28.06.2018

Experte erklärt die Probleme Kassiererin: Harter Job, wenig Geld und drohende Altersarmut

Kassiererinnen haben einen schweren Job. Ein Experte spricht im Interview über die größten Probleme, etwa Altersarmut.

Foto: imago/photothek

Kassiererinnen haben einen schweren Job. Ein Experte spricht im Interview über die größten Probleme, etwa Altersarmut.

Wenig Geld, kaputte Knochen und drohende Altersarmut – der Job von Kassiererinnen ist alles andere als leicht. bildderfrau.de hat mit einem Experten über die harten Arbeitsbedingungen gesprochen.

Sie haben jeden Tag mit unzähligen Kunden zu tun, sind das Aushängeschild eines Ladens: die Kassiererinnen und Kassierer. Von ihnen wird erwartet, dass sie immer freundlich sind, den Kunden Rede und Antwort stehen und stets den Überblick behalten. Aber wie sieht es eigentlich hinter der Fassade aus? bildderfrau.de hat bei einem Experten nachgefragt – er sagt, dass vielen Kassiererinnen und Kassierern die Altersarmut drohe!

Kassierer/in: Ein Knochenjob, bei dem die Altersarmut droht

Der Mindestlohn liegt in Deutschland aktuell bei 8,84 Euro. Verkäufer erhalten laut "Gehaltsvergleich.com" einen Stundenlohn von rund 15 Euro. Auch die Karriereplattform Glassdoor berichtet von Stundenlöhnen zwischen 11 und 15 Euro. Obwohl im Durchschnitt mehr als der Mindestlohn gezahlt wird, sieht die Gehalts-Lage bei den Kassierer/innen nicht gut aus. Andreas Splanemann, Pressesprecher vom ver.di-Landesbezirk Berlin-Brandenburg: "Die Arbeit im Einzelhandel wird zu über 70 Prozent von Frauen geleistet, außerdem ist der Teilzeitanteil sehr hoch. Immer weniger Unternehmen sind tarifgebunden, daher erhalten viele Beschäftigte nur einen geringen Lohn, der zum Leben nicht reicht. Aufgrund dieser Situation sind vor allem die Frauen von Altersarmut bedroht."

Es gibt Tricks, um den Mindestlohn zu unterlaufen

"Die Einführung des Mindestlohns hat die Situation für viele Beschäftigte verbessert", aber einige Unternehmen versuchen, mit Tricks den Mindestlohn zu unterlaufen. Strengere und bessere Kontrollen wären notwendig, um das zu unterbinden. Die Realität sieht aber anders aus. Splanemann: "Leider sind die zuständigen Behörden personell gar nicht in der Lage, die Kontrollen im erforderlichen Umfang durchzuführen." Viele Kassierer/innen leben dadurch am Rande der Armut.

"Kleine Fehlbeträge in der Kasse können die Kündigung bedeuten"

Und der Job ist alles andere als leicht, Kassierer/innen sind meist hohem Stress ausgesetzt. Häufig arbeiten sie in Schichtdiensten. Dazu kommt, dass viele Filialen personell unterbesetzt sind. Schon kleine Fehler können direkte Konsequenzen haben. "Die Arbeit ist körperlich anstrengend und erfordert eine hohe Konzentration. Auch kleine Fehlbeträge in der Kasse können bei einigen Unternehmen die Kündigung bedeuten", so Splanemann.

Edeka-Kassiererin berichtet über ihren Job

Wie hart Kassierer und Kassiererinnen arbeiten, hat Jolanta Schlippes im März in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sehr offen berichtet. Die 54-Jährige sagt: "Als ich acht Stunden am Tag gearbeitet habe, war ich total fertig. Mein Limit sind sechseinhalb Stunden. Ich habe mir gesagt, was nützt mir ein freier Tag in der Woche, wenn ich den nur verschlafe und jeden anderen Tag ungern arbeiten gehe? Jetzt habe ich nur den Sonntag frei, arbeite sechseinhalb Stunden an sechs Tagen." In der Zeit muss sie voll durchpowern und immer konzentriert sein.

Pause während der Arbeitszeit gibt es so gut wie gar nicht mehr, erklärt Schlippes. Auch wenn kein Kunde an der Kasse ist, bleibt die Kassiererin in Action: "Wir haben so viel anderes zu tun. Wenn was umkippt, machen wir sauber. Oder räumen Ware aus. Wir sind nicht mehr nur Kassiererinnen." Und das geht an die Substanz, auch körperlich. Schlippes: "Ich hatte zwei Bandscheibenvorfälle. Auf dem Stuhl habe ich eine Sitzhilfe, damit der Körper lockerer ist. Und wir sitzen aufrecht."

So werden Kassierer/innen überprüft

Neben der eigentlichen Arbeit sollen die Kassierer/innen "unauffällig" die Kunden im Blick haben – mit dem Ziel, Ladendiebstähle zu verhindern. Der Arbeitgeber führt regelmäßige Tests durch, denn jede Ware, die unbezahlt den Laden verlässt, ist ein Verlust für ihn. Splanemann: "Kassierer/innen kommt hier eine gewisse Rolle zu, denn sie sollen auch den unkontrollierten Abgang von Ware überwachen."

Dafür setzen die Arbeitgeber spezielle Testkäufer ein, "sie müssen versuchen, die Kassierer/innen an der Kasse auszutricksen. Versagt der/die Beschäftigte, gibt's ein Personalgespräch", so Splanemann. Aber es geht nicht nur um Diebstähle. Die Arbeit und das Auftreten der Kassierer/innen wird ständig überprüft, dabei werden Aspekte wie Verhalten, Freundlichkeit und Kundendienst getestet. Ein schlechter Tag, miese Laune und eine Unaufmerksamkeit zum falschen Zeitpunkt können somit im schlimmsten Fall den Job kosten.

Unterschiede zwischen Discountern und Supermärkten

Unterschiede gibt es laut Schlippes im Job auch zwischen Discountern und Supermärkten. Die Edeka-Kassiererin sagt: "Aldi wollte mich haben. Da hätte ich mehr Geld verdient als hier. Aber hier habe ich meine Leute, hier fühle ich mich zu Hause. Und es ist entspannter. Hier muss man nicht soundso viele Anschläge an der Kasse in der Minute machen."

Auch der Experte bestätigt dies. Splanemann: "Es gibt leider Unternehmen, die Beschäftigte unter Druck setzen und alles versuchen, um die Wahl von Betriebsräten zu verhindern. Die Beschäftigten werden bewusst eingeschüchtert. Einige Arbeitgeber versuchen mit Druck zu verhindern, dass sich Beschäftigte organisieren und gegen die schlechten Arbeitsbedingungen aufbegehren." Es gibt aber auch positive Beispiele. Namen von Betrieben will der Experte zwar nicht nennen, aber er erklärt, was einen guten Arbeitgeber ausmacht. "Vorbildlich sind die Unternehmen, die sich um faire Bedingungen bemühen, Tarifverträge abschließen und die Arbeit ihrer Mitarbeiter/innen wertschätzen. Zu den guten Arbeitsbedingungen gehört natürlich auch eine funktionierende Mitbestimmung im Betrieb," so Splanemann.

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Das fordert die Gewerkschaft

Dazu bestehen noch große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Sowohl beim Blick auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern als auch beim Verdienst. Splanemann: "Bei den einfach Beschäftigten ist der Frauenanteil sehr hoch, allerdings kehrt sich das Verhältnis bei den Führungskräften um. Hier muss noch viel passieren, damit Frauen und Männer gleiche berufliche Chancen haben." Die Gleichberechtigung ist in dem Berufszweig noch nicht angekommen.

Die Gewerkschaft stellt klare Forderungen an die Arbeitgeber. "Das größte Problem sind die prekären Bedingungen, zu denen Minilöhne und miese Arbeitsbedingungen gehören. Viele Kassierer/innen müssen aufstocken und sind akut von Altersarmut bedroht. Wir setzen uns für faire Tarifverträge ein, die die Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten klar und angemessen regeln. Tariflosigkeit ist sehr oft mit Lohn- und Sozialdumping verbunden. Das zu verhindern, ist unser Ziel," so Splanemann.

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Höchste Zeit, dass sich was ändert, damit die zahlreichen Kassierer/innen endlich auch gut von ihrem Job Leben können. Möglicherweise ändert sich dadurch auch eine entscheidende Kleinigkeit für die Kunden: Vielleicht kommt das Lächeln der Kassierer/innen dann von Herzen, weil sie sich ein Stück weit gerechter behandelt fühlen und ihren Job so wieder freudiger ausüben. Denn für viele von ihnen ist es der Traumberuf, den sie niemals aufgeben wollen – obwohl er sie häufig an ihre Grenzen bringt.

Hier erfahren Sie, mit welchen Verkaufsstrategien wir zum Kauf verführt werden.

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