Familie auf. Mit seiner Mutter ist sie heute befreundet – und hat zusammen mit ihr die ganze bewegende Geschichte aufgeschrieben.

Wie viel muss eine Mutter aushalten können, die ihre geliebte Tochter durch einen Unfall verliert? Wie stark muss sie sein, um demjenigen vergeben zu können, der dafür verantwortlich ist? Und wie viel Lebensmut und Nächstenliebe müssen in ihr stecken, wenn sie zu der Familie dieses Menschen freundschaftliche Bande knüpfen kann?

Die Geschichte von Jutta Andresen geht unter die Haut. Es ist eine Geschichte voller Leid und Trauer auf der einen, Mut und Liebe zum Leben auf der anderen Seite – und vor allem eine Geschichte, die Hoffnung macht: Wer bereit ist zu vergeben, kann lernen, ohne Verbitterung zu leben und mit dem Schmerz umzugehen. Aber es ist ein langer Weg.

Jutta Andresen hat ihre Geschichte zu Papier gebracht: "Eine Freundschaft – aus dem Schicksal geboren" sei "ein Tagebuch für trauernde Menschen, die einen geliebten Angehörigen durch den Tod verloren haben." Mit BILD der FRAU hat sie darüber gesprochen.

"Eine Freundschaft – aus dem Schicksal geboren": Die Geschichte von Jutta Andresen

Es ist der 23.12.2013, als Jutta Andresen vom Tod ihrer Tochter erfährt. Tassja, genannt Tassi, kommt mit 25 Jahren ums Leben – in Australien, während eines Auslandsstudienjahres.

Mit ihrem Freund Andy, den sie dort erst kennengelernt hat, und zwei weiteren jungen Männern ist Tassi in Australien unterwegs. Den Unglücksfahrer kennt Juttas Tochter erst ein paar Stunden. Die vier fahren auf einer unbefestigten Straße, der Fahrer ist alkoholisiert, der Pickup fällt um. "Tassi saß mit ihrem Freund auf dem hinteren, offenen Teil des Pickup-Trucks, wurde heruntergeschleudert und war sofort tot", schreibt Jutta Andresen in ihrem Buch.

Die ersten Tage, Wochen sind unerträglich, kaum auszuhalten für die trauernde Mutter. Sie hat wenig Informationen über den Tathergang, irgendwann erfährt sie die Adresse von Andy, nimmt mit ihm Kontakt auf. Und er antwortet ihr: "Es sind sehr bewegende, aufrichtige Worte eines jungen Mannes, der selbst noch unter Schock steht", sagt Jutta Andresen – und stellt fest: Sie hat über ihren eigenen Schmerz und ihre Trauer vergessen, dass es anderen Menschen genauso geht wie ihr – sie trauern um Tassi.

Der Unglücksfahrer soll für 10 Jahre ins Gefängnis

Über Andy erfährt Jutta Andresen schließlich Namen und Adresse des Fahrers. Und sie entscheidet sich, Kontakt zu ihm aufzunehmen: "Es ist eine Entscheidung meines Herzens, und ich bin mir sicher, meine Tochter hätte genauso gehandelt", sagt sie. Dan, der Fahrer, soll eigentlich für zehn Jahre ins Gefängnis – so heißt es zunächst. Er ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung und Trunkenheit am Steuer.

An das zuständige Gericht in Australien schickt Jutta Andresen einen Brief mit der Bitte, das Strafmaß für Dan herunterzusetzen. "Er ist doch noch so jung", sagt sie, "er hat sein Leben auf eine Art ja auch verloren." Ihm selbst schickt sie eine Freundschaftsanfrage über Facebook. Und sie weiß, dass sie ganz im Sinne ihrer Tassi handelt:

Unterstützung, das richtige zu tun, findet sie auch bei einem Medium, das sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Stiefvater von Tassi, aufsucht. Nach der Sitzung ist sie überzeugt davon, dass sie gerade mit der Verstorbenen gesprochen hat: "Im Inneren meines Herzens fange ich an zu begreifen, dass es etwas zwischen Himmel und Erde gibt, was man nicht erfassen kann. Und ich bin so dankbar dafür!"

Jutta Andresen lernt die Familie des Fahrers kennen

Irgendwann erhält Jutta Andresen dann einen Brief von Dan. Er zeigt, dass der Unfall auch sein Leben verändert hat, dass er sich verantwortlich fühlt – und dass ihm ihre Kontaktaufnahme sehr viel bedeutet. "Ich wollte keine Dankbarkeit von ihm", erzählt sie, "aber seine ganze Familie war es: unendlich dankbar." Auf Dans Brief hin spürt Jutta Andresen: Sie will diesen jungen Mann kennenlernen. "Ich weiß, das hätte meine Tochter auch gemacht", ist sie sich sicher.

Und dennoch: "Diesen Weg zu gehen hat sehr weh getan, es war ein sehr emotionaler Weg", erinnert sich Jutta Andresen. Sie fliegt nach Sydney und trifft dort zuerst Dans Mutter Susan. "Wir haben uns umarmt, sofort eine Verbindung gespürt", erzählt sie. "Wir sind ja beide Mütter, wir leiden beide wegen derselben Geschichte – und trotzdem ist es natürlich auch ganz unterschiedlich."

Dans Strafe wurde auf 2,5 Jahre Gefängnis festgelegt – mit der Aussicht auf Bewährungsstrafe nach einem Jahr bei guter Führung. Mittlerweile ist er wieder ein freier Mann. Susan schildert ihren Sohn als einen liebevollen, sensiblen Jungen, der sich schuldig fühlt und große Ängste hat, die Mutter von Tassi zu treffen. Es rührt Jutta Andresen, wie Susan über ihren Sohn spricht: "Deshalb versuche ich, mich in ihre Lage zu versetzen, bis ich auch ihren Schmerz tief in mir fühlen kann."

Der schmerzvolle Besuch der Unglücksstelle, das Treffen mit Dan

Die nächste Station von Jutta Andresen ist die vielleicht schwierigste ihres Australien-Besuchs: Sie besucht die Stelle, an der ihre Tochter gestorben ist. Ein von Andy und Dan gemeinsam gepflanzter Baum markiert den Ort. Die Mutter will einen Moment allein sein: "Ich starre nur vor mich hin und empfinde einen tiefen inneren Schmerz, den man nicht beschreiben kann. Es tut so wahnsinnig weh."

Am nächsten Tag dann trifft Jutta Andresen den jungen Mann, durch den ihre Tochter ums Leben gekommen ist. Sie umarmen sich weinend, Dan sagt immer wieder, dass es ihm so leid tue. "Mich durchflutet ein warmes Gefühl des Verzeihens, der Vergebung, der Zuneigung und der Liebe. Ich habe mütterliche Gefühle für ihn und versuche, ihn zu trösten. Es ist passiert, es war ein Unglücksfall, und wir alle müssen damit leben", beschreibt Jutta Andresen die Situation, die ungewöhnlich und aufwühlend ist – und von so unendlich großer Stärke zeugt.

Verzeihen können – das sollten viel mehr Menschen tun

Wie ist es, demjenigen zu verzeihen, der einem das eigene Kind genommen hat? Sie sei eben sensibel, schon allein durch ihren Beruf im Krankenhaus in der Nofallaufnahme – und dann durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit in einem Hospiz, in dem sie Sterbende begleitet, sagt Jutta Andresen. "Ich hatte am Anfang auch ein schlechtes Gewissen meiner Familie gegenüber, und es gab auch Menschen in meinem Umfeld, die verständnislos reagierten, die mich fragten, wie ich dem Mörder meiner Tochter nur verzeihen könne." Verzeihen sei aber richtig, beteuert sie, das sollten viel mehr Menschen machen. "Es tut so gut, sich auszusöhnen – meine Tochter hat genauso gedacht und gefühlt."

Darum hat Jutta Andresen dieses Buch geschrieben

Dass sie das Buch schreiben wolle, erzählt Jutta Andresen, habe sie zusammen mit Dans Mutter beschlossen – bei einem der weiteren Besuche, aus denen sich bereits eine tiefe Freundschaft und Zugehörigkeit entwickelt hat. "Susan fühlt sich auf der Schuldseite – für mich war es eine Art der Trauerbewältigung", sagt sie. "Unsere Gefühle in Worte zu fassen und damit anderen Menschen zu helfen, um Ihnen Trost zu spenden, und ihnen die Gewissheit zu geben, dass es weitergeht, egal, was das Schicksal im Leben bereithält. Das soll unser Ziel sein, denn es gibt immer einen Weg, wenn die Bereitschaft da ist, zu hoffen und zu glauben. Und die Liebe zu spüren, die uns im Grunde alle verbindet."

Und sie sagt weiter: "Außerdem wird zu wenig über den Schmerz eines so tiefen Verlustes geredet, es gibt kaum Trauerlektüre, mir kam es oft fast wie ein Tabuthema vor. Mit dem Buch will ich Trost spenden, anderen Menschen in ähnlicher Situation zeigen: sie sind nicht allein!"

"Mein Leben hat sich verändert. Es gibt nur ein Leben vor dem 22. Dezember 2013 und ein Leben danach. Es muss weiter gehen, nur wie?", schreibt Jutta Andresen in ihrem Buch. Und beantwortet die Frage selbst an anderer Stelle: "Ich habe eine Antwort für mich gefunden. Ich habe meinen Glauben wieder gefunden, Hoffnung, Verstehen, Verzeihen, die Empathie für andere Menschen, Mitgefühl, positive Gedanken, Zufriedenheit mit dem, was man hat und besitzt, und das Wichtigste in diesem Leben – die Liebe."

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