13.06.2019

Neue Entwicklungen Kükenschreddern-Verbot abgelehnt – wie lange soll das Sterben weitergehen?

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Noch immer werden millionenfach männliche Küken auf grausame Weise getötet. Ein gefordertes Verbot wurde nun rechtskräftig abgelehnt – zumindest, bis es wirtschaftlich rentable Verfahren zum Bestimmen des Geschlechts in Brütereien gibt.

Foto: imago/Westend61

Noch immer werden millionenfach männliche Küken auf grausame Weise getötet. Ein gefordertes Verbot wurde nun rechtskräftig abgelehnt – zumindest, bis es wirtschaftlich rentable Verfahren zum Bestimmen des Geschlechts in Brütereien gibt.

Das Kükenschreddern gehört leider noch immer nicht der Vergangenheit an – die Entscheidung darüber wurde nun erneut vertagt. Wie kann die Bundesregierung das grausame Töten einfach geschehen lassen? BILD der FRAU ließ bereits 2018 Ernährungs- und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner im Interview Stellung beziehen.

In Deutschland wurden 2017 Jahr fast 50 Millionen männliche Küken grausam getötet, im Jahr 2018 waren es mit rund 42 Millionen nicht wesentlich weniger. Und warum? Weil sie keine Eier legen können. Schon Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) versprach BILD der FRAU, das Morden zu stoppen. Passiert ist bis heute nichts. Wir hatten die Amtsinhaberin Julia Klöckner (CDU) dann 2018 gefragt: Wann beendet die Regierung die Tierquälerei, wann kommt endlich das Kükenschreddern-Verbot?

Und jetzt die Ernüchterung: Das Bundesverwaltungsgericht hat das Töten männlicher Küken als rechtmäßig bestätigt. Zumindest vorübergehend. Können wir also noch mit einer Gesetzesänderung rechnen?

Entscheidung: Kükenschreddern-Verbot kommt nicht – erstmal

Update vom 13. Juni 2019: Es ist beschlossen: Das Töten männlicher Küken in Brütereien darf weitergehen, das Kükenschreddern-Verbot ist vom Tisch. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig nun beschlossen (BVerwG 3 C 28.16 und 3 C 29.16).

Jedoch wird der Beschluss nicht ewig gelten, sondern nur solange in kraft bleiben, bis alternative Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei eingeführt werden.

Was war passiert? Zwei Brutbetriebe hatten geklagt, nachdem das Land Nordrhein-Westfalen die Praxis des Kükentötens den Brütereien im Jahr 2013 untersagt hatte, mit Berufung auf das Tierschutzgesetz. Die Aufzucht männlicher Küken, wie es unter anderem PETA fordert, sei unwirtschaftlich, da sie keine Eier legen. Das Oberverwaltungsgericht Münster hatte bestätigt, dass dies ein vernünftiger Grund sei.

Zwar werden männliche Küken heute vor allem vergast, seltener geschreddert. Sterben müssen sie trotzdem, da sie aufgrund ihrer gezüchteten Rasse nicht genügend Fleisch ansetzen und sich damit wirtschaftlich nicht rechnen.

Bis das Verfahren zur Geschlechtsbestimmung serienreif ist, bleibt alles beim alten

"Das wirtschaftliche Interesse an speziell auf eine hohe Legeleistung gezüchteten Hennen ist zwar für sich genommen kein vernünftiger Grund im Sinne von Paragraph 1 Satz 2 Tierschutzgesetz für das Töten der männlichen Küken aus diesen Zuchtlinien. Da voraussichtlich in Kürze Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei zur Verfügung stehen werden, beruht eine Fortsetzung der bisherigen Praxis bis dahin aber noch auf einem vernünftigen Grund", erklärt die Vorsitzende Richterin Renate Philipp.

Anwalt Martin Beckmann bestätigte nach der Verhandlung gegenüber Spiegel Online, die Praxis werde sich ändern, sobald ein technisches Verfahren der Früherkennung auf dem Markt sei und von den Klägern, aber auch von anderen erworben werden könne.

Fakt ist: Die gibt es schon. Jedoch rentieren sie sich wirtschaftlich noch nicht für die meisten Betriebe und sind noch nicht serienreif.

Die PETA argumentiert währenddessen gegenüber Spiegel: "Durch ein Kükentötungsverbot würde ein Ei Schätzungen nach 1 bis 2 Cent teurer werden."

Auch Foodwatch sieht eklatanten Widerspruch zum Staatsziel Tierschutz

Und das Tierleid sei mit dem flächendeckenden Einführen der Geschlechtsbestimmung auch nicht abgewehrt, erklärt Matthias Wolfschmidt, internationaler Kampagnendirektor der Verbraucherorganisation foodwatch: "Tierschutz ist Staatsziel – so steht es im Grundgesetz. Aber: Das millionenfache Töten männlicher Küken aus rein wirtschaftlichen Gründen steht in einem eklatanten Widerspruch zu dem im Grundgesetz verankerten Staatsziel Tierschutz. Die Verfassung verspricht den Tieren Schutz – das Tierschutzgesetz hebelt diesen Schutz aus. Wenn das Tierschutzgesetz das massenhafte Töten männlicher Küken aus rein wirtschaftlichen Gründen erlaubt, dann ist es in seiner jetzigen Form verfassungswidrig. Es ist höchste Zeit, dass Bundesagrarministerin Julia Klöckner das Tierschutzgesetz auf den Prüfstand stellt", sieht er die Ministerin in der Pflicht.

Und weiter: "Das Grundproblem ist, dass die Hühner entweder für eine extreme Legeleistung oder eine extreme Mastleistung gezüchtet werden. An diesem System ändert sich auch nichts, wenn im Brut-Ei das Geschlecht bestimmt wird und männliche Küken nicht auf die Welt kommen. Denn auch die Legehennen leiden heute massiv: Hohe Sterblichkeitsraten, Knochenbrüche und Brustbeinschäden infolge einer zu geringen Knochenfestigkeit, Eileiterentzündungen, eine große Anfälligkeit für Infektionskrankheiten – das alles gehört zu den fatalen Folgen der einseitigen Hochleistungszucht. Mit dem grundgesetzlich verankerten 'Staatsziel Tierschutz' sind diese Zustände nicht vereinbar. Statt auf Geschlechterselektion zu setzen, muss sich Bundesagrarministerin Klöckner für ein Ende der einseitigen Hochleistungszucht einsetzen. Die Verwendung von sogenannten Zweinutzungs-Hühnern, die sowohl für die Eierproduktion als auch für die Mast geeignet sind, ist eine gute Alternative. Diese sind gesundheitlich weniger anfällig und auch die Hahnenküken können als Nutztiere eingesetzt werden."

Die Stiftung Warentest hatte übrigens Eier von Discountern und Supermärkten getestet – auch das Kükentöten war dort ausschlaggebend für das Testergebnis.

Und Biobauer Christian Riedel zeigt, wie moderne Landwirtschaft auch ohne Kükensterben funktionieren kann.

Das Interview mit Julia Klöckner vom 6. Juni 2018

"Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, wann können wir mit dem Kükenschreddern-Verbot rechnen?"

BILD der FRAU: Liebe Frau Klöckner, Sie sind auf dem Land aufgewachsen, Ihre Familie hielt Hühner. Blutet Ihnen als Tierfreundin da nicht das Herz?

Julia Klöckner: Für mich ist klar: Tiere sind Mitgeschöpfe, keine Maschinen.

Und trotzdem passiert einfach nichts. Können Sie das Kükenmorden nicht verbieten?

Wir wollen, dass das ein Ende hat. Und deshalb treiben wir Alternativen voran. Denn wir wollen ja, dass die Betriebe bei uns bleiben und nicht ins Ausland abwandern und unter niedrigeren Tierschutzbedingungen dort produzieren und wir dann, als wäre alles gut, die Produkte wieder importieren.

Aber natürlich ist jedes getötete Küken eines zu viel. Daher fördert mein Ministerium mit 4 Millionen Euro die Forschung zur Geschlechtsbestimmung direkt im Ei. Sobald diese Methoden praxisreif sind, wird ein Verbot gar nicht mehr notwendig sein.

Aber Sie können doch nicht tatenlos zusehen!

Tatenlos, wie kommen Sie darauf? Das Gegenteil ist der Fall, wir forschen erfolgreich daran, das Geschlecht der Hühner direkt im Ei zu bestimmen (mehr Infos weiter unten im Text). Mit dieser Technologie sind wir in Deutschland ganz klar Vorreiter. Und an unseren Forschungsergebnissen besteht auch international großes Interesse. Zudem forschen wir an dem sogenannten Zweinutzungshuhn. Das sind Hühnerrassen, die nicht nur zum Eierlegen gezüchtet werden, sondern auch Fleisch ansetzen.

Das Kükenschreddern ist nicht die einzige Quälerei, die diesen Tieren zustößt: Zu Ostern werden in Asien Küken bunt gefärbt und von Straßenhändlern als Spielzeug verkauft.

Alternativen stehen kurz vor der Praxisreife

Die Verfahren werden doch schon seit Jahren erprobt. Warum werden sie dann nicht eingesetzt?

Nur im Märchen kann man mit dem Finger schnipsen und alles ist so, wie man sich das von einem auf den anderen Moment wünscht. Wenn Verfahren – so wie das zur Geschlechtsbestimmung im Ei – im Labor gut funktionieren, müssen sie in die Praxis überführt werden. Wir sind da schon sehr weit, stehen kurz vor der Praxisreife. Und ich freue mich zu hören, dass eine große deutsche Supermarktkette diese Technologie in ihren Brütereien noch in diesem Jahr zum Einsatz bringt.

Wird das Ei für den Verbraucher dann teurer?

Mit großen Preissprüngen ist nicht zu rechnen. Denn untersucht wird ja nicht jedes Ei im Supermarkt. Untersucht werden die Eier, aus denen Legehennen schlüpfen sollen. Aber grundsätzlich ist es natürlich schon so, dass wir als Verbraucher überlegen müssen, was uns Tierwohl wert ist. Schließlich entscheiden wir jeden Tag an der Supermarktkasse, was dauerhaft produziert wird.

Wie wird der Konsum von Lebensmitteln nachhaltiger, wie können Sie sich von der sogenannten Wegwerfgesellschaft in Sachen Lebensmitteln distanzieren? Entdecken Sie tolle Möglichkeiten, um Fleisch, Käse und Eier zu verwerten.

Die Zukunft der männlichen Küken

Ihr Ziel ist es, bis Ende 2019 das Kükensterben zu beenden. Schaffen Sie das denn?

Das haben wir im Koalitionsvertrag so verabredet und deshalb arbeiten wir daran, dass das Verfahren praxistauglich wird.

Was soll mit den männlichen Eiern passieren, die aussortiert werden?

Klar, auch das ist eine wichtige Frage. Hochwertiges Eiweiß wird schon jetzt beispielsweise für die Herstellung von Kosmetika wie Shampoos gebraucht und auch, um Futter für Heim- und Nutztiere herzustellen. Es gibt also durchaus Bedarf.

Bald kommt ein neues Tierwohl-Label für Fleischer

Sie arbeiten auch gerade an einem neuen Tierwohl-Label...

Genau. Denn ich bin der Meinung, dass der Verbraucher an der Fleischtheke eine verlässliche und klare Orientierung braucht. Jeder soll erkennen, was für das Tierwohl über den gesetzlichen Standard hinaus gemacht wurde – in Bezug auf Platz für die Tiere, Auslauf und Beschäftigungsmöglichkeiten.

Wann haben wir das Label in den Läden?

Ich lege eine gesetzliche Grundlage vor. Im nächsten Schritt müssen wir die Landwirte dafür gewinnen, ihre Ställe umzubauen. Die müssen dann zertifiziert werden. Wir haben diesen Prozess in Gang gesetzt. Und mir ist es ein Herzensanliegen, diesen Prozess so schnell wie möglich voran zu treiben.

Bei der Bundestagswahl 2017 haben wir einen Blick auf die Parteiprogramme in Sachen Tierquälerei und Massentierhaltung geworfen: Welche deutsche Parteien setzen sich für den Tierschutz ein?

Informationen zur Geschlechterbestimmung im Ei

So funktioniert die Geschlechter-Bestimmung:

  • Verfahren 1: Nachdem das Ei drei Tage bebrütet wurde, bohrt ein Laser ein kleines Loch in die Kalkschale. Dann wird ein spezielles Licht ins Innere des Eis geschickt. Männliche und weibliche Blutzellen reflektieren das Licht jeweils unterschiedlich. So kann die Maschine anhand des Lichts das Geschlecht definieren. Anschließend schließt die Maschine die Löcher wieder mit einer Art Pflaster.
  • Verfahren 2: Dabei wird neun Tage nach der Bebrütung mit einer Nadel in das Ei gestochen und etwas Flüssigkeit entnommen, um darin nach einem Hormon zu suchen. Ist es vorhanden, weiß man: Hier wächst ein weibliches Küken heran.

Doch ist es mit der Geschlechterbestimmung getan? Lea Schmitz, Pressesprecherin vom Deutschen Tierschutzbund: "Der millionenfache Kükenmord ist die brutale Folge einer auf Intensivierung ausgerichteten Tierzucht. Es braucht endlich ein klares, gesetzliches Verbot. Die Geschlechtererkennung im Ei ist zwar deshalb ein guter Schritt, weil keine geschlüpften Küken mehr getötet werden."

"Jedoch löst sie nicht das Problem, das sich hinter dem System verbirgt. Denn die überzüchteten Legehennen müssen Höchstleistungen beim Eierlegen erbringen, sind am Ende ihrer extrem verkürzten Lebenszeit vielfach ausgemergelt. Daher braucht es Konzepte, um aus der Intensivhaltung von Legehennen auszusteigen – etwa durch Rückkehr zu Zweinutzungshühnern."

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Im Video zeigen wir Ihnen, woran Sie erkennen können, ob bei Lebensmitteln auf das Wohl der Tiere geachtet wurde:

So erkenne ich, ob bei Lebensmitteln auf das Tierwohl geachtet wurde

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Dieser Artikel über das ausstehende Kükenschreddern-Verbot erschien zuerst in BILD der FRAU Nr. 19.

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